"Erkenntnis – vom Licht erfüllt" - Jesaja 60,1

Advent bedeutet Ankunft. Es ist die Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten, auf die Geburt von Gottes Sohn, Jesus Christus. Ein Symbol der Adventszeit ist das Licht. Das wollen wir in diesem Jahr auf uns wirken lassen. Mit Licht verbinden wir unterschiedliche Gedanken. Für die einen bedeutet es Freude und Wärme. Licht macht vieles hell und freundlich. Für manche wird es durch das richtige Licht erst feierlich oder gemütlich. Andere denken an das „Licht am Ende des Tunnels“. Es macht Hoffnung und hilft zur Orientierung.
Licht lenkt die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung. Und es hat immer etwas mit Wahrheit zu tun. Denn wenn Licht in eine Sache kommt, sehe ich die Dinge anders. Ich erkenne etwas. Da geht mir ein Licht auf! Aber was genau ist Erkenntnis? Was hängt damit zusammen und was bedeutet es für mich?
Um diese Erkenntnis geht es bei einer Verheißung des Propheten Jesaja für das Volk Israel. Sie formuliert das Thema für unsere Adventszeit und hilft uns, diesen ersten Schwerpunkt zu verstehen. „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn erscheint über dir.“ (Jes 60,1)

Dein Licht kommt (sehen)
Mir fällt zuerst die Aussage in der Mitte auf: „Dein Licht kommt“. Jede Ankunft verändert etwas. Wenn ein Paket ankommt, hat das Warten ein Ende und ich kann das nutzen, was ich bestellt habe. Wenn in einer Familie ein Kind ankommt, verändert sich der ganze Alltag der Eltern. Wenn eine Rechnung ankommt, steht mir weniger Geld zur Verfügung.
Aber was verändert sich, wenn ein Licht ankommt? Kurz gesagt: Es wird hell! Denn wo ein Licht kommt, war es vorher dunkel. Sonst ist es überflüssig. Und dann deckt ein Licht auf, was da ist. Es hilft mir zu erkennen, was vorher undeutlich und versteckt war. Es zeigt mir, was ich nicht wusste, was ich nicht gesehen habe. Es nimmt mir die Unsicherheit.
So wird auch die Situation der Israeliten beschrieben. Ihre Heimat war zerstört und sie waren verschleppt worden nach Babylon. Keiner wusste, ob sie jemals wieder nach Hause kommen würden. Darum sagten sie: „Wir hoffen auf Licht, aber rings um uns ist es dunkel. Wir warten darauf, dass es hell wird, aber da ist nichts als finstere Nacht. Wie Blinde tasten wir uns an der Wand entlang. Am hellen Mittag stolpern wir, als hätte uns die Dunkelheit überfallen; in der Blüte unseres Lebens sind wir wie Tote.“ (Jes 59,9+10)
Diese Worte beschreiben, was viele Menschen in ihrem Alltag erleben. Wo sie überfordert sind, ratlos, enttäuscht und hilflos. Sie sehnen sich nach Licht. Denn das Licht sorgt für Erkenntnis. Das bedeutet zuerst: Ich kann wieder sehen. Ich erkenne, was vorher im Dunkeln war. Ich weiß, was ich vorher nicht wusste. Und jetzt sagt Jesaja diesen Menschen: Das Licht kommt!
Drei Gedanken sind dabei wichtig:

