„Der ewige Gott“ - 5. Mose 33,27

Könnt ihr euch Worte aus der Bibel gut merken? Ich kann Verse gut behalten, wenn sie ein eindrückliches Bild haben (Schirm des Höchsten, Hirte, Licht), wenn sie mich persönlich betroffen und angesprochen haben (Trauvers, Zuspruch) oder weil sie ungewöhnlich sind und mir eine neue Perspektive geben. So ging es mir mit dem Vers, über den ich heute mit euch nachdenken möchte. Er erfüllt alle drei Kriterien. Er ist eindrücklich, persönlich und ungewöhnlich.
„Zuflucht ist bei dem alten Gott und unter den ewigen Armen.“ (5.Mose 33,27). Es ein starkes Bild, unter ewigen Armen Zuflucht zu haben. Das sind Arme, die nie schwach werden, überfordert oder zu kurz sind. Da ist immer Platz für mich. Da bin ich sicher und geborgen. Aber dieser Vers hat sich mir vor allem wegen der Formulierung eingeprägt: der „alte Gott“. Das klingt für mich erstmal abwertend. So reden Menschen von Gott, die mit ihm nicht viel zu tun haben wollen. Der alte Mann mit dem weißen Bart, der im Himmel sitzt. Der gutmütige Opa, den man nicht so ernstnehmen kann. „Alt“, das klingt nach müde und verbraucht. Da ist nicht mehr viel Kraft, da weiß man, wie alles läuft, da gibt es nur wenig Veränderung. Wer will schon was Altes haben? Warum wird in der Bibel so von Gott gesprochen?
Aber „alt“ bedeutet auch, dass jemand schon eine Menge hinter sich hat. Er hat viel erlebt und eine große Erfahrung. Wer alt geworden ist, muss beständig und zuverlässig sein. Er hat die ganze Zeit durchgehalten und sich bewährt. Wer alt ist, der kennt sich aus, den kannst du fragen, auf den kannst du dich verlassen. Ein Afrikaner sagte mal: „Wenn bei uns ein alter Mensch stirbt, ist es, wie wenn eine Bibliothek verbrennt.“ Wir würden heute sagen, als ob eine Festplatte zerstört wird. Da geht vieles verloren, was vertraut war.
Und auf einmal macht es Sinn, dass ich bei diesem „alten Gott“ eine „Zuflucht“ finde, einen sicheren Ort, oder wie es wörtlich heißt, eine „Wohnung“. Ich kann bei ihm zu Hause sein, weil er der „alte Gott“ ist, der sich nicht verändert. Bei ihm weiß ich, woran ich bin. Er ist treu und mit seinen ewigen Armen empfängt und schützt er mich. Denn am Ende kommt es nicht darauf an, was alles neu ist, sondern was bleibt. Gott wird alles neu machen. Er schafft eine neue Welt (Off 21,1), er macht aus uns eine neue Kreatur (2.Kor 5,17), er wird alles verwandeln und vollenden (1.Kor 15,51), aber er bleibt ganz der Alte! „Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit!“ (Großer Gott, wir loben dich) Auf dem Thron sitzt, der „uralt“ ist (Dan 7,9). Und es zählt nur seine Gegenwart. Überall strahlt nur sein Licht. Wo der „alte Gott“ ist, bin ich zu Hause – für immer!
„Zuflucht ist bei dem alten Gott und unter den ewigen Armen.“ So habe ich diesen Vers in meiner Lutherbibel kennengelernt. So habe ich diesen ewigen Gott lieben gelernt. Aber bei Gott lerne ich nie aus. Er ist viel größer. Und auch dieser Vers geht viel tiefer.
Denn je genauer ich hinschaue, desto mehr entdecke ich.

Alle Zeit
Diesen Satz hat Mose am Ende seines Lebens gesagt. Es sind die letzten Worte eines alten Mannes. Das, was von einem langen Leben geblieben ist. Was all seine Erfahrungen von 120 Jahren zusammenfasst. Er wusste, dass er bald sterben würde, weil Gott es ihm gesagt hatte (5.M 32,48-50). Deshalb versammelt er das ganze Volk Israel und spricht jedem einzelnen Stamm einen Segen zu. Und dann sagt er den Menschen, die er 40 Jahre durch die Wüste geführt hat, was sie nicht vergessen sollen.
Zusammengefasst und wörtlich übersetzt lauten seine letzten Worte (5.M 33, 26-29):
„Keiner ist wie der Gott Jeschuruns, der mit all seiner Macht im Himmel ist, um dir zu helfen.
Der Gott der Urzeit ist deine Zuflucht und darunter sind ewige Arme…
Gesegnet bist du, Israel! Wer ist wie du, ein Volk, gerettet durch den Herrn?
Er ist dein Schild, das dich schützt und das Schwert, das dir zum Sieg verhilft.“

