"Im Haus des Herrn" - Psalm 27,4

„Wo gehöre ich hin?“ Über diese Frage haben wir während der Gebetswoche immer wieder nachgedacht. Wo ist mein Platz und meine Aufgabe? Wo bin ich richtig?
Wo ich hingehöre, da sollte ich sein. Aber es bedeutet nicht automatisch, dass ich auch dort bin. Wie oft liegt ein Werkzeug nicht da, wo es hingehört. Oder wir sehen, wie Menschen an einem Arbeitsplatz oder in einer Umgebung sind, die ihnen nicht gut tut. Und denken: du gehörst hier nicht hin! Es geht also um eine Standortbestimmung. Bin ich dort, wo ich hingehöre?
Genauso oft weiß ich zwar, wo ich hingehöre, aber ich will dort nicht sein. Da sagt mir ein Arzt: Sie gehören ins Krankenhaus. Da wissen Menschen, dass sie jetzt an den Schreibtisch gehören, um eine Ausarbeitung oder die Steuererklärung fertig zu stellen. Mancher gehört nach Hause zu seiner Familie, macht aber lieber noch Überstunden, weil er weiß, was ihn dort erwartet. Andere gehören in eine Gemeinde, aber es gefällt ihnen dort gerade einiges nicht. Bin ich dort gern, wo ich hingehöre?

Zum Abschluss der Gebetswoche wird uns eine Antwort gegeben, die alles zusammenfasst: „Wo gehöre ich hin? In das Haus des Herrn.“ Auch da will ich mich fragen: Bin ich dort? Und bin ich dort gern?
Mir hilft dabei, was König David einmal geschrieben hat: „Nur eine Bitte habe ich an den Herrn, das ist mein Herzenswunsch: Mein ganzes Leben lang möchte ich in seinem Haus bleiben, um dort seine Freundlichkeit anzuschauen und nachzudenken in seinem Tempel.“ (Psalm 27,4)


Hier bin ich gern
Für David steht fest: ich bin gern im Haus des Herrn. Das ist mein Herzenswunsch… wenn ich nur einen Wunsch frei hätte, würde ich mir das wünschen! Alle Bitten an meinen Herrn reduzieren sich darauf: „Ich möchte mein Leben lang in deinem Haus sein!“
Könnte ich das auch so mitbeten? Dafür muss ich erstmal klären: Was ist überhaupt das „Haus des Herrn“? Meistens wird ein bestimmtes Gebäude so genannt, wie der Tempel oder eine Kirche. Es ist ein Haus für Gott (Haus des Gastes). Es ist für ihn gebaut worden. Und weil es sein Haus ist, wohnt er auch hier. Hier ist Gott zu finden.
Deswegen hat dieses Haus des Herrn auch etwas mit mir zu tun. Ich kann ihm hier begegnen. Es ist sein Haus, das er für mich öffnet. Es ist nicht nur eine feste Burg, sondern auch ein Gasthaus. Ich darf kommen und hier ist Platz für mich.
David bekennt, dass er danach eine große Sehnsucht hat. Er sagt: „Herr, ich will dort sein, wo du bist. Ich möchte da sein, wo ich nie auf dich verzichten muss. Mein ganzes Leben würde ich mich am liebsten hier aufhalten.“ Das zieht sich durch den ganzen Psalm 27. Ich bin gern im Haus des Herrn!

