„Im Frieden leben“ - Psalm 34,15

Smalltalk - das kleine Gespräch. Wer viel mit Menschen zu tun hat, der kennt es nur zu gut. Man redet über das Wetter oder das Essen, über Baustellen, Fußballspiele oder Krankheiten. Man spricht miteinander, aber es bleibt nett und harmlos. Früher begann man solche Gespräche mit: „Wie geht’s?“ Heute fragt man: „Alles gut?“ Das kürzt die Antwort gleich schon ab. Es wird erwartet, dass ich Ja sage. Denn viel tiefer soll das Gespräch gar nicht gehen. Ich bin kein großer Freund von kleinen Gesprächen. Ich liebe Fragen mit Tiefgang und möchte Zeit für Gespräche haben. Darum gefällt mir eine Begrüßung, die im Hebräischen gebraucht wird. Dort heißt es: „Ma shalom – Wie ist dein Friede?“ Das kann zwar auch schnell eine leere Frage werden, auf die man keine echte Antwort erwartet, aber mich beschäftigt sie.
Wie ist mein Friede? Das betrifft alle Bereiche in meinem Leben. Bin ich im Moment zufrieden – oder fehlt mir etwas? Habe ich Frieden mit mir und meiner Lebensgeschichte? Läuft alles rund in meinen Beziehungen - habe ich Frieden mit anderen?
Wie ist dein Friede? Diese Frage kann ich nicht schnell beantworten, denn sie führt in ein großes Gespräch. Was ist Frieden und wie fühlt er sich an? Was kann ich dafür tun und liegt es wirklich nur an mir?

Die neue Jahreslosung gibt eine klare Richtung vor: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15) Auf mich wirkt dieser Vers zuerst mal negativ und unruhig. Denn was ich suchen muss, ist gerade nicht da. Was ich jagen muss, habe ich nicht im Griff. Und wenn der Friede nicht da ist, herrscht das Gegenteil: Unfriede, Unruhe, Streit, Hektik. Es ist nicht gut. Weil der Friede nicht von selbst kommt, bin ich gefordert. „Suchen“ setzt voraus, dass ich etwas finden will und mich darum bemühe. Und „nachjagen“ beschreibt meinen ganzen Einsatz. Da will ich unbedingt etwas erreichen und festhalten. „Suche Frieden und jage ihm nach!“

Diese Aufforderung stammt von David und steht im Psalm 34. Im ersten Teil des Psalms lobt David Gott, weil er ihm aus einer lebensbedrohlichen Situation herausgeholfen hat. Er hat ihm zur richtigen Zeit die richtige Idee gegeben. Darum sagt er: „Ich will den Herrn zu jeder Zeit preisen, immer soll sein Lob auf meinen Lippen sein. Aus tiefster Seele lobe ich den Herrn. Die Mutlosen hören es und freuen sich. Kommt, wir verkündigen gemeinsam, wie groß der Herr ist. Lasst uns miteinander seinen Namen ehren!“ (V. 2-4)
Im zweiten Teil des Psalms beschreibt David, wie es aussieht, wenn man sein Leben mit Gott führt und was das für Folgen hat. Diesen Teil beginnt er mit einer grundlegenden Lektion, einer Lehreinheit. Und mittendrin steht die Jahreslosung:
„Kommt und hört mir zu! Ich will euch sagen, was es heißt, in Ehrfurcht vor dem Herrn zu leben. Wer will Freude am Leben haben? Wer hätte gern ein langes Leben, in dem es ihm gut geht? Wenn das dein Wunsch ist, dann erlaube deinem Mund keine boshaften Reden, verbiete deinen Lippen jedes betrügerische Wort. Halte dich vom Bösen fern und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach! Denn der Blick des Herrn ruht freundlich auf denen, die nach seinem Willen leben; er hat ein offenes Ohr für sie, wenn sie um Hilfe rufen.“ (V. 12-16 Neue Genfer Übersetzung)
David fragt: Willst du gerne ein gutes Leben haben? Dann musst du zwei Entscheidungen treffen. Sie drehen sich um die beiden Säulen des Friedens: Sicherheit und Einheit. Die erste Entscheidung heißt: „Suche Frieden!“ Und die zweite: „Jage ihm nach!“