Mir fiel zuerst auf, wie anders dieser Vers auf einmal klingt: „Der Gott der Urzeit ist deine Zuflucht und darunter sind ewige Arme.“
Der „Gott der Urzeit“ – das ist nicht einfach der alte Gott. Sondern er war immer schon da. Man kann diesen Begriff auch übersetzen mit „Gott der Vorzeit“. Er ist nicht nur ewig und unendlich, sondern er hat meine Vergangenheit begleitet. Egal, wo ich herkomme, Gott war schon da. Egal, wie weit ich zurückblättere in meiner Geschichte, in der Geschichte meiner Familie, unserer Gemeinde, unseres Landes oder der Welt  – Gott war da. Er kennt alles. Ihm kann ich alles erzählen. Er hört mir zu und versteht mich, denn er war ja selbst dabei!
Und er hat Zeit. Er kennt keine Unruhe, keine Hektik. Wie gut tut mir schon ein Mensch, der Zeit hat und nicht ständig auf die Uhr schaut. Und wie gut tut mir Gott, der nicht nur alle Zeit der Welt, sondern auch der Ewigkeit hat. Da bin ich gerne zu Hause! Vor allem in unserer Welt, wo Zeit fast unbezahlbar geworden ist.
Der „Gott der Urzeit ist deine Zuflucht“- weil er jeden Tag in meinem Leben kennt. Aber dieser Begriff (hebr: kedem) wird nicht nur für die vergangene Zeit verwendet, sondern auch für einen Neubeginn („Morgen, Aufgang, Osten“). Der Gott der Urzeit würde es mit uns Menschen nicht so lange aushalten, wenn er nicht bereit wäre, immer wieder neu anzufangen. Er hat so oft Grund gehabt aufzuhören und Schluss zu machen, aber er hat es nicht getan.
In der Bibel ist die Zahl acht immer wieder mit dem Neuanfang verbunden. Der achte Tag ist der erste Tag der neuen Woche, mit acht Menschen fing Gott nach der Sintflut neu an (1.M 8,18; 2.Petr 2,5), viele Feste in Israel dauern sieben Tage (Passa, Laubhütten, Hochzeit), nach sieben Jahren Bauzeit wurde Salomos Tempel eingeweiht und Gott zog ein (1.Kön 6,38). Am ersten Tag der neuen Woche ist Jesus von den Toten auferstanden. Mit der Acht beginnt etwas Neues. Und in der Mathematik ist das Zeichen für unendlich eine liegende acht (?). Der Gott der Urzeit hat alle Zeit! Darum sagt Mose:

Keiner ist wie er!
Dieser ewige Gott fängt mit seinem Volk und auch mit mir immer wieder neu an. Er ist einfach unvergleichlich. Mose sagt: „Keiner ist wie der Gott Jeschuruns, der mit all seiner Macht im Himmel ist, um dir zu helfen.“
Gott setzt alles ein, was er hat, um seinen Menschen zu helfen. Allerdings kommt hier ein merkwürdiger Name vor: „Jeschurun“. Es ist ein Ehrenname für Israel. So wie viele für ihren Ehepartner einen Kosenamen haben (manche schlicht und kuschelig: Hase, Bär, Maus, andere sehr wertschätzend: Liebling, Schatz), hat Gott einen besonderen Namen für sein Volk. Jeschurun bedeutet „der Gerade, der Aufrechte“ oder noch deutlicher: „der Geliebte“! Es ist eine Erinnerung an Jakob, einen der Stammväter Israels. Sein Name bedeutet „der Hinterlistige“. Aber mit ihm hat Gott neu angefangen und ihm den neuen Namen „Israel“ (1. M 32,29) gegeben. Er wurde von Gott so geliebt und aufgerichtet.
Mose sagt dem Volk Israel damit: „Vergiss deine Geschichte nicht! Ihr seid die Geliebten Gottes! So wie mit Jakob hat er mit euch immer wieder neu angefangen.“ Auf diese Tatsache stoßen wir an vielen Stellen: „So spricht der HERR, der dich gemacht und bereitet hat und der dir beisteht von Mutterleibe an: Fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, und du, Jeschurun, den ich erwählt habe!“ (Jes 44,2).
„Der HERR hat euch nicht erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker, sondern weil er euch geliebt hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft des Königs von Ägypten.“ (5.M 7,7+8)
Dieser Name „Jeschurun“ beschreibt allerdings nicht nur die Vergangenheit, sondern weist auch in die Zukunft. Wie bei dem Propheten Hosea: „Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten.“ (Hos 11,1)
Dieser Sohn, der aus Ägypten gerufen wurde, war nicht nur das Volk Israel, sondern auch Jesus Christus, als seine Eltern mit ihm nach Ägypten flohen (Mt 2,15). Er ist der neue Anfang, den Gott mit uns Menschen macht, „als die Zeit erfüllt war“ (Gal 4,4). Denn als Jesus im Jordan getauft wird, bekennt sich Gott selbst zu ihm und sagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Mt 3,17) 
Auch Paulus nimmt diesen Ehrentitel des „Geliebten“ auf und schreibt: „Gott hat uns …in seiner Liebe dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus…, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.“ (Eph 1,5-6)
Und dann wird dieser besondere Titel im Neuen Testament für uns als Gemeinde verwendet. Weil wir zu Jesus Christus gehören, dem geliebten Sohn, sind wir durch ihn die geliebten Kinder Gottes. „Die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten“ (Kol 3,12); „Liebe Brüder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid;“ (1.Thess 1,4); „Die Berufenen, die geliebt sind in Gott, dem Vater, und bewahrt für Jesus Christus“ (Jud 1,1)
Keiner ist wie er, wie dieser ewige Gott, der durch alle Zeiten hindurch „mit all seiner Macht im Himmel ist, um dir zu helfen“. Er setzt alles ein, um uns zu retten und seine Liebe zu zeigen. Durch die Geschichte der ganzen Bibel entdecken wir diese Liebe. Wie er uns von Anfang geliebt hat und immer wieder neu anfängt. Wie er alles einsetzt, um uns Menschen zu sich zu ziehen. (Jakob => Israel => Jesus Christus => seine Gemeinde => mich ganz persönlich!). Was für ein Gott! Keiner ist wie er!
Und dann wird klar, warum Mose sagt:

