"Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" - Markus 9,24

Es ist schon ein ungewöhnlicher Vers, der uns als Losung durch das neue Jahr begleitet. Kein tröstlicher Zuspruch von Gott, keine ermutigende Aufforderung an uns Menschen, kein kräftiges Bekenntnis, sondern der Aufschrei eines verzweifelten Vaters. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Der Satz ist ehrlich, er rüttelt auf - aber es fällt mir nicht leicht, ihn einfach so mitzusprechen. Erst klingt es stark und sicher wie im Lied „Ich weiß, woran ich glaube!“ Und dann unsicher: „Aber ich weiß nicht, ob das alles wirklich stimmt.“
Woher kommen die Bedenken? Was macht dem Menschen so zu schaffen? Wie passen Glaube und Unglaube in einen Satz? Ich bin mit diesem Vers einfach noch nicht fertig, aber ich will euch in meine Gedanken dazu mit hineinnehmen.
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Hier fällt sofort die Spannung zwischen Glaube und Unglaube auf. Es wirkt wie ein Gegensatz. Und das ist typisch für den ganzen Text, in dem dieser Vers steht (Mk 9,14-27).

Gegensätze
Jesus war mit drei Jüngern auf einem Berg. Dort hatte er eine besondere Begegnung mit seinem Vater im Himmel und die Jünger haben Gottes Stimme gehört: „Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören!“ (Mk 9,7) Und jetzt kommt Jesus mit ihnen vom Berg ins Tal, aus dem besonderen Moment in den Alltag, aus der friedlichen Stille in den Streit von Menschen. Von der Einsamkeit kommt Jesus in die aufgeregte Menge, und aus der Menge kommt ein Mann zu ihm.
Dieser Vater sorgt sich um seinen Sohn, von dem ein sprachloser Geist Besitz ergriffen hat. Der quält diesen Jungen mit Krämpfen und Anfällen, die nicht zu kontrollieren sind. Und das von Geburt an!

Unser Leben ist voller Gegensätze, die uns oft zu schaffen machen. Wenn wir viel um die Ohren haben, sehnen wir uns nach Ruhe. Aber wenn wir uns nach einem hektischen Tag ins Bett legen,  können wir nicht schlafen, weil wir innerlich noch nicht damit fertig sind. Wir tun uns schwer, nach einem schönen Wochenende wieder in den Alltag zu finden. Darum ist der Montag oft ein schwieriger Tag. Lachen und Weinen liegen oft sehr dicht zusammen. Die einen freuen sich über ihr neugeborenes Kind, die anderen trauern um einen lieben Menschen. Wir feiern Erfolge und genießen fröhliche Zeiten – während andere ganz allein mit schweren Sorgen kämpfen.
So ging es diesem Vater. Er macht eine sehr schmerzhafte Erfahrung, die im Text so beschrieben wird: „und sie konnten es nicht“ (V.18). Denn er wollte seinem Sohn so gerne helfen – und konnte es nicht! Er hat ihn zu vielen Ärzten gebrachten, damit sie ihn gesund machen – und sie konnten es nicht! Er wollte ihn zu Jesus bringen, aber der war nicht da. Darum hat er die Jünger gebeten, seinen Sohn zu befreien – und sie konnten es nicht! Und das, obwohl sie doch vorher die Vollmacht bekommen hatten, auch böse Geister auszutreiben! (Mk 6,7+13) Aber hier fehlte ihnen etwas (vgl. Mt 17,20).
Dieser Vater war am Ende. Immer wieder wurden seine Hoffnungen enttäuscht. Jetzt war Jesus zwar da, aber vor seinen Augen wird der Junge wieder von Krämpfen geschüttelt und von diesem Geist gequält. Darum ist es kein Wunder, dass es aus dem Vater herausbricht: „Wenn du etwas kannst, dann erbarm dich unser und hilf uns!“ (V.22) 
Und wie oft stehe ich genauso da. Ich bin enttäuscht, weil ich so viel versucht habe. Aber die Menschen, die mir am Herzen liegen, stecken weiter in ihren dunklen Gedanken fest oder sind immer noch so zerstritten… Das Projekt, das mir so wichtig ist, kommt nicht voran, mir fehlen die Ideen und die Kräfte lassen nach. „…und sie konnten es nicht…“
Da geht es in Gemeinden trotz vieler Hilfen nicht weiter, da wird die Stimmung im Betrieb und in der Nachbarschaft immer aggressiver. Ich sehe, wie bei Freunden das Geld immer knapper wird, wie treue Mitarbeiter keinen Arbeitsplatz finden, wie es mit der Gesundheit nicht besser wird. Und ich weiß nicht, wie ich das ändern kann. „…und sie konnten es nicht…“
Darum möchte ich manchmal am liebsten auch sagen: „Aber Jesus, wenn DU etwas kannst, dann mach es jetzt! Greif hier ein, verändere die Situation.“
Mich beeindruckt immer wieder, dass Jesus sich nie aus der Ruhe bringen lässt. Er sagt dem Vater: „Die Frage ist nicht, ob ich etwas kann, sondern ob du mir vertraust! Ich kann alles. Aber glaubst du mir? Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt.“(V. 23) Jesus sagt: „Mir ist alles möglich! Aber es liegt an dir, ob sich jetzt etwas ändert. Vertraust du mir deinen Sohn an? Lässt du ihn los, damit ich mich darum kümmern kann? Traust du mir das zu?“
Hier ist der Gegensatz so deutlich: Ich kann – aber lässt du mich ran? Und das führt den Vater zu diesem verzweifelten Ausruf: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Weiter glauben
Dieser Ausruf hat es in sich. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger entdecke ich einen Gegensatz. Unglaube ist nicht einfach das Gegenteil von Glaube. Die Vorsilbe „Un-“ beschreibt nicht das Gegenteil, sondern eher eine Einschränkung oder Grenze.
Das „Unkraut“ ist ein Kraut - aber wir wollen es nicht im Garten haben. Ein „Unmensch“ ist ein Mensch - aber mit sehr negativen Eigenschaften. Wenn jemand „unwillig“ ist, dann hat er einen Willen - aber er hat keine Lust, hier mitzumachen. Wenn wir sagen „unmöglich“, dann halten wir vieles für möglich - aber diese eine Sache nicht. Und in jedem „Unglauben“ steckt auch der Glaube. Es gibt vieles, was ich glaube. Was ich für richtig, wichtig und möglich halte. Aber der Glaube stößt an eine Grenze. Denn der Vater hat geglaubt. Er wollte seinen Sohn zu Jesus bringen. Er hat ihn den Jüngern anvertraut. Aber jetzt stößt er an seine Grenzen. Er kann sich nicht vorstellen, was sich jetzt noch ändern soll. Seine Erfahrungen, sein Verstand und sein Logik sagen: „Geht nicht!“

