„Alles Gnade“ - Epheser 2,8+9

„Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht. Er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
Denn aus Gnade seid ihr gerettet worden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“
(Eph 2,4-10)

„Einheit leben lernen“ heißt das Thema, unter dem in diesem Jahr die weltweite Gebetswoche der Evangelischen Allianz steht. Es ist bei uns Menschen nicht leicht, eine Einheit zu werden, weil die Unterschiede viel mehr auffallen. Gerade in den verschiedenen Gemeinden und unter uns Christen. Du bist nicht wie ich; ihr seid nicht wie wir; dort ist es ganz anders als hier. Und doch gibt es etwas, das uns verbindet – Jesus Christus.
Diese Einheit soll nicht nur beschrieben werden, sondern gelebt. Sie soll lebendig werden und etwas verändern. Ich empfinde es immer schon als ein großes Geschenk, wenn wir aus so unterschiedlichen Gemeinden gemeinsam Gottesdienst feiern können. Jeder mit seiner Geschichte, mit seinen Vorlieben und seinen Problemen. Aber doch miteinander. Es wird nur mit Kompromissen möglich sein. Aber wenn der Mittelpunkt klar ist, bekommt alles den richtigen Stellenwert.
Der Text, der für diesen Abschlussgottesdienst vorgeschlagen ist, bringt das kompromisslos auf den Punkt. Besonders zwei Verse, in denen der ganze Abschnitt konzentriert ist: „Aus Gnade seid ihr gerettet worden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“ (Eph 2,8+9)
Ich entdecke hier drei wesentliche Dinge, die uns miteinander verbinden. Das erste heißt: Uns verbindet

nichts!
Rein äußerlich gibt es nichts, was uns alle miteinander verbindet. Es gibt immer ein paar Dinge, die ich mit einzelnen von euch gemeinsam habe. Wir wohnen im selben Ort, fahren die gleiche Automarke, haben ähnliche Hobbys oder haben schon etwas zusammen erlebt. Aber die meisten von euch würde ich vermutlich nicht mal kennen, wenn ich nicht Prediger wäre. Es gibt nichts, was uns alle miteinander verbindet.
Und doch stimmt das so nicht. Darum muss ich es anders sagen: Es ist „nichts“ was uns miteinander verbindet. Wir bringen es alle nicht. Wir haben Gott nichts vorzuweisen und haben keinen Grund, auf irgendetwas stolz zu sein. Aus Gottes Perspektive sind wir Sünder und nicht in der Lage, etwas daran zu ändern. Wir sind verloren. Dreimal steht das hier in zwei Versen: „nicht aus euch“, „nicht aus Werken“, damit sich nicht jemand rühme“.
Dieses „nichts“ verbindet uns. Wir haben alle die gleiche Vorgeschichte und mussten lernen, dass wir von uns aus nichts aus unserem Leben machen können.
Paulus beschreibt es ganz radikal: „Wir waren tot in den Sünden.“ (V.5)
Und auch in anderen Briefen sagt er es: „Da ist keiner, der gerecht ist“ (Röm 3,10), „Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte“ (Röm 3,23), „Der Lohn für die Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23)