1. Sicherheit
Wenn ich Frieden suchen muss, dann bedeutet das: Ich habe ihn nicht. Aber noch deutlicher muss ich sagen: Ich bin nicht dort. Frieden ist kein Zustand und kein Gefühl, sondern sprachlich gesehen zuerst mal ein Ort. Unser Begriff „Frieden“ hat viel mit einem geschützten Raum zu tun. Ein „umfriedeter“ Bereich ist durch Zäune oder Mauern abgegrenzt. Er ist geschützt. Frieden habe ich nur, wo ich mich sicher fühle. Da kann ich sagen: Es ist gut. Auch wenn nicht alles perfekt und in Ordnung ist, kann ich zur Ruhe kommen. Ich lebe im Frieden.

„Suche Frieden“ bedeutet: Geh an den Ort, wo du geschützt bist. Such ihn auf, immer wieder neu. In der Lutherbibel trägt der ganze Psalm die Überschrift „Unter Gottes Schutz“. Und genau dort muss ich hin – zu Gott. David spricht davon immer wieder. V.5 „Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir.“ V.6 „Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude.“ V. 7 „Als einer im Elend rief, hörte der Herr und half ihm heraus.“ V. 9 „Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist.“
Der Blick, die Gedanken und die Worte sind auf den Herrn gerichtet.
Seit vielen Jahren begleitet mich der Satz von einem meiner theologischen Lehrer: „Friede ist nicht Abwesenheit von Kampf, sondern Anwesenheit von Gott.“ Es wird oft nicht leichter, aber ich stehe hier nicht allein. Genauso heißt es auch in einem alten Lied: „Schließ auf, Herr, über Kampf und Sorgen das Friedenstor der Ewigkeit. In deiner Burg sind wir geborgen…“ (Otto Riethmüller)
Frieden beginnt, wenn ich durch ein Tor hineingehe an einen Ort, wo ich sicher bin. Dieses Tor zu Gott ist für mich offen. Es ist ein begrenzter Raum, mit einer gewissen Enge. Aber genau diese Grenzen sorgen für den Frieden. Darum will ich zu ihm. Denn ich weiß: „Du bist gut und bei dir ist es gut!“

Frieden beginnt mit meiner Entscheidung für Gott. Ich weiß, worauf ich mich verlassen kann, weil er es versprochen hat. Hier bin ich sicher, ich bin angenommen und wertvoll. Das sind die Gedanken, die mich von dem Jüngerschaftskurs „Freiheit in Christus“ immer noch beschäftigen. In einer Lektion wurden wir gefragt: „Wie zufrieden bin ich? Wie ruhig bin ich?“ Und dann sollten wir ergänzen: „Ich wäre zufriedener, wenn… Ich wäre ruhiger, wenn…“ Bei meinen spontanen Antworten wurde ich sehr nachdenklich: Wäre ich wirklich zufriedener, wenn diese Rechnung bezahlt ist, wenn diese Menschen mich mehr unterstützen, wenn ich mehr Zeit hätte? Macht es mich ruhiger, wenn diese Prüfung geschafft ist und die OP hinter mir liegt? Oder kommt danach nicht sowieso schon die nächste Sorge auf mich zu?

Mein Friede hängt nicht davon ab, was ich schaffe und bewältige, sondern von der Tatsache, was ich bin. Ich bin durch Christus Gottes Kind. Und für mich gilt, was er über mich sagt. Das steht fest. Darum suche ich diesen Herrn und seinen Frieden.
Wenn ich unruhig bin, mein Zeitplan nicht funktioniert und ich nicht fertig werde, will ich sagen: Herr, dir gehört mein Leben. Und „meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Ps 31,16)
Wenn ich mit mir nicht zufrieden und unsicher bin, was andere von mir halten, will ich darauf schauen: „Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ (Ps 73,25)
Wenn ich an meine Grenzen stoße und mir alles zu viel wird, will ich mir bewusst machen: Herr, du hast gesagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Kor 12,9).

