„Auf dem Weg mit Gott“ - 5. Mose 1,31+32

„Ihr habt erlebt, wie der Herr euch den ganzen langen Weg durch die Wüste bis hierher getragen hat, wie ein Vater sein Kind trägt.
Und trotzdem vertraut ihr dem Herrn in dieser Sache nicht.“ (5.Mose 1,31+32)


Diese Worte treffen mich. Obwohl sie vor über dreitausend Jahren gesagt worden sind, von einem Mann, den ich nie kennengelernt habe, in einer Situation, die ich nie erlebt habe. Sie sind nicht an mich gerichtet, nicht an unsere Gemeinschaft oder unser Land. Und trotzdem betreffen sie mich und ich höre sie ganz persönlich: „Du hast erlebt, wie der Herr dich den ganzen langen Weg durch die Wüste bis hierher getragen hat, wie ein Vater sein Kind trägt. Und trotzdem vertraust du dem Herrn in dieser Sache nicht.“
Es sind Worte, die mir gut tun und mich trösten. Ich habe einen Gott, der mich liebt und trägt, wie ein Vater sein Kind. So wie mein Vater mich auf die Schultern genommen hat, wenn meine Beine zu kurz oder zu schwach waren. Wie er mich auf dem Rad angeschoben hat, wo ich nicht mehr konnte. So hat Gott mich getragen. „Den ganzen langen Weg“ durch mein Leben, wo ich vielen Dingen nicht gewachsen war. „Durch die Wüste“ und die schweren Zeiten, die mich alle Kraft gekostet haben. Nur deshalb bin ich jetzt hier. Diese Worte tun mir gut.
Und gleichzeitig fordern sie mich heraus und hinterfragen mich. „Und trotzdem vertraust du dem Herrn in dieser Sache nicht.“ Was haben all die Erfahrungen mit mir gemacht? Wie haben sie mich verändert? Ich stehe immer wieder vor der Frage, ob ich Gott jetzt auch vertrauen will. In der Sache, die mir gerade zu schaffen macht. In der Entscheidung, vor der ich jetzt stehe. Hilft mir das heute, was ich mit meinem Herrn in der Vergangenheit erlebt habe?
„Du hast erlebt, wie der Herr dich den ganzen langen Weg durch die Wüste bis hierher getragen hat, wie ein Vater sein Kind trägt. Und trotzdem vertraust du dem Herrn in dieser Sache nicht.“
Es sind Worte, die ich immer wieder hören muss, wenn ich auf dem Weg mit Gott bin. Sie helfen mir, nicht zu vergessen, wer er ist und ihn ganz neu zu lieben.

Diese Worte stehen am Anfang im 5. Buch Mose. Dieses Buch heißt auch „Deuteronomium“ (wörtlich übersetzt: „anderes Gesetz“). Dort spricht Mose am Ende seines Lebens zum Volk Israel und erinnert sie an all das, was sie in den 40 Jahren der Wüstenwanderung erlebt haben. Es ist ein Buch der Wiederholung. Wir brauchen Wiederholungen. So lernen wir. Was wiederholt wird, wird wieder ins Gedächtnis geholt. Es wird mir neu bewusst und prägt sich besser ein.
Wiederholungen sind gut und wichtig. Darum ist das ganze Buch geprägt von dem Thema: „Vergiss nicht!“ Vergiss Gottes Gebote nicht (Kap 5,1), vergiss nicht, wie gesegnet und geliebt ihr seid (Kap 7,8), vergiss den Weg nicht, der hinter dir liegt (Kap 8,2), vergiss den Dank nicht, für das, was Gott dir geschenkt hat (Kap 8,11).
Aber Wiederholungen tun auch weh. Denn zu meiner Geschichte und meinem Weg mit Gott gehört auch: Vergiss dein Versagen nicht (Kap 9,7)! Damit beginnt auch dieses besondere Buch. Mit einer Erinnerung an die entscheidende Situation. Denn das Volk Israel steht vor dem Land, das Gott ihnen als Heimat versprochen hat. Und Mose erinnert sie daran: „Vor 38 Jahren standen wir schon einmal hier. Da fiel die Entscheidung, die aus einem zweijährigen Weg durch die Wüste eine 40 Jahre lange Wüstenwanderung gemacht hat. Auch wenn jetzt fast keiner mehr von der alten Generation lebt, wurden dort die Weichen gestellt. Und jetzt sind wir wieder hier und stehen vor der gleichen Entscheidung.“

Es gibt manche Orte, an die ich mich gerne erinnere, weil ich da schöne Dinge erlebt habe. Der Bismarck-Turm in Herford, wo meine Mitschüler mich bei Kreismeisterschaften im Waldlauf an der Strecke angefeuert haben und ich auf der Zielgerade mit einem Schlussspurt noch den 5. Platz erkämpft habe. Oder das Gemeindehaus in Bad Oeynhausen, in dem ich meine erste Predigt gehalten habe.

