"Eine unbequeme Frage" - 1.Mose 4,9

Es werden immer wieder Fragen gestellt. Wichtige und überflüssige. Manche werden vor einem Millionen-Publikum gestellt, andere gehen nur zwei Menschen etwas an. Aber jede Frage erfüllt einen Zweck, weil irgendeiner sie braucht. Entweder hilft sie dem, der sie stellt, oder dem sie gestellt wird.
Wenn mich ein Autofahrer fragt: „Wissen sie, wo das Rathaus ist?“, dann geht es dabei um ihn. Denn er möchte dahin und weiß nicht,wie.
Wenn mich aber ein Polizist fragt: „Wissen sie, wie schnell sie gefahren sind?“, dann geht es dabei um mich. Er wird schon wissen, wie schnell ich war, aber er möchte mir mit dieser Frage etwas klar machen.
In der Bibel finden wir Fragen, die Gott stellt. Er stellt sie Menschen. Er stellt sie in den unterschiedlichsten Situationen: am Abend in einem schönen Garten (Adam: „Wo bist du?“ 1. Mose 3,9) am Morgen in einer Höhle (Elia: „Was machst du hier?“ 1. Kön 19,9), nach einer Mahlzeit in der Wüste (Sara: „Warum lachst du?“ 1. Mose 18,13). Aber eines haben all diese Fragen gemeinsam: Nicht Gott braucht sie, sondern der Mensch, dem er sie stellt. Gott kennt alle Antworten schon, aber wir brauchen die Fragen. Damit uns klar wird, was wichtig ist. Gott stellt seine Fragen wegen uns. Und er stellt sie so, dass sie jeden Menschen nachdenklich machen, der sich damit beschäftigt.
So ist es auch bei der Frage, über die ich heute mit euch nachdenken möchte. Sie heißt: „Wo ist dein Bruder?“ Jede Frage hat ihre Geschichte. Erst recht, wenn Gott sie stellt.
„Adam schlief mit seiner Frau Eva und sie wurde schwanger. Und sie brachte Kain zur Welt und sagte: »Mit der Hilfe des Herrn habe ich einen Mann geboren.« Später brachte sie einen zweiten Sohn zur Welt und nannte ihn Abel. Abel wurde ein Schafhirte, Kain ein Bauer.
Nach einiger Zeit opferte Kain dem Herrn einen Teil seiner Ernte. Und auch Abel opferte ihm von den erstgeborenen Lämmern aus seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr sah freundlich auf Abel und nahm sein Opfer an, aber auf Kain und seine Opfergabe blickte er nicht. Da wurde Kain sehr zornig und sah grimmig zu Boden.
»Warum bist du so zornig?«, fragte der Herr ihn. »Und warum blickst du so grimmig zu Boden? Ist es nicht so: Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du frei umherschauen. Wenn du jedoch Böses planst, lauert die Sünde vor der Tür. Sie will dich zu Fall bringen. Du aber sollst über sie herrschen!«
Später schlug Kain seinem Bruder Abel vor: »Komm, wir gehen aufs Feld hinaus.« Als sie dort waren, fiel Kain über seinen Bruder her und schlug ihn tot. Da fragte der Herr Kain: »Wo ist dein Bruder?« »Ich weiß es nicht«, entgegnete Kain. »Soll ich etwa ständig auf ihn aufpassen?« (1.Mose 4,1-9)

Kain und Abel waren die Söhne von Adam und Eva. Sie haben viel gemeinsam. Beide arbeiten und steuern ihren Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie bei. Abel als Schäfer und Kain als Bauer. Beide haben von klein auf die Ehrfurcht vor Gott gelernt. Beide opfern als Zeichen des Dankes für Gott von ihrem ersten Ertrag. Kain bringt einen Teil seiner Ernte und Abel einige Lämmer.
Und da gibt es einen Unterschied. „Und der Herr sah freundlich auf Abel und nahm sein Opfer an. Aber auf Kain und seine Opfergabe blickte er nicht.“ (V.4+5) Es wird nicht gesagt, wie es zu erkennen war, dass Gott das Opfer annahm. Es wird auch nicht erklärt, warum Gott diesen Unterschied macht. Kain wird nicht getadelt und Abel wird nicht gelobt. Aber weil Gott tiefer sieht, muss etwas in der innerlichen Haltung bei Kain nicht in Ordnung gewesen sein. Im Neuen Testament wird später erklärt: „Wie kam es, dass Abels Opfer Gott besser gefiel als das von Kain? Der Grund dafür war Abels Glaube. Weil Abel Gott vertraute, nahm Gott seine Gaben an und stellte ihm damit das Zeugnis aus, dass er vor ihm bestehen konnte.“ (Hebr 11,4 NGÜ)
 