Der Evangelist Hans-Peter Royer hat es einmal so aufgeschrieben:
„Wie oft denken, reden und beten wir so: „Das schaffe ich nicht, ich werde versagen, ich gehe dabei zu Grunde!“ Versuch mal dasselbe zu sagen in der Wir-Form, mit Christus an deiner Seite:
„Jesus, das schaffen wir nicht.“ Und er fragt zurück: „Warum denn nicht?“
„Jesus, wir werden versagen.“ Und er sagt: „Nein, ich habe noch nie versagt.“
„Jesus, wir werden zu Grunde gehen.“ Und Christus antwortet: „Wir werden nicht zu Grunde gehen, denn ich bin auferstanden!“…
Jedes Mal, wenn ich sage: „Jesus, ich kann das nicht…“, sagt er: „Na und? Ich kann.“
 (Hans Peter Royer „Nach dem Amen bete weiter“ S.49f, SCM Hänssler)

Und der Prophet Jesaja sagt: „Frieden gibst du dem, der dir vertraut. Darum vertraut immer auf den Herrn, denn er ist der ewige Fels.“ (Jes 26,3+4)
Diesen Frieden muss ich immer neu suchen und mich für ihn entscheiden: „Herr, ich will heute zu dir!“ Das ist mein Ort des Friedens. Darum suche ich die Gemeinschaft mit ihm. Das ist die erste Entscheidung.



2. Einheit
Die zweite Entscheidung heißt: „Jage ihm nach!“ Hier geht es nicht um meine Beziehung zu Gott, sondern zu den Menschen. Denn Gott muss ich suchen, aber ich kann ihm nicht nachjagen. Im Gegensatz zu den Menschen! Im Lexikon heißt es: „Frieden ist das Ergebnis ungestörter Gemeinschaft.“ Frieden bedeutet: zwischen uns ist es gut. Da ist alles geklärt. Aber weil wir Menschen schwierig sind, stehen wir jeden Tag vor neuen Problemen. Darum muss ich diesem Frieden „nachjagen“, mich immer neu darum bemühen. Und sobald ich damit aufhöre, geht etwas verloren.
Dazu werden wir in der Bibel oft aufgefordert: „Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Röm 12,18) „Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“ (Röm 14,19) „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.“ (Hebr 12,14)
Die Frage heißt hier nicht mehr: Wo muss ich hin? Sondern: Was geht von mir aus? David gibt den Rat:

Achte auf deine Worte!
Pass auf, was du sagst. „Erlaube deinem Mund keine boshaften Reden, verbiete deinen Lippen jedes betrügerische Wort.“ (Ps 34,14) Oder kurz: Sag die Wahrheit!
Wie schnell übertreibe ich, um mich interessanter zu machen. Ich dramatisiere oder verharmlose Dinge, um mich besser darzustellen. Und das ist nicht die Wahrheit! Wer nicht die Wahrheit sagen kann, der hat keinen Frieden. Er steht nicht fest, weil er immer noch die Bewunderung und Anerkennung von anderen braucht. Wer nicht die Wahrheit sagt, versucht sich und andere zu schützen. Aber in diesem Moment vertraut er Gott nicht!