Aber mir sind auch sofort Orte eingefallen, die mir wehtun, weil ich versagt habe. So wie die Telefonzelle in Grünberg/Hessen, wo ich jemanden angelogen habe. Oder das Schwimmbad in Willingen, wo ich bei einer Teen-Freizeit pädagogisch völlig falsch reagiert habe.
Obwohl alles schon viele Jahre zurückliegt und ich hinterher alles noch klären konnte, werde ich die Erinnerung nicht los. Sobald ich an diese Orte denke, werde ich an mein Versagen erinnert. Ich kann die Uhr nicht zurückdrehen und es ungeschehen machen, aber ich kann daraus lernen. Darum will ich diese Erinnerungen zulassen.

Wiederholungen können wehtun. Und Mose erinnert das Volk Israel an diesen dunklen Moment (5.Mose 1,19-32). Sie standen vor dem Land, das Gott ihnen versprochen hatte und hatten einen klaren Auftrag: „Nehmt es in Besitz!“ (V. 21) Aber sie wollten erst sicher gehen und alles auskundschaften lassen. Das Ergebnis der zwölf Kundschafter war eindeutig: „Das Land ist gut, das uns der Herr, unser Gott gegeben hat!“ (V.25) Nur ihre Schlussfolgerungen waren unterschiedlich. Alle sahen die Wirklichkeit: Da wohnen Menschen, die sind größer und stärker als wir. Sie haben bessere Waffen und ihre Städte sind gut geschützt. Und zehn der Kundschafter sagten: Wir haben keine Möglichkeit, sie zu besiegen und dort reinzukommen. Nur zwei der Kundschafter sahen es anders: Weil unser Gott größer und stärker ist, haben wir die Möglichkeit, sie zu besiegen und dort reinzukommen. Die gleiche Wirklichkeit, aber unterschiedliche Möglichkeiten. Die einen schauen auf sich und die anderen auf Gott.
Das Volk ließ sich von den zehn Kundschaftern anstecken. Und alles gipfelt in dem Satz: „Weil der Herr uns hasst, hat er uns aus Ägypten hierher geführt, damit wir hier vernichtet werden.“ (V. 27) Was für eine Aussage: Gott hasst uns. Er liebt uns nicht und lehnt uns ab. Er lässt uns absichtlich in die Falle laufen. Darum können wir nur noch entscheiden, ob wir im Kampf sterben oder in der Wüste!

Gott hasst mich... Hast du das schon mal gedacht? In die gleiche Richtung geht die Aussage: Soll das ein Gott der Liebe sein, wenn er so viel Not zulässt? Manche Situationen sind wirklich hart. Wenn Eltern ein krankes Kind bekommen und irgendwann in der Erziehung an die Grenzen ihrer Kraft stoßen. Wenn der Ehepartner jahrelang gepflegt werden muss. Wenn das Geld vorne und hinten nicht reicht. Wenn ein Familienvater krank wird und seinen Arbeitsplatz verliert. Wenn du zuschauen musst, wie ein Mensch immer schwächer wird und an seiner Krankheit stirbt. In solchen Situationen habe ich schon Sätze gehört wie: „Ist es Gott egal, dass wir so leiden? Er muss Spaß daran haben, uns zu quälen.“ „Im Moment kann ich nicht sagen, dass Jesus der Herr über den Krebs ist.“ „Ich kann einfach nicht mehr beten.“

Es gibt viele Situationen, die ich nicht ändern kann. Wüstenzeiten, die ich nicht verstehe. Und da kann ich oft nur sagen: „Ihr habt erlebt, wie der Herr euch den ganzen langen Weg durch die Wüste bis hierher getragen hat, wie ein Vater sein Kind trägt.“ Hat Gott sich jetzt verändert? War wirklich alles nur schwer und hart? Hast du nicht auch ganz andere Erfahrungen gemacht?
Immer wieder kommen wir in Situationen, durch die wir hindurch müssen. Wo wir keine Wahl haben. Die Israeliten schauten auf sich und ihre Möglichkeiten und sagten: Gott liebt uns nicht! Sie hatten ihre Vorstellungen, wie seine Liebe aussehen muss. Gott sollte ihre Probleme beseitigen und den Weg leicht machen. Aber sie schauten nicht auf Gottes Möglichkeiten. Nicht auf das, was er tut und was er kann.
Gott nimmt nicht alle Probleme einfach weg. Aber er trägt mich. Gerade da, wo ich nicht mehr kann. Darum will ich seine Liebe nie in Frage stellen. Ich will ihm in dieser Sache vertrauen! Auch wenn ich seine Antwort nicht verstehe.