Hier werden nur die Folgen beschrieben: „Da wurde Kain sehr zornig und sah grimmig zu Boden.“ (V.5)  Er senkte seinen Blick mit finsteren Gedanken. Wörtlich steht da sogar. „Und Kain wurde sehr heiß…“ In ihm beginnt es zu brodeln.
Und das ist verständlich. Denn bis heute macht uns das zu schaffen. Warum geht Gott mit meinem Bruder anders um, als mit mir? Warum kann der eine Andacht so aus dem Ärmel schütteln und ich quäle mich jedes Mal so damit ab? Warum braucht die nur eine Bewerbungen zu schreiben und ich habe auch nach dreißig Bewerbungen noch nichts! Warum segnet Gott den einen so sichtbar und der andere müht sich ständig ab? Das ist ungerecht…
Gott erklärt Kain nicht, warum er Abels Opfer annimmt und seins nicht. Er spricht nur seine innerliche Haltung an. Die Körpersprache eines Menschen erzählt viel über seine Gedanken, Stimmungen und Gefühle. Man sieht an den leuchtenden Augen, wenn jemand glücklich ist. Man erkennt am gebeugten Gang, wenn jemand bedrückt ist. Und wenn einer mit seinem Blick immer nur ausweicht und dem anderen nicht mehr in die Augen schauen kann, dann gibt es ein Problem.
Gott sieht, was in Kain zu wachsen beginnen und warnt ihn: „Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du frei umherschauen. Wenn du jedoch Böses planst, lauert die Sünde vor der Tür. Sie will dich zu Fall bringen. Du aber sollst über sie herrschen!“ (V.7)
„Die Sünde lauert vor der Tür!“ Gott warnt Kain vor dieser Gefahr. Gerade wenn die Gefühle hochkochen, ist der Schritt zur Tat nicht mehr weit. Jesus hat in der Bergpredigt diese Maßstäbe angesprochen. Das Töten beginnt damit, dass ich auf einen anderen zornig bin. Es beginnt mit den Gedanken (Mt 5,22). Und die Folgen der Gedanken kann ich oft nicht abschätzen.
Wir sagen, dass jemand „unbeherrscht“ ist, wenn er seiner Wut freien Lauf lässt. Aber Gott macht deutlich, dass man gerade dann beherrscht wird – von der Sünde! In dem Moment hast du ihr die Tür geöffnet und sie ergreift von dir Besitz.
Darum prüf dich: Was hast du im Sinn? Willst du dem anderen etwas Gutes zu tun oder selber nur Recht behalten? Kämpfst du um mehr Aufmerksamkeit von Gott oder um deinen Bruder? Siehst du, was der andere richtig macht und willst von ihm lernen? Gönnst du ihm den Segen?
Gottes Auftrag heißt: „Du sollst über die Sünde herrschen!“ Das bedeutet: Ich bin der Versuchung und den dunklen Gedanken nicht wehrlos ausgeliefert. Ich entscheide, ob ich die Tür öffne oder nicht. Ob ich zurückschlage, wo jemand mir wehgetan hat. Ob ich Böses plane oder Gutes im Sinn haben will. Wer darf in mir wohnen und mich beherrschen? Der gute Gott oder der Böse?

Wenn meine Beziehung zu Gott nicht stimmt, fällt es mir schwer, anderen Menschen Gutes zu gönnen. Darum will Gott Kain helfen. Er spricht mit ihm und warnt ihn. Aber Kain reagiert überhaupt nicht darauf. Er sieht den Fehler nicht bei sich, sondern in seinem Bruder nur noch den Konkurrenten. Der steht ihm im Weg, der nimmt ihm Gottes Aufmerksamkeit weg. Kain scheint sich keine Gedanken über die Folgen zu machen. Er lässt sich von seinem Zorn beherrschen.
Darum nimmt er Abel mit auf das Feld und erschlägt ihn. Töten beginnt in den Gedanken. Und von den Gedanken zur Tat ist es kein weiter Weg…
Aber bringt Kain das wirklich weiter? Kann er mit dieser Tat Gott wieder für sich gewinnen? Wer zornig ist, handelt selten logisch und vernünftig. Wer sich von seiner Wut beherrschen lässt, hat hinterher immer mit seinem schlechten Gewissen zu tun – und auch mit Gott!
Denn jetzt stellt Gott seine Frage: „Wo ist dein Bruder?“ Und er trifft damit genau ins Schwarze. Es ist eine Frage, die aufdeckt und hinterfragt.

Ich lasse mal für einen Moment die ganze Vorgeschichte beiseite, damit diese Frage wirken kann.
Gott fragt: „Wo ist dein Bruder?“ Wir reden uns heute nicht mehr oft als Schwestern und Brüder an, aber im Glauben sind wir es. Und Geschwister sucht man sich nicht aus. Es geht um jemanden, der mir an die Seite gestellt ist. Um den Menschen, der mit mir zusammen zu einer Familie gehört, der mit mir in den Gottesdienst geht, der sich mit mir in einer Gemeinschaft einsetzt. Es geht um Hauptamtliche und Gemeinschaftsleiter. Es geht um aktive Mitarbeiter und altgewordene Beter. Es geht um meinen Bruder und meine Schwester in Jesus.

