"Alles für die Tonne?" - Jeremia 2,13

Die zwei ist eine sehr positive Zahl, denn mit ihr fängt Gemeinschaft an. Zu zweit hat man es meistens leichter. Da kann man sich ergänzen und weiterhelfen. Und es ist immer beruhigend, wenn man weiß, wo der Zweitschlüssel liegt, auf einen Plan B zurückgreifen kann und von wichtigen Daten noch eine Kopie hat. Wer zwei hat, der ist sicher. Und er kann besser teilen. Nicht umsonst sagt man: geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.
Aber die zwei kann auch belasten. Wenn man für zwei arbeiten muss, wenn die Last und die Summe sich verdoppelt. Wenn man den gleichen Fehler zum zweiten Mal macht.
In der Bibel sind viele positive Aussagen mit der zwei verbunden, aber auch einige sehr ernste. Eine davon will ich mit euch näher anschauen. Sie hängt eng zusammen mit dem Wort, das uns in diesem Jahr als Losung begleitet. Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“  (Off 21,5). Und 700 Jahre vorher lässt Gott seinem Volk Israel durch den Propheten Jeremia sagen: „Mein Volk tut eine doppelte Sünde: Mich, die lebendige Quelle verlassen sie und machen sich Zisternen, die rissig sind und das Wasser nicht halten.“ (Jer 2,13)

Was ich habe
Weil es in Israel selten regnet, ist das Wasser sehr wertvoll. Nur wo es Wasser gibt, kann man leben. Aber weil nicht jeder an einem See oder Bach wohnen kann, braucht man auch in einer trockenen Umgebung eine sichere Wasserversorgung. Dazu gab es damals zwei Möglichkeiten.
Die erste ist, dass man einen Brunnen gräbt, der bis zum Grundwasserspiegel reicht und sich von unten mit Wasser füllt. Noch besser ist es natürlich, wenn der Brunnen von einer Quelle gespeist wird, wo immer frisches Wasser nachfließt. Das nannte man dann „lebendigen Brunnen“ (1. M 24; 26,19).
Die andere Möglichkeit war, eine Zisterne zu bauen. Dazu schlug man eine Vertiefung in einen Felsen oder grub ein Loch in die Erde und dichtete alles ab, um das Regenwasser darin zu sammeln.
Brunnen oder Zisterne - beides sind gute Möglichkeiten. Wenn ihr die Wahl hättet, was würdet ihr nehmen? Ganz klar, immer einen Brunnen, und am liebsten einen lebendigen, wo das Wasser frisch ist. Denn eine Zisterne kann undicht werden und austrocknen. Wenn das passierte, wurde sie sogar manchmal als Gefängnis genutzt (Joseph - 1.M 37,24; Jeremia - Jer 38,6).
Wer eine Quelle findet, hat es gut. Er ist sicher und versorgt. Darum wird dieses Bild an mehreren Stellen der Bibel für Gott gebraucht (Ps 36,10; Jer 17,13; Joh 4,14; Off 21,6). Er ist die lebendige Quelle. Bei ihm bekomme ich, was ich brauche. Hier kann ich leben. Denn Gott gibt mir Kraft, schenkt mir Halt, vergibt mir meine Schuld. Er gibt mir alles, was für mich gut ist. Und das jeden Morgen neu! Immer frisch.
Ein weiser Mann hat es so formuliert: „Wer den HERRN fürchtet, hat eine sichere Festung, und auch seine Kinder werden beschirmt. Wer den Herrn ehrt, ist an der Quelle des Lebens und wird vor tödlichen Fehlern bewahrt.“ (Spr 14,26+27)