Aber noch öfter kommt es vor, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Gott öffnet eine Tür, bietet eine Möglichkeit an, schenkt ein Angebot, gibt einen Auftrag. Und ich muss entscheiden, ob ich gehe oder nicht.
So geht es Gemeinden, die überlegen müssen, wie es mit ihrem Gebäude weiter geht, weil der Platz nicht mehr reicht oder das Haus zu groß geworden ist.
Ich denke an Menschen, die relativ spät auf unterschiedlichen Wegen einen Partner gefunden haben und sich dann fragen: Soll ich hier alles aufgeben, um mit meinem Partner an einem anderen Ort neu anzufangen?
Ich denke an Menschen, die sich fragen, ob sie noch am richtigen Platz sind. Wird es Zeit, die Arbeit zu wechseln? Brauche eine neue Umgebung und Herausforderung?
Ich denke an Mitarbeiter, die vor der Entscheidung stehen, ob sie sich in die Leitung einer Gemeinde oder eines Verbandes berufen lassen und dort die Verantwortung übernehmen.
Ich denke an Menschen, die sich fragen, wo sie im Alter wohnen sollen. Wir müssen Entscheidungen treffen.
Und die Frage ist: Vertraust du dem Herrn in dieser Sache?

Mit Gott endet der Weg nie in der Sackgasse. Ganz oft sagt Gott: Nimm es in Besitz, geh vorwärts, wag den Schritt, fang an und vertrau auf mich. Übernimm die Verantwortung und setz dich ein. So war es bei Israel. Sie hatten einen klaren Auftrag: „Gott hat dir das Land gegeben; zieh hinauf und nimm‘s ein, wie der Herr dir zugesagt hat!“ (V.21) Und Gott hatte ihnen versprochen: Du wirst erfahren, dass ich für dich kämpfe, dich führe und dir die Kraft gebe (V.30).
So haben es viele Menschen erlebt. Als bei uns die Entscheidung für das neue Gemeinschaftshaus gefallen war, kam das Geld zusammen, alle Arbeiten konnten erledigt werden und die Gemeinschaft wurde gestärkt. Am neuen Arbeitsplatz erlebst du, dass du viel freier bist. Seit du die Verantwortung übernommen hast, schenkt Gott dir Weisheit für die Aufgaben. Er hilft dir, dich schnell am neuen Ort einzuleben… Vertrau dem Herrn in dieser Sache!

Aber genauso kann Gott auch sagen: „Bleib!“ In diesem Haus, in deinem Beruf, an deinem Arbeitsplatz, an deinem Ort, in deiner Gemeinde. Bleib ledig, in deinen Grenzen, bei denen Aufgaben. Und dann schenkt er dir Frieden und die Kraft, auch die schwierigen Zeiten durchzustehen. Gottes Ziel ist nicht immer die Veränderung, sondern dass ich innerlich wachse und mit ihm auf dem Weg bleibe. Dass ich die Wirklichkeit mit seinen Möglichkeiten in Verbindung bringe.

Und oft liegt hier das Problem. Ich will nicht bleiben, weil ich nur auf meine Möglichkeiten sehe. Das Problem ist zu groß, die Krankheit zu schwer, die Menschen zu schwierig, die Wege zu festgefahren. Ich bin mir sicher: so werde ich nicht glücklich. Darum will ich hier weg! Raus aus dieser Arbeit, dieser Gemeinde, dieser Familie und dieser Umgebung.
Oder ich habe Angst vor der Veränderung. Die Aufgabe ist zu groß, der Weg zu lang, das Projekt zu schwer. Und ich weiß: Das können wir nicht – leisten, bezahlen, umsetzen. Darum wird der Einsatz nicht geplant, die Struktur nicht verändert, die Bewerbung nicht abgeschickt, der Gottesdienst nicht verändert. Ich will hier bleiben! Denn ich sehe die Wirklichkeit und meine Möglichkeiten.
„Und trotzdem vertraust du dem Herrn in dieser Sache nicht.“

Gott kann sagen: „Geh! Nimm das Land ein, stell dich zur Verfügung und wag es im Vertrauen auf mich!“
Und er kann sagen: „Bleib! Sei treu, setz dich ein und mach hier weiter – im Vertrauen auf mich!“ Und ich muss meine Entscheidung treffen. Aber ich will dabei nie vergessen, wie er mich bis hierher getragen hat. Und ich will nie an seiner Liebe zweifeln!