-    Licht kommt immer von einer Lichtquelle. Deshalb kommt rein sachlich nie ein Licht zu mir. Entweder kommt eine Lichtquelle zu mir oder ein Lichtschein. Jesaja kündigt an: „Die Herrlichkeit des Herrn erscheint über dir.“ Die Lichtquelle ist Gott selbst. Er leuchtet und strahlt etwas aus. Seine Herrlichkeit, also seine Größe und Gegenwart wird sichtbar. Durch dieses Licht erkenne ich Gott. Ich begreife, wie er ist. Ich beginne etwas von seiner Größe und Liebe zu ahnen. Wer sich mit Gott beschäftigt, der kann nur staunen. Er ist der Herr der ganzen Welt, der das ganze Universum geschaffen hat. Er kennt jeden Stern und jedes Sandkorn. Diese ganze Herrlichkeit erscheint über mir. Sein Licht fällt auf mein kleines Leben.
Aber die Verheißung von Jesaja reicht weiter. Denn diese Herrlichkeit ist in Jesus Christus auf diese Erde gekommen. In Jesus sehen wir Gottes Herrlichkeit (Joh 1,14). Da kommt nicht nur ein Lichtschein in unsere Finsternis, sondern die Lichtquelle selbst. Er, der viel zu groß, zu hell und zu stark für uns, macht sich so klein, dass er in unsere Welt passt. Einfach überwältigend.

-    Der zweite Gedanke: Es ist „dein Licht“. Dieser großartige und unfassbare Gott überstrahlt nicht nur alles, sondern er will etwas mit uns zu tun haben. Mit seinem Volk Israel, das immer wieder ohne ihn zurechtkommen wollte. Mit mir, der oft so schwer von Begriff ist, der immer wieder schuldig wird und versagt. Dieser Gott ist „mein Licht“. Er sucht die Verbindung mit mir. Er will nicht nur über mir leuchten, sondern in mein Leben hinein. Mit seiner Herrlichkeit und seinem Glanz. Und ich muss darauf reagieren.

-    Daran hängt der dritte Gedanke: Licht breitet sich aus. Es ist schneller als der Schall (330m/s). Die „Lichtgeschwindigkeit“ können wir gar nicht messen (300.000 Km/s). Und es breitet sich immer gradlinig aus. Man kann es durch verschiedene Gegenstände brechen, ablenken und spiegeln. Aber jeder Lichtstrahl ist gradlinig. Er macht keine Kurve. Darum ist das Licht ein gutes Symbol für die Wahrheit. Es ist immer geradeaus und eindeutig. Und deshalb kann ich mich davor verstecken. Wo das Licht nicht durchdringen kann, bleibt der Schatten. Und ich kann diesem Lichtstrahl ausweichen, ihn abwehren und mein Leben dicht machen.
Deswegen heißt die Aufforderung:

Mache dich auf! (einsehen)
Das kann heißen: Mach dich auf den Weg, geh los und setz dich in Bewegung. Bleib nicht hier!
Oder es kann bedeutet: Öffne dich! Bleib nicht dicht! Vor allem diesen zweiten Gedanken entdecke ich hier. Du musst das Licht nicht suchen. Du brauchst ihm nicht entgegen zu gehen, sondern es kommt zu dir. Das Licht, die Herrlichkeit Gottes erscheint über dir. Die Frage ist nur, ob du dich dafür öffnest oder verschlossen bleibst.
Wofür bin ich offen? Die einen sind offen für gute Musik, die anderen für leckeren Kuchen. Die einen sind offen für neue Ideen, die anderen für sportliche Abenteuer. Die einen sind offen für Fernsehserien, die anderen für jede technische Neuheit. Wofür ich offen bin, das verändert mich. Es bestimmt meine Zeit, es kostet mich etwas, es prägt meine Gedanken. Ich beschäftige mich damit, bin bereit auf diesem Gebiet zu lernen und zu prüfen. Und ich entdecke neue Sichtweisen und Möglichkeiten.
Es ist eine Grundfrage für jede Gemeinschaft, jede Familie, jede Kleingruppe und jeden Verein: sind wir offen füreinander? Hören wir uns gegenseitig zu, auch wenn die Vorschläge erstmal alles Gewohnte über den Haufen werfen. Versuche ich den anderen zu verstehen? Bin ich offen für Kritik? Bin ich offen für Hilfe?