Was uns miteinander verbindet ist, dass wir Gott nicht genügen. Vor ihm gibt es nichts, worauf ich mir etwas einbilden oder stolz sein könnte. Und wenn ich ihm sage: „Ich gebe dir alles, was ich habe und bin, mein Herz und mein Leben!“, dann ist das eine Bankrott-Erklärung. Ich kann ihm keine glänzende Gabe bringen, sondern nur viele wirre Gedanken, Dreck und Schuld. Da liegt nur einen Haufen Scherben vor ihm.
Diese Tatsache schmeckt mir nicht. Ich mag es nicht, wenn ich mich nutzlos fühle. In der Oberstufe in der Schule hatte ich Sport als einen Schwerpunkt gewählt. Ich hatte mich für die Kombination Fußball, Volleyball und Schwimmen entschieden. Am Anfang des letzten Schuljahres habe ich mir im Knie das Kreuzband gerissen und durfte ein Jahr lang keinen Sport machen. Weil ich aber eine Note in diesem Fach brauchte, stand ich von da an nur noch daneben. Ich musste Schiedsrichter sein und sah, wie die anderen spielten. Ich musste Referate halten über die unterschiedlichen Schwimmstile – und die anderen durften ins Wasser. Es tat mir weh, bei jeder Sportstunde zu sehen: Ich kann es nicht!
Aber bei Gott stehe ich nicht nur daneben, sondern von mir kommt gar nichts. Es ist wie bei der Narkose während einer Operation. Da geschieht etwas an mir und ich mich nicht beteiligen. Ich kann hinterher nur sagen: Ich bin operiert worden.
Genauso beschreibt es Paulus: Wir sind „gerettet worden“. Es war nicht meine Idee und nicht mein Verdienst. Ich war nicht nur ohnmächtig, sondern tot. Und wer tot ist, von dem kann nichts kommen.
Und trotzdem lebe ich jetzt. Diese Tatsache leuchtet durch, wenn Paulus schreibt: „die wir tot waren in den Sünden“. Denn das ist sachlich nicht möglich. Von meinem Tod kann ich nicht in der Vergangenheit reden (ich war tot) und auch nicht in der Gegenwart (ich bin tot), sondern nur in der Zukunft (ich werde tot sein). Und das verbindet uns miteinander. Von uns kommt nichts – aber wir sind gerettet. Wir waren tot - aber jetzt leben wir. Und es gibt dafür nur eine Erklärung: Wir sind neu geboren worden. Oder wie Paulus sagt: „Aus Gnade seid ihr gerettet worden.“
Keiner ist besser als der andere. Egal, wie lange du schon zur Gemeinde gehörst, wie viele Menschen du zu Jesus geführt hast und mit welchen Gaben du dich einsetzt. Uns verbindet dieses „nichts“!
Und daran hängt die zweite Sache, die uns miteinander verbindet:

Alles geschenkt!
Paulus schreibt: „Gottes Gabe ist es.“ Und das gilt für alle Bereiche in unserem Leben. Dass wir jetzt miteinander Gottesdienst feiern, die ganze Woche beten und Gott loben konnten, ist ein Geschenk. „Gottes Gabe ist es.“ Das Haus, in dem wir wohnen, die Gemeinde in der wir leben, das Geld, das uns zur Verfügung steht, die Arbeit, die wir tun, die Kraft, die wir haben - „Gottes Gabe ist es.“ Die Stimme, die Musik, die Ohren, das Herz, das Mitgefühl, die Gesundheit - „Gottes Gabe ist es.“
Und diese Gabe Gottes, dieses Geschenk verbindet uns miteinander. „Aus Gnade seid ihr gerettet.“ Ich habe es nicht verdient, ich hatte nichts zu hoffen, aber ich darf jetzt zu Gott gehören und mit ihm leben.
Ein Grundwort der Gnade heißt: Trotzdem! Obwohl eigentlich alles dagegen spricht. Ich habe nichts dazu beigetragen - trotzdem darf ich leben. Ich werde immer wieder schuldig – trotzdem darf ich zu Jesus kommen und ihn um Vergebung bitten. Das ist Gnade!

Gnade fühlt sich nicht gut an. Denn sie bedeutet wörtlich „herabneigen“. Gnade hat nur einer nötig, der selber nicht mehr kann. Der ganz unten ist. Jemand hat mal gesagt: „Gnade ist wie Wasser - sie sucht immer die tiefste Stelle!“ Wasser sammelt sich immer ganz unten. Darum befindet sich bei jedem Becken dort auch der Abfluss. Und genauso ist die Gnade immer nach unten orientiert. Gott sucht uns, weil wir nichts können. Er beschenkt uns, weil wir nichts haben. Aber wo die Gnade ist, füllt sie alles aus. Es gibt sie immer nur in „Fülle“ (Joh 1,16), niemals tröpfchenweise oder eingeschränkt. Darum füllt die Gnade die Tiefen und den Mangel aus. Wo Sünde ist, bringt sie Vergebung. Wo kein Mut mehr ist, schenkt sie neue Kraft. Wo kein Licht mehr ist, schenkt sie neue Hoffnung.
Aber alles, worauf ich stolz bin, wo ich meine Leistung hervorhebe, wird von der Gnade nicht erreicht. Nur aus dem „nichts“ wird ein „alles“. Nur die tiefen Stellen werden von der Gnade erfüllt.