Wer ist wie du!
Mose findet deutliche Worte: „Gesegnet bist du, Israel! Wer ist wie du, ein Volk, gerettet durch den Herrn? Er ist dein Schild, das dich schützt und das Schwert, das dir zum Sieg verhilft.“
Vergiss nicht, wie reich du bist, dass du solch einen Gott hast. Gewöhne dich nie daran, dass du geliebt bist, gesegnet, gerettet und geschützt. Dieser unvergleichliche Herr ist an deiner Seite.
Und damit bist du etwas Besonderes! Weiß ich eigentlich noch, wie gut ich es habe?

Mose malt mit seinen Worten die Geborgenheit aus:
Dieser Gott ist über dir mit all seiner Macht.
Er ist hinter dir, weil er immer schon da war. Er kennt deine Vergangenheit.
Er ist vor dir, weil er immer da ist und neu anfängt.
Und er ist unter dir: „Unter dir sind ewige Arme.“
Das muss ich persönlich nehmen und sacken lassen. Wer ist wie du, Olaf, der von diesem Herrn gerettet worden ist, der von ihm geliebt und bei ihm geborgen ist!
Wenn ich keine Zeit habe – „Zuflucht ist bei dem alten Gott“, der alle Zeit hat.
Wenn ich nicht zur Ruhe komme – „Zuflucht ist bei dem alten Gott“, der die Ruhe selbst ist.
Wenn mir die Kraft fehlt – „Zuflucht ist bei dem alten Gott“, der alle Kraft hat.
Wenn ich keinen Halt finde – „unter dir sind ewige Arme“
wenn mir der Überblick fehlt – „unter dir sind ewige Arme“
wenn ich nur noch verkrampft versuche, alles am Laufen zu halten – „unter dir sind ewige Arme“.
Ich kann mich fallen lassen. Er fängt mich auf und hält mich fest!

Wenn ich am Ende bin, kann ich nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand. Mir geht dabei immer wieder durch den Kopf, was ich vor bald 15 Jahren auf die Traueranzeige für meine Frau schreiben konnte: „Nach einer langen Zeit der Krankheit durfte sie sich endlich ganz in Gottes Hände fallen lassen, der sie und uns durch alle Höhen und Tiefen getragen hat.“ „Zuflucht ist bei dem alten Gott und unter dir sind ewige Arme!“
Bring den Tod immer in Verbindung mit dem Gott der Ewigkeit, der dich liebt.
Bring dein Ende immer in Verbindung mit diesem Herrn, der neu anfängt. Nur so gehst du daran nicht kaputt.
Bring deine Grenzen immer in Verbindung mit dem Gott, der mit all seiner Macht über dir ist, um dir zu helfen.

Er ist mein Schutz. Und er gibt mir sein Wort, auf das ich mich verlassen kann. Weil er der „alte“ Gott ist. Nur was mich selber getröstet hat, kann ich anderen weitergeben: „Zuflucht ist bei dem alten Gott, und unter dir sind ewige Arme.“
Manfred Siebald hat es in einem Lied so formuliert (Jesus unsere Freude, Nr. 499):
Wie tief kann ich fallen, wenn alles zerfällt, wenn Brücken und Stützen verschwinden?
Wie lang muß ich laufen auf dieser Welt, um sicheren Boden zu finden?
Nie tiefer als in Gottes Hand, nie länger als in seine Nähe.
Nie bau ich mein Leben auf Sand, wenn ich jeden Schritt mit ihm gehe.
Wie weit kann ich denken? Wie komm ich dahin, nicht nur für mich selber zu leben?
Wie gut kann ich helfen, wenn andre sich mühn, den Berg ihrer Sorgen zu heben?
Nie weiter als in Gottes Hand, nie besser als in seiner Nähe.
Nie bau ich mein Leben auf Sand, wenn ich jeden Schritt mit ihm gehe.
„Zuflucht ist bei dem alten Gott, und unter dir sind ewige Arme.“
Weil er mich liebt, bin ich bei ihm zu Hause. Für immer und ewig!
Amen