Unglaube ist Glaube, der an seine Grenze stößt. Wie oft geht es mir auch so. Mein Glaube ist begrenzt. Er ist wie ein Raum, in dem ich mich befinde. Ich weiß, wer Jesus ist: Der Sohn Gottes, mein Erlöser, der sein Leben für mich gegeben hat. Er ist von den Toten auferstanden und wird als ewiger Herr wiederkommen. Das ist mein Glaube. So lese ich es in der Bibel, so habe ich es gelernt, so habe ich es erlebt, so halte ich es für richtig. Und ich weiß: Er hört mein Gebet, er lässt mich nicht allein und er liebt mich. Das trägt mein Leben. Aber dieser Glaube stößt immer wieder an seine Grenzen. Wenn Dinge passieren, auf die ich keine Antwort weiß, die ich noch nie erlebt habe, die mich ratlos machen.
So wie Martha, als ihr Bruder Lazarus gestorben war. Da sagte Jesus ihr: „Dein Bruder wird auferstehen.“ Und sie antwortete: „Ich weiß. Bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.“ Und Jesus sagt ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“ (Joh 11,23-25)
 
Vor kurzem las ich:
„Man kann „Glauben“ nicht als Substantiv schreiben, sondern eigentlich nur als Verb.
Als Substantiv macht er eng, als Verb macht er mutig.“
(nach Martin Schleske aus Daniel Böcking „Warum Glaube großartig ist“, Gerth-Medien)

Jedes Substantiv (Hauptwort) legt etwas fest. Der Glaube als Substantiv macht eng. Immer wenn ich von „meinem Glauben“ rede, lege ich bestimmte Grenzen fest. Ich beschreibe damit die Wände von dem Raum des Glaubens. Ich grenze mich ab und sage: „So ist es, das kenne ich, das traue ich Jesus zu, das gilt für mich!“ Und alles was darüber hinausgeht, sprengt meine Grenzen. Da muss ich sagen: „Geht nicht!“
Aber ein Verb („Tu-Wort“) beinhaltet eine Aktion. Da tut sich etwas. Es macht mutig, weil da etwas in Bewegung ist. Durch ein Verb kommt Leben in die Sprache.
In unserer deutschen Sprache gibt es kein Verb für Unglauben. Darum wird in der Jahreslosung „Unglaube“ als Substantiv beschrieben, aber „glauben“ als Verb. Der Vater sagt: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Mein Glaube ist zu klein. Er reicht nicht aus. Darum will ich weiter glauben. Ich will dir alles zutrauen und von dir lernen!“ Wer glaubt, ist noch nicht fertig. Er weiß: Da kommt noch was!