Was mich wegzieht
Aber jetzt sagt Gott: „Mein Volk verlässt die lebendige Quelle.“ Warum sollte man das tun? Wofür würde ich eine so sichere Versorgung aufgeben? Solange die Quelle sprudelt, gibt es nur einen Grund: Es genügt mir nicht mehr!
Entweder ist es mir zu langweilig oder zu anstrengend. Denn eine Quelle macht mich abhängig. Sie bindet mich an einen Ort. Ich sehe immer die gleiche Umgebung und schöpfe an derselben Stelle. Jeden Morgen neu. Was beständig und zuverlässig da ist, kann mit der Zeit gewöhnlich und selbstverständlich werden.
Gott sagt: „Mein Volk verlässt mich. Sie verlassen die lebendige Quelle, obwohl sie immer sprudelt. Es ist alles noch da, was Gott für mich so wichtig und einzigartig gemacht hat. Er ist der Fels, mein Hirte, der Allmächtige, er ist barmherzig, gütig und gnädig… Aber in dem Moment, wo ich die Quelle verlasse, sage ich zu Gott: „Du genügst mir nicht! Was du mir gibst, ist zu wenig. Bei dir ist mein Leben zu eng.“
Den Israeliten fiel es damals nicht leicht, dass sie Gott nicht sehen und vorzeigen konnten. Das unterschied ihn von allen anderen Göttern, die um sie herum verehrt wurden. Dazu gab es noch die Gebote und Regeln für ihr Leben. Am Anfang waren sie dankbar für die klaren Anweisungen. Da wussten sie wenigstens, was richtig und falsch war. Aber mit der Zeit wollten sie das lieber selber entscheiden. Und mit allem, was sie taten, sagten sie Gott: „Das Leben mit dir ist anstrengend. Man kann vor dir nichts verstecken. Du bist uns zu groß, zu mächtig und zu stark. Wir hätten dich gern ein wenig kleiner und greifbarer.“
All das, was ihnen vorher so wichtig war, wird jetzt zu einer Last: Du bist ein Gott der mich sieht – auch wenn ich es nicht will… Du bist der Fels – aber muss es immer so hart sein?… Du bist der Allmächtige – dabei würde ich die Dinge auch gerne mal selber im Griff haben… Du bist der Hirte – aber ich habe auch schon einige schöne Weiden entdeckt…
Selbst der Prophet Jeremia wollte in einer Phase seines Lebens von Gott weg (Kap 20,7-9) Er sagte Gott: „Ich hätte mir diese Aufgabe nicht ausgesucht, aber du hast mich überredet und bist mir zu stark gewesen …“

„Mich, die lebendige Quelle verlassen sie“ Es ist oft keine plötzliche Entscheidung, sondern ein schleichender Prozess. Der ist typisch für so viele Bereiche. Wenn du in die Ehe startest, wenn die Kinder erst mal da sind, wenn du dich in deinem Beruf eingewöhnt hast, wenn du in einer Gemeinde angekommen bist. Erst freue ich mich darauf, dann gewöhne ich mich an das Gute. Dann entdecke ich immer mehr, was ich gerne auch noch hätte. Dann fallen mir die Schwierigkeiten und Probleme immer mehr auf und ich schaue mich nach Alternativen um. Auf einmal überwiegt nicht mehr die Dankbarkeit, sondern die Last. Es genügt mir nicht mehr. Und das hat Konsequenzen.

„Wer den Herrn ehrt, ist an der Quelle des Lebens und wird vor tödlichen Fehlern bewahrt.“ (Spr 14,27) Oder anders gesagt: Wenn die Quelle mir nicht mehr genügt, dann begehe ich einen tödlichen Fehler. Darum nennt Gott diese Entscheidung „Sünde“ oder wörtlich übersetzt „Böse“. Wenn Gott gut ist, kann alles, was mich von ihm wegzieht, nur „böse“ sein. Dann ist er nicht mehr der Eine und Einzige, der mein Leben bestimmt.
 
Was ich verliere
Vieles erinnert an das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15), der einfach nur von zu Hause weg wollte. Er sagte: Überall ist es besser als hier! Mein Vater ist zwar in Ordnung, aber es wird mir zu eng. Es genügt mir nicht mehr.
Wenn ich von der Quelle weggehe, brauche ich eine Alternative. Denn ohne Wasser kann ich nicht leben. Darum verlasse ich die Quelle nur, wenn ich etwas anderes habe. Mit einer schöneren Umgebung, mit mehr Möglichkeiten und Freiheit. Wo Menschen sind, mit denen ich mich besser verstehe.
Darum baue ich mir eine Zisterne. Ich kümmere mich selbst um das, was mir Freude macht und Sicherheit gibt. Ich entscheide, wo mein Vorratsbehälter steht und wie er aussieht. Damit bin ich endlich selbständig. Aber auch selbst ständig beschäftigt. Denn es kostet Mühe, sie zu bauen und zu erhalten. Aber Hauptsache, ich bin frei und unabhängig.

Dabei übersehe ich nur zwei Dinge: Ich bleibe von Gott abhängig. Ich kann in einer Zisterne nur sammeln, was Gott mir schenkt. Denn kein Mensch kann es regnen lassen. Der verlorene Sohn machte sich ein schönes Leben, aber er lebte dabei von all dem, was er von seinem Vater als Erbe bekommen hatte. Du kannst stolz sein, auf alles, was du kannst, auf deine Kraft, deine Gesundheit und deinen Verstand. Aber es sind immer Gaben, die Gott dir geschenkt hat. Du kommst aus dieser Abhängigkeit von Gott nicht raus!