Diese Offenheit ist ein wichtiges Merkmal für die Erkenntnis. In der Bibel hat sie unterschiedliche Schwerpunkte. Der eine ist: Ich sehe und erkenne etwas. Dadurch weiß ich mehr als vorher. Vor allem über Gott. „Erkennet, dass der HERR Gott ist!“ (Psalm 100,3)  „Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.“ (Hi 42,2)
Und die zweite Bedeutung ist: Ich erkenne etwas über mich selbst. Ich sehe ein, wer ich bin, was mir fehlt, was nicht in Ordnung ist. Es geht um Selbsterkenntnis, die Wahrheit über mein Leben.
„Sie erkannten, dass sie nackt waren“ (1. M 3,7)
Für das Volk Israel hieß das damals: Wir haben erkannt, dass wir gegen Gott gehandelt haben. Wir haben gesündigt und sind von ihm weggelaufen. Dadurch haben wir gelernt, dass wir ohne ihn nicht zurechtkommen. Wir sind zu Recht hier in Babylon. Aber weil es für uns so finster aussieht, sehnen wir uns nach ihm. Denn wenn Gott uns nicht hilft, kommen wir hier nicht wieder raus. Wir wollen sein Licht wieder bei uns haben. Wir brauchen diesen Herrn und wollen unser Leben ändern.
Darum darf Jesaja ihnen sagen: „Für Zion wird ein Erlöser kommen und für die in Jakob, die sich von der Sünde abwenden.“ (Jes 59,20)
Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Und die Israeliten hören: „Dein Licht kommt!“ Gott verändert eure Dunkelheit. Und wenn ER leuchtet, braucht ihr nichts anderes mehr. Kein Laterne, Stars und Sternchen. Denn Gott selbst ist die Lichtquelle. So heißt es ein paar Verse später: „In Zukunft brauchst du nicht mehr die Sonne als Licht für den Tag noch den Mond als Licht für die Nacht; denn der Herr, dein Gott, wird für immer dein Licht sein und dir mit seinem herrlichen Glanz leuchten.“ (Jes 60,19)
Dieses Licht verändert alles. Und das bietet Gott auch mir an. Er deckt auf, was in meinem Leben nicht stimmt. Er zeigt mir, dass ich Sünder bin. Was nicht in Ordnung ist, wofür ich mich nur schämen kann. Diese Erkenntnis tut weh. Und ich halte sie nur aus, weil Jesus Christus in die Welt gekommen ist. Durch ihn wird meine Schuld vergeben. Denn er ist dieser Erlöser. Und er ist das Licht. Bis in Ewigkeit. Darum heißt es auch im letzten Buch der Bibel: Der Ort, wo wir für immer bei Gott sein werden, braucht keine Sonne und keinen Mond mehr, „denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.“ (Off 21,23)
Dieses Licht sorgt für Erkenntnis. Ich erkenne, wie groß mein Herr ist. Ich erkenne, wer ich selbst bin. Sehen und Einsehen. Und ich begreife, dass ich ohne ihn nicht leben will.
Das gibt meinem Leben eine völlig neue Dimension. Jesus sagt: „Das ewige Leben besteht darin, dich zu erkennen, den einzig wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ (Joh 17,3)
Von solch einer Veränderung sprechen zwei Worte, die man in dieser Verheißung schnell übersieht.

Werde licht (lieben)
Im Deutschen steht hier nicht: „werde Licht“ – also fang an zu leuchten! Sondern da steht: „werde licht“. Es wird klein geschrieben. Und es bedeutet: frei werden. Eine Lichtung ist der Bereich, wo weniger Bäume stehen und deswegen mehr Licht hineinfallen kann. Wenn der Nebel sich lichtet, wird es heller. Wo sich etwas lichtet, ist mehr Platz, mehr Luft und mehr Licht.