Mir hilft dabei ein Bild der Künstlerin Karin Kaufmann mit dem Titel „Tür zum Herzen“. Darauf ist ein helles Herz zu sehen. Es ist wie ein Raum, in dem ein Mensch ist. Aber der sieht dunkel aus, wirkt verzweifelt und liegt am Boden. Er hat keinen Blick für die Tür.
Der Glaube ist ein sicherer Raum. Da weiß ich, was ich habe. Aber es gibt mehr, als ich bisher gesehen, erlebt und verstanden habe. Und wenn ich an diese Grenzen stoße, brauche ich einen anderen Blick. Eine Tür, durch die Jesus mir zeigt: „Ich bin größer als du glaubst und kann mehr, als du denkst! Mit mir geht es weiter.“
Der Apostel Paulus schreibt einmal: „Gott kann viel, viel mehr, unendlich viel mehr, als wir bitten oder verstehen.“ (nach Eph 3,20) Darum steht für mich auf der Wand des Herzens: „So ist es!“ Denn das ist mein Glaube, der aber immer wieder an seine Grenze stößt. Und auf der Tür steht: „Aber nicht nur!“ Denn Jesus ist viel größer. Und mit ihm geht es weiter.

Der Vater wagt diesen Schritt. Er sagt zu Jesus: „Ich will weiter glauben. Über das hinaus, was ich bisher kenne und erlebt habe. Ich will dir meinen Sohn anvertrauen, meine Sorgen und Fragen. Bitte hilf mir, diese Tür zu öffnen. Ich will dir vertrauen. Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Und dann erlebt er, wie Jesus seinen Sohn befreit und heilt.

Seit einigen Wochen begleitet mich, wie eine Pfarrerin diesen Vers für sich umgesetzt hat. Sie hat gebetet: „Herr, ich vertraue mich dir an. Und ich bin gespannt, wie du das hinkriegst.“
(M. Deitenbeck-Goseberg in C. Morgner „Das Lesebuch zur Jahreslosung 2020“, Brunnen-Verlag, S. 16) Das ist für mich ein Schlüssel für diese Tür. Und ich habe ihn öfter gebraucht, als mir bewusst war.

-    Als bei meiner ersten Frau vor 20 Jahren Krebs festgestellt wurde, haben wir gebetet und geglaubt, dass sie gesund werden kann. So wie wir es bei anderen erlebt haben. Die Medikamente und Chemotherapien haben doch schon oft geholfen. Aber bei ihr kam der Krebs wieder und breitete sich in fünf Jahren immer weiter aus. Und dann haben wir zusammen gebetet: „Jesus, du kannst heilen. Aber du kannst auch ganz anders handeln und helfen, als wir es uns vorstellen können. Über unsere Grenzen hinaus. Bitte schenk uns Frieden. Wir vertrauen uns dir an. Und wir sind gespannt, wie du das hinkriegst!“ Und Jesus hat Frieden geschenkt. Meiner Frau kurze Zeit später in seiner Herrlichkeit. Und mir durch seinen Trost und viele liebe Menschen hier auf der Erde.
-    Vor 10 Jahren haben wir als Landeskirchliche Gemeinschaft eine Industriehalle gekauft und als Gemeinschaftshaus umgebaut. Wir hatten das Geld nicht, wussten nicht, ob die Spenden zusammenkommen und wir unser altes Haus verkauft bekommen. Wir wollten vieles in Eigenleistung machen und wussten nicht, wie wir die regelmäßigen Arbeitseinsätze an den Wochenenden verkraften würden. Aber wir haben gesagt: „Herr, wir vertrauen uns dir an. Und wir sind gespannt, wie du das hinkriegst.“ Es dauerte viele Monate, bis sich finanziell alles geregelt hatte. Aber wir sind durch die gemeinsame Arbeit zusammengewachsen und spüren heute noch den Segen davon.
-    Im letzten Sommer wurde der Arbeitsvertrag unseres Sohnes als Industriemechaniker nicht verlängert. Da war die Frage, wo er eine neue Anstellung findet. Wir haben uns mit ihm nach allen möglichen Stellenangeboten umgeschaut und gebetet. „Herr, wir vertrauen ihn dir an. Und wir sind gespannt, wie du das hinkriegst.“ Nach einem Gottesdienst in einer anderen Gemeinde kam ich mit einem Mitarbeiter ins Gespräch. Der erzählte ganz nebenbei, dass sie in seiner Firma händeringend Industriemechaniker suchten. Und innerhalb von zwei Wochen hatte unser Sohn eine neue, unbefristete Stelle, in der er sich sehr wohl fühlt.

So geht es mir immer wieder, wenn ich vor einer Aufgabe stehe, der ich mich nicht gewachsen fühle, wenn ich Menschen in schwierigen Lebensphasen begleite: „Herr, ich vertraue mich dir an. Und ich bin gespannt, wie du das hinkriegst.“

Ich bin dankbar für den Raum des Glaubens. Dass ich weiß, an wen ich glaube. Aber ich will diese Tür im Blick behalten. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Ich bin mit diesem ehrlichen Satz noch nicht fertig, aber ich lerne ihn immer mehr schätzen. Und mein Gebet für das neue Jahr heißt: „Herr, ich vertraue mich dir an. Und ich bin gespannt, wie du das hinkriegst!“
Amen