Und sag, was gut ist. Paulus schreibt dazu einmal: „Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was aufbaut und notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ (Eph 4,29)
Wie rede ich über andere – gerade, wenn sie nicht dabei sein? Es kommt so leicht ein ironischer Unterton in meine Worte hinein. Ich verurteile Menschen, ohne sie wirklich zu kennen. Darum muss ich mich fragen: Was geht von mir aus? Will ich wirklich das Gute?
Ich kann Worte wählen, die trennen oder die verbinden. Ich kann über das reden, was mich von dem anderen unterscheidet, was mich an ihm nervt, was mich verletzt hat. Oder über das, was uns verbindet. Was gut ist, wo wir miteinander klarkommen.
Petrus gibt einmal den Rat: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem und Beschimpfung mit Beschimpfung, sondern segnet, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen empfangt.“ (1.Petr 3,9) Und direkt danach zitiert er genau die Verse aus Psalm 34, in denen unsere Jahreslosung steht.
Diese Gedanken stehen für mich unter dem zweiten großen Standbein des Friedens: „Einheit“. Und das bedeutet: Ich will auf das schauen und von dem reden, was gut ist und was von Gott aus fest steht. Auch wenn zwischen uns gerade viel zerbrochen ist. Auch wenn ich dir gerade nicht vertrauen kann und du mich verletzt hast. Über uns steht der Segen Gottes. Was Gott sagt, das gilt. Was er gibt, das bleibt. Darum will ich dich segnen und dir Gutes wünschen. Ich will die Mauer zwischen uns nicht höher bauen. Ich will nicht noch Öl ins Feuer gießen, sondern mich mit dir unter Gottes Schutz und seinen Segen stellen. Ich will mit dir in diesem Frieden leben.
Der Ort, an dem ich stehe, bestimmt das Wort, das ich sage. Und ich will dir ein gutes Wort sagen! Damit wir wieder Gemeinschaft haben. So jage ich dem Frieden nach…
Dazu gehört für mich ein zweiter Gedanke:

Achte auf die Weite!
Auf der einen Seite ist Frieden ein enger und geschützter Raum mit klaren Grenzen. Ein Ort, wo ich sicher bin. Aber auf der anderen Seite braucht Frieden eine große Weite und ein offenes Herz. Wer einen festen Stand hat, kann sich weit hinaus lehnen. Wer Frieden gefunden hat, kann Frieden weitergeben. Frieden lebt von der Einheit und von der Vielfalt. Besonders gut fasst es ein Wort von Paulus zusammen: „Der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leib, regiere in euren Herzen.“ (Kol 3,15)
Es ist sein Friede, der mich umgibt und der mich erfüllt. Aber er stellt mich mit anderen zusammen. In ein Team, in eine Familie, in eine Gemeinde. Wir sind „sein Leib“.
Wir sind uns nicht in allem einig, aber wir können eine Einheit sein. Dazu brauchen wir eine gesunde Weite. Ich muss mich fragen: wo ist mein Herz eng geworden? Meine Gedanken und Gewohnheiten einspurig? Aber sind die Unterschiede wirklich so wichtig? Was verliere ich, wenn ich nachgebe? Wenn ich auf mein Recht und meinen Vorteil in diesem Fall verzichte?
Wenn mein Friedensort feststeht, kann mein Herz weit sein.

Ich will dich achten, auch wenn du anders denkst als ich. Ich möchte es verstehen und respektieren.
Ich will dir zuhören, auch wenn du anders lebst, als ich und mir manches fremd ist. Aber ich möchte deine Geschichte kennenlernen.
Ich will mit dir gemeinsam Gott loben, auch wenn du anderes liebst, als ich. Andere Musik, andere Bilder, andere Formen.
Ich will auf das schauen, was uns verbindet. Auf den einen Herrn, dem wir gehören. Auf sein Wort, das gilt, egal was ich gerade fühle. Wir stehen gemeinsam unter einem Schirm. Und den will ich festhalten. In diesem Frieden will ich leben.

Genau da ist für mich auch die Grenze. Es gibt den Frieden zwischen uns Menschen nicht um jeden Preis. Er ist nicht grenzenlos möglich. Für mich ist dort die Grenze, wo ich nicht mehr die Wahrheit sagen kann oder andere Menschen darunter leiden müssen, die mir anvertraut sind (Familie, Gemeinde). Und „nachjagen“ endet für mich, wo ich meinen Friedens-Ort verlassen müsste, wo Jesus nicht mehr im Mittelpunkt steht.
Aber viel wichtiger ist: Wo fängt der Friede an? Und welchen kleinen Schritt kann ich heute gehen?

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ Das Wort, das uns durch dieses Jahr begleitet, ist Gottes Anfrage an mich. Es ist kein Smalltalk, sondern ein tiefes Gespräch, zu dem er uns einlädt. Denn er fragt: „ma shalom - Wie ist dein Friede?“
Und ich will im Frieden leben. In seinem Frieden, mit den Menschen, die er mir anvertraut hat.
Amen