Paulus beschreibt es so: „Gott … hat uns… lebendig gemacht,… auferweckt und eingesetzt im Himmel...“ (V.4-6) Oder ganz kurz: Er hat uns „gerettet“. Dass ich heute hier sein kann, ist sein Geschenk. Dass die Sünde mein Leben nicht mehr bestimmen muss, ist sein Geschenk. Dass ich mit ihm heute leben darf, ist sein Geschenk. Dass ich eine Hoffnung habe, die über den Tod hinausgeht und es für mich mehr gibt, als ich hier auf der Erde sehen kann, ist sein Geschenk.
Es ist Gnade. Ich darf leben – mit Jesus! Denn an ihm hängt alles. Gott hat uns „mit Christus lebendig gemacht“. Durch ihn hat er die Sünde vergeben und uns davon frei gemacht. Wie er von den Toten auferweckt worden ist, werden auch wir auferstehen. Er hat uns „in Christus Jesus im Himmel mit eingesetzt“. Wörtlich heißt es, dass wir „in der Himmelswelt mitsitzen“. Wir bekommen einen Ehrenplatz und dürfen für immer bei unserem Herrn sein. Trotz allem!
Wer alles selber erreichen will, hat am Ende nichts. Wer die Gnade annimmt, hat am Ende alles!
„Gott hat auch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32) „Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht.“ (1.Joh 5,12)

Für diese Gnade gibt es nur einen Grund: Weil Gott uns liebt! Gnade ist die unverdiente Liebe. Paulus gerät darüber ins Schwärmen und überschlägt sich fast mit seinen Worten: Gott ist „reich an Barmherzigkeit“, er hat das alles in seiner „großen Liebe“ getan und er will uns auch in Zukunft noch den „überschwänglichen Reichtum seiner Gnade“ zeigen. Gott ist noch nicht am Ende. Darum bleibe ich mein Leben lang auf diese Gnade angewiesen.
Was uns miteinander verbindet ist, dass wir nichts leisten, sondern uns alles geschenkt wird. Und daran hängt das dritte Kennzeichen:

durch Glauben
Gott drängt mir seine Liebe nicht auf, sondern bietet sie mir nur an. Ich empfange sie immer freiwillig. Darum sind wir „gerettet durch den Glauben“. Wenn ich Jesus glaube, dann lasse ich diese Gnade an mich heran und in mein Leben herein. Ich gebe damit zu, dass ich sie brauche. Das ist meine Entscheidung. Und jeder von uns muss diese Entscheidung treffen. Sonst fehlt die entscheidende Verbindung unter uns, die Abhängigkeit von Jesus. Und diese Entscheidung verändert uns.
Die Gnade hat immer das Ziel, mich zu verändern. Paulus schreibt einmal: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin… und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen“ (1. Kor 15,10) und er warnt davor, „dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt“ (2. Kor 6,1),
Weil ich nichts mitbringe und leisten kann, habe ich keinen Grund, auf mich stolz zu sein. Aber weil ich durch Jesus alles geschenkt bekomme, habe ich auch keinen Grund mehr, zu verzweifeln.

Und das darf ich nicht für mich behalten. Darum beendet Paulus diesen Abschnitt so: „In Jesus Christus sind wir Gottes Meisterstück. Er hat uns geschaffen, das wir tun, was wirklich gut ist, gute Werke, die er für uns vorbereitet hat, dass wir damit unser Leben gestalten.“ (Eph 2,10 Neue evangelistische Übersetzung)

Diese guten Werke bestehen darin, dass wir gemeinsam Gott und seine Gnade loben. Denn dazu hat Gott uns von Anfang an bestimmt (Eph 1,5+6: „Gott hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus… zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.“)

Und sie bestehen darin, dass wir Menschen dienen und sie zum Glauben einladen. Dass wir in dieser Liebe Gottes leben und davon reden. Als Einheit, trotz aller Unterschiede.
Denn keiner steht über dem anderen und hat Grund auf den anderen herab zu sehen. Niemand ist näher beim Herrn. Einheit entsteht nur, indem wir gemeinsam auf Jesus schauen und ihm dienen.
Was uns verbindet ist „nichts“ und trotzdem „alles“, weil Gott uns in seiner Gnade alles geschenkt hat. Und wir haben uns dafür entschieden, ihm zu glauben. Darum loben wir ihn gemeinsam für seine Gnade und dienen ihm von ganzem Herzen.
Amen