„Mache dich auf“ bedeutet dann für mich: Ich will mich öffnen! Und „werde licht“: ich will Platz machen für das Wichtige. Ich will auf das verzichten, was mich ablenkt, was mich in den Mittelpunkt stellt, was mir den Blick auf meinen Herrn verbaut.
Advent war ursprünglich eine Fastenzeit. Da hat man bewusst Dinge weggelassen, um sich innerlich und äußerlich auf diese Ankunft des Herrn vorzubereiten.
Ich will licht werden, damit Jesus ankommen kann. Vielleicht ist es gut, wenn du in diesem Jahr den Deko-Dschungel einmal lichtest. Wenn du deine Wohnung nicht mit allem vollstellst, was du jedes Jahr zur Adventszeit herausholst. Sondern nur das hinstellst, was dich auf Jesus ausrichtet. Dass du nicht alle möglichen Adventsverheißungen liest und an die Wand hängst, sondern jede Woche nur einen Vers, über den du weiter nachdenkst. Wenn du dich nicht von allen möglichen Liedern berieseln lässt, sondern die Stille zulässt, um ein Lied tiefer wirken zu lassen.
Vielleicht machst du nicht bei allen möglichen Aktionen und Feiern mit. Du verzichtest auf Fernsehzeiten, auf eine Stunde Internet am Tag, auf dein Abendessen, um die Zeit zu nutzen für eine Begegnung mit Jesus. „Werde licht“ – mach Platz in deinem Kalender, in deinen Gedanken und in deinem Herzen.
Öffne dich für den, der dich über alles liebt. Und je mehr du von Jesus erkennst, desto mehr lernst du ihn lieben. Und das ist das dritte Kennzeichen von Erkenntnis. Denn mit diesem Begriff wird in der Bibel auch eine tiefe Beziehung und liebevolle Verbindung beschrieben. („Adam erkannte seine Frau Eva, und sie wurde schwanger“ 1.M 4,1)
Warum das wichtig ist, machte Henri Nouwen (1932-1996 niederländischer Priester, Psychologe und Schriftsteller) seinen Schülern auf eine besondere Weise deutlich:
Er zog eine gerade Linie von einer Tafelseite zur anderen und sagte: „Das ist dein Leben in Gott. Du gehörst Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du wurdest schon geliebt, bevor du geboren wurdest und du wirst in Ewigkeit geliebt werden.“
Dann markierte er einige Zentimeter irgendwo in der Mitte der Line und sagte: „Und das ist dein Leben auf der Erde. Es ist die Zeit, in der du die Möglichkeit hast zu entdecken, dass du von Gott geliebt bist. Und es sind die wenigen Jahre, in denen du Gott antworten darfst: Ich liebe dich auch.“ (aus Tomas Sjödin „Wo du richtig bist“, SCM-Verlag, S.184f)
Mich hat das sehr nachdenklich gemacht. Denn Gottes Licht scheint immer. Seine Herrlichkeit ist da und er liebt mich. Ewig. Aber es gibt nur einen begrenzten Zeitraum, in denen ich dieses Licht erkennen, mich dafür entscheiden und dadurch verändern lassen kann. Nämlich die Zeit, wenn ich hier auf der Erde lebe. Wir sagen, dass jemand bei der Geburt „das Licht der Welt“ erblickt. Und wenn jemand gestorben ist, gibt es die Formulierung: er ist „verblichen“. Also getrennt vom Licht. Und nur in dieser Zeit zwischen Geburt und Tod habe ich die Möglichkeit, mein Herz für dieses Licht zu öffnen. Diese Liebe zu erkennen, diesen Gott lieben zu lernen, ihn zu loben und für ihn zu leben. Mein Herz steht in Gottes Licht. Es ist umgeben von seiner Herrlichkeit. Aber ich entscheide, ob ich mich für ihn öffne. Ob er mein Leben erleuchten darf.
Dann wohnt seine Wahrheit in mir und erfüllt mich. Und wenn ich sein Licht in meinem Herzen habe, hört mein Leben mit diesem Herrn nicht wieder auf – selbst dann nicht, wenn ich sterbe. „Das ewige Leben besteht darin, dich zu erkennen, den einzig wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ (Joh 17,3)
Und erkennen bedeutet:
Ich sehe, wie du bist. So unfassbar groß und mächtig.
Ich sehe ein, wer ich bin. So klein und hilflos ohne dich.
Und ich liebe dich über alles. Ich kann und will ohne dich nicht mehr leben!
Darum: „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt!“ Amen