Die Israeliten treffen ihre Entscheidung, weil sie Gottes Liebe in Frage stellen. Und sie müssen mit den Folgen leben. Denn Gott ist sehr konsequent. Er nimmt die Entscheidung ernst. Darum mussten die Israeliten in der Wüste bleiben. Trotzdem hörte Gott nicht auf, sie zu lieben! Er hält sein Versprechen und ist bereit, sein Volk in das Land zu bringen. Allerdings erst die nächste Generation. Gott zwingt niemanden, ihn zu lieben und zu vertrauen, aber er lässt seine Menschen nicht einfach fallen.
Darum beeindruckt mich, dass Mose als Rückblick auf diese 40 Jahre sagen konnte: „Der Herr hat dein Wandern durch diese große Wüste auf sein Herz genommen.“ (5.M 2,7)
Gott hat diese lange Zeit in der Wüste nicht gewollt. Sein Plan war, das Volk viel eher in das Land zu führen. Aber obwohl sie versagt haben, hat er sie festgehalten und getragen. Er hat ihr „Wandern durch die Wüste auf sein Herz genommen“.
Gott schreibt mir nicht vor, welchen Weg ich zu gehen habe. Er öffnet mir Türen, schenkt Hinweise und Wegweiser, gibt mir sein Wort - und überlässt mir dann die Entscheidung. Darum werden wir auf dem Weg mit Gott Fehler machen. Manche Wege sind schwerer und länger ist, als sie sein sollten. Weil ich mit meinen Kindern oder Eltern falsch umgegangen bin. Weil wir die erstbesten Mitarbeiter berufen haben. Weil wir nicht warten wollten. Weil wir zu lange gewartet haben. Weil ich nur auf meine Möglichkeiten und Wünsche geschaut habe.

Wenn du dich trotz allem für die Ehe entschieden hast, dann lässt Gott dich nicht allein. Wenn du es an der neuen Arbeitsstelle nicht leicht hast, lässt Gott dich nicht allein. Auch wenn es länger dauert und manchen Umweg kostet, hat Gott „dein Wandern durch diese Wüste auf sein Herz genommen.“
Und das entlastet mich. Denn hinterher kann man oft sagen, was richtig und falsch war. Da sieht man Dinge anders. Aber ich will Gott nicht die Verantwortung geben für Entscheidungen, die ich getroffen habe. Und ich will Gottes Liebe niemals in Frage stellen.
Aus meiner Erfahrung mit der Lüge in der Telefonzelle ist bei mir eine tiefe Sehnsucht zur Wahrheit gewachsen. Ich will die Wahrheit sagen, ehrlich und in Liebe. Auch wenn es für mich unbequem wird.
Aus meiner pädagogischen Fehlentscheidung im Schwimmbad habe ich gelernt, dass ich nicht für jede Altersgruppe das richtige Händchen habe. Meine Aufgabe liegt woanders.

Vergiss dein Versagen nicht, damit du beim nächsten Mal die richtige Entscheidung triffst. So wie das Volk Israel. Sie standen jetzt in der gleichen Situation. Und Mose sagt ihnen: „Du hast erlebt, wie der Herr dich den ganzen langen Weg durch die Wüste bis hierher getragen hat, wie ein Vater sein Kind trägt.“ Damals musste er sagen: „Und trotzdem vertraust du dem Herrn in dieser Sache nicht.“ Aber jetzt hatten sie gelernt. Sie vertrauten Gott und ließen sich von Josua in das Land führen.

Genauso will ich lernen, meinem Herrn zu vertrauen. Wenn er mir sagt: Geh! Dann will ich den Schritt wagen und im Vertrauen auf ihn gehen. Und wenn er sagt: Bleib! Dann will ich mit ganzem Herzen dort bleiben, wo er mich hinstellt. Ich werde Fehler machen – aber ich bleibe auf dem Weg mit ihm! Denn ich habe erlebt wie der Herr mich den ganzen langen Weg durch die Wüste bis hierher getragen hat, wie ein Vater sein Kind trägt. Seine Liebe hält mich!
Amen