Gott fragt: „Wo ist dein Bruder?“ Es ist nicht irgendein Mensch, keine fremde Person, sondern mein Bruder. Es gibt eine direkte Beziehung zwischen diesem Menschen und mir. Ich habe mit ihm eine Geschichte. Und ich habe für diesen Menschen eine Verantwortung. Weil uns etwas miteinander verbindet. Nicht nur gemeinsame Interessen, sondern ein gemeinsamer Vater und Herr, ein gemeinsamer Auftrag.
Wir fühlen uns oft selbst den Puls und fragen: Was brauche ich heute? Was bringt mir die Veranstaltung? Aber in der Gemeinde geht es nicht nur um mich, sondern auch um die Frage: Tut es dem anderen gut?

Gott fragt: „Wo ist dein Bruder?“ Gott möchte nicht wissen, wann ich zuletzt mit ihm gesprochen habe. Es geht nicht um die Vergangenheit, sondern um heute. Was weiß ich heute von dem anderen? Und es geht darum, wo er ist – und nicht, wo ich ihn gerne hätte!

Gott fragt: „Wo ist dein Bruder?“ An welcher Stelle ist dein Bruder? Weiß ich noch, wo er jetzt innerlich ist. Welche Gedanken bewegen ihn? Mit welchen Sorgen quält er sich ab? Warum ist er heute hier? Oder warum ist er nicht hier?

Gott bohrt mit dieser Frage tief. Er fragt nicht: Magst du deinen Bruder? Was nervt dich an ihm? Gott fragt: „Wo ist dein Bruder?“ Jetzt!
Und ich denke nicht nur an die Menschen in unserer Gemeinschaft, sondern auch an viele andere, die mit mir verbunden sind, für die ich eine Verantwortung habe. An meine leiblichen Geschwister, meine Kinder und Eltern, meine Kollegen und Freunde. Wo sind sie gerade? Und was habe ich damit zu tun?
Habe ich den anderen dorthin gedrängt? Bin ich an ihm schuldig geworden oder ihm etwas schuldig geblieben? Was hat sich zwischen uns verändert?
Kommt er nicht mehr, weil ich ihn verletzt habe mit meinen Worten? Weil ich ihn nicht ernst genommen und nicht zugehört habe? Habe ich nicht gesehen, was sich bei ihm verändert, wie ihm sein Haus, sein Geld und seine Familie wichtiger geworden sind als Jesus? Oder habe ich mich von ihm zurückgezogen?

„Wo ist dein Bruder?“ Das ist eine unbequeme Frage. Aber Gott fragt nie, um mich zu quälen, sondern um mir zu helfen. Denn wir werden immer wieder aneinander schuldig.
Darum gibt Gott mir die Gelegenheit, meine Schuld zu bekennen. Die Dinge auszusprechen, die er schon lange kennt.

Kain wird mit der Frage voll erwischt. Aber er kann nichts mehr rückgängig machen. „Wo ist dein Bruder?“ Er müsste antworten: „Er ist tot! Und ich habe ihn erschlagen.“
Aber er will es nicht sagen! Wenn ich etwas nicht sagen will, dann hilft ein Themawechsel oder eine Gegenfrage. Kain fragt ziemlich trotzig zurück: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Muss ich ständig auf ihn aufpassen? Warum soll ich wissen, wo er ist? Bin ich denn für alles verantwortlich?
Im Tiefsten weiß er, dass er es sollte. Er hat eine Verantwortung für seinen Bruder. Aber Kain bereut seine Tat nicht. Er bekennt seine Schuld nicht. Darum gibt es für ihn auch keine Vergebung, sondern nur eine Strafe: Kain wird keine Ruhe mehr finden, sein Leben wird von Arbeit bestimmt sein, aber er wird sich nur abmühen und keinen sichtbaren Erfolg mehr haben.
Und dann heißt es: „So ging Kain weg vom Angesicht des Herrn.“ (V.16)  Er ging aus seiner Gegenwart. Er wollte alles gewinnen: Gottes Anerkennung, seine Gnade, seine Zuwendung. Aber er hat alles verloren: Gottes Nähe, Gottes Segen, seinen Frieden - und auch seinen Bruder!
Mit einem gesenkten Blick und finsteren Gedanken fing es an. Da kam kein Licht mehr in sein Herz hinein. Er wollte nicht auf das hören, was Gott ihm sagte. Das hat sein Leben kaputt gemacht, weil die Sünde herrschen durfte. Und sie zerstört jede Gemeinschaft. Mit Gott und mit den Geschwistern.
Darum brauche ich das Licht Gottes, das mir hilft, die Wahrheit zu erkennen. Ich brauche seine Fragen, die mich zurechtbringen. Und ich brauche seine Vergebung.
Der Apostel Johannes fasst es so zusammen:
„Wenn wir im Licht leben, wie Gott im Licht ist, sind wir miteinander verbunden, und das Blut seines Sohnes Jesus macht uns von jeder Sünde rein. Wenn wir aber behaupten, ohne Schuld zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit. Doch wenn wir ihm unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns vergibt und uns von allem Unrecht reinigt.“ (1. Joh 1,7-9)

Deshalb fragt Gott mich, bevor es zu spät ist. Und „wo ist dein Bruder?“
Amen