Und das zweite ist: Ich kann Glück nicht sammeln. Was mein Leben wirklich erfüllt, kann ich nicht speichern. Liebe, Freude und Friede kann ich nur in dem Moment genießen, wenn ich sie bekomme. Alles, was ich sammle, ist mit der Zeit abgestanden und kraftlos. Und keine Zisterne hält für immer. Jede bekommt irgendwann Risse und verliert das Wasser.
Du kannst alles einsetzen, was du hast. Dein Geld in das Haus, deine besten Jahre in deinen Beruf, deine Kraft in deine Familie, dein Wochenende in dein Auto. Aber damit investierst du in die Tonne. Denn mit deinem Haus wirst du nie ganz fertig, deine Karriere wird nicht endlos dauern, weil andere irgendwann besser und schneller sind als du. Deine Kinder werden eines Tages aus dem Haus gehen und dein Auto wird auf dem Schrottplatz enden. Alles ist nur eine Zisterne. Du investierst immer in die Tonne – egal wie sie heißt. Es scheint für eine gewisse Zeit gut zu sein. Aber jede Zisterne ist am Ende undicht.
Mein Ansehen ist eine Zisterne. Wenn mir wichtig ist, was die anderen über mich denken.
Meine Gefühle sind eine Zisterne. Wenn ich alles tue, um mich gut zu fühlen.
Meine Gesundheit ist nur eine Tonne. Ich kann viel dafür tun. Aber ich kann sie nicht festhalten. Nichts kann mir am Ende die Sicherheit geben, die ich brauche, Nichts schenkt mir für immer genug Liebe, Frieden oder Erfüllung. Und jede Zisterne kann sogar mein Gefängnis sein, in dem ich innerlich verdurste.

Gott sagt es vorher mit sehr deutlichen Worten: „Mein Volk hat seine Herrlichkeit vertauscht gegen das, was nichts nützt.“ (Jer 2,11) Du hattest die Herrlichkeit. Du warst direkt an der Quelle. Aber du hast dich für eine undichte Zisterne entschieden. Du hast den einzigartigen Gott losgelassen, um dich von einer Regentonne abhängig zu machen.

Wer diese Herrlichkeit loslässt, kann nur hart werden. Wer die Quelle verlässt, wird immer die Sorge haben, dass es am Ende nicht reicht. Und das wird in einer Begegnung von Jesus sehr deutlich. Als mehrere Männer eine Frau beim Ehebruch ertappt hatten, wollten sie, dass Jesus das Urteil über sie spricht. Aber er hat sich gebückt und etwas auf die Erde geschrieben. Und danach sagte er: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ (Joh 8,7).
Es gibt viele Meinungen darüber, was Jesus auf die Erde geschrieben hat. Für mich macht es am meisten Sinn, diese Geste mit einem Gebet von Jeremia in Verbindung zu bringen: „Wer sich von dir löst, dessen Name wird wie in den Staub geschrieben sein und schnell vergehen. Denn er hat den Herrn verlassen, die Quelle des lebendigen Wassers.“ (Jer 17,13)
Was in den Sand geschrieben wird, das ist bald verweht und verwischt. Das bleibt nicht. Jesus hinterfragt die Männer: „Seid ihr noch an der Quelle, oder ist euer Ansehen für euch wichtiger geworden? Wenn du andere verurteilst, dann stehst du besser da. Deine Tonne „Stolz“ und „Ansehen“ wird gefüllt. Aber dein Herz wird hart. Schöpfst du noch aus der Quelle der Vergebung oder hast du dir einen Vorrat angelegt, den du jetzt mit allen Mitteln verteidigen musst?“ Jesus nennt die Dinge beim Namen: Sünde ist falsch! Was die Frau gemacht hat, ist nicht in Ordnung. Aber stell dich nicht über sie, sonst verlässt du die Quelle. Denn du brauchst die Vergebung genauso. Jeden Tag neu. Darum bleib an dieser Quelle. Sonst verdurstest du in deiner Zisterne.

Was ich brauche
Genau das betont Jeremia in seinem Gebet: „Wer sich von dir löst, dessen Name wird wie in den Staub geschrieben sein und schnell vergehen. Denn er hat den Herrn verlassen, die Quelle des lebendigen Wassers.“ (Jer 17,13)
Und dann bittet er: „Heile du mich, Herr, dann werde ich gesund, hilf du mir, dann ist mir geholfen. Ich preise nur dich allein!“ (Jer 17,14)
Jeremia gibt zu: Ich bin nicht gesund. Mir fehlt so viel. Alleine werde ich mit meinem Leben nicht fertig. Aber bei dir finde ich, was ich brauche. Alle meine Möglichkeiten sind nur undichte Zisternen. Aber du bist die Quelle. Nur bei dir werde ich gesund. Hier bin ich geliebt und sicher. Hier finde ich Frieden und Halt. Ich brauche dich!
Und das will ich lernen: Es gibt viel, was mich von Gott wegziehen kann. Aber ich will diese Herrlichkeit nicht eintauschen. Denn die Quelle des lebendigen Wassers sprudelt. Für mich. Und ich will mein Leben nicht für die Tonne leben, sondern für diesen Herrn. „Ich preise nur dich allein!“ Dafür gibt es keine Alternative.
Amen