Und doch enthält diese Bitte von David auch einen Schatten: „Ich bin nicht immer dort!“ Das hängt damit zusammen, dass Gott nicht nur einen Wohnsitz hat. Durch den Propheten Jesaja sagt Gott: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum.“ (Jes 57,15) Gott wohnt „in der Höhe“, im Himmel (Ps 2,4; 115,3). Er ist viel größer als alles, was wir Menschen bauen oder verstehen können. An ihn kommen wir nicht ran. Aber er will bei uns wohnen. Darum hat er uns Orte geschenkt, an denen wir ihm begegnen können. Menschen durften Häuser für ihn bauen.
 Im Alten Testament war das die Stiftshütte und später der Tempel. Gott hatte versprochen, dass er dort wohnt (2.M 25,8 „Du sollst mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne“; 2.Sam 7,13 „der soll meinem Namen ein Haus bauen.“). Weil Gott heilig ist, heißt sein Haus auf der Erde immer auch „Heiligtum“.
Die Menschen gingen regelmäßig dorthin, meistens zu besonderen Festen. Sie hatten Sehnsucht danach, Gott zu begegnen. Sie suchten seine Nähe, weil sie von ihm abhängig waren. Denn er führte sie und ihm verdankten sie alles. (Ernte, Freiheit, Leben). Aber weil Gott so groß und heilig ist, war das nur mit besonderen Grenzen und Vorbereitungen möglich. Trotz allem stand fest: Hier wohnt Gott! Und ich darf bei ihm sein. Ich bin nicht immer dort, aber jedes Mal gern! Es ist nicht immer gleich, aber jedes Mal gut
David freute sich auf diese Zeiten. Denn er kann dort „die Freundlichkeit des Herrn anschauen“. Er sagt: „Hier bin ich willkommen, hier kann ich meine Schuld loswerden. Hier kann ich sein Wort an mich hören und werde gesegnet. Ich kann mich einfach in seine Sonne stellen.“ Darum will David im Tempel „nachdenken“. An diesem Ort ist alles auf den Herrn konzentriert, da sind die äußerlichen Ablenkungen weg. Hier will David sich bewusst machen, wer Gott für ihn ist, was er durch ihn hat. Er will sein Wort hören und wirken lassen.
Wer so über Gott nachdenkt, kann ihn am Ende nur anbeten. Darum liebt David diesen Ort. Einmal betet er: „HERR, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Wohnort deiner Herrlichkeit.“ (Psalm 26,8) Gott ist hier mit seiner ganzen Herrlichkeit und Freundlichkeit. Wer hier sein darf, der hat es gut!
Genauso schreibt es auch ein anderer Beter im Psalm 84 (V. 2+5 GN): „Meine ganze Liebe gehört deinem Haus, Herr, du großer und mächtiger Gott!... Wie glücklich sind alle, die in deinem Haus wohnen und dich dort immerzu preisen können!“ Darum sagt David: Hier will ich bleiben. Am liebsten mein Leben lang!

Hast du solch einen Ort, wo du dich über Gott freust? Den du aufsuchen kannst und der dir hilft, deine Aufmerksamkeit auf diesen großen Herrn zu konzentrieren. Wo du alles andere ausblenden und abschalten kannst (Freizeiten, Stille Zeit, Gebet, Fasten…). Ich brauche solche Orte, wo ich zur Stille komme und mich in seine Sonne stelle.
Gott wohnt im Himmel… und im Heiligtum. Sein Haus ist für mich offen. Es ist oft nicht ein Gebäude, aber immer ein besonderer Ort. Und ich bin gern dort. Jedes Mal.

Du bist hier
Diese Tatsache macht mir aber auch zu schaffen. Das Thema heißt: „Wo gehöre ich hin? In Gottes Haus!“ Aber ich bin nicht immer dort. Ich kann nicht ununterbrochen an diesen besonderen Orten sein. Und ich merke, wie mir die Zeiten dazwischen immer wieder zu schaffen machen. Denn in meinem Alltag kämpfe ich mit Problemen, komme nicht zur Ruhe und kann nicht einfach ausblenden, was mich belastet. Ich sehne mich nach seinem Haus, aber es wirkt so weit weg. David betet einmal: „Ich schaue aus nach dir in deinem Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.“ (Psalm 63,3)
Damit sagt er: „Ich weiß, dass du alles verändern kannst. Wo du bist, ist keine Lage mehr aussichtslos. Darum möchte ich deine Macht erleben. Aber ich habe gerade keine Kraft, um dich aufzusuchen. Du scheinst so weit weg. Aber ich schaue nach dir aus. Ich suche dich!“

Deshalb gibt es einen dritten Wohnort Gottes, von dem Jesaja spricht: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei den Zerschlagenen, deren Geist niedergedrückt ist, um den Geist dieser Niedergedrückten aufzurichten und das Herz der Zerschlagenen zu beleben.“ (Jesaja 57,15)
Gott wohnt bei denen, die am Boden sind. Die selbst nicht mehr können. Die einsehen, dass sie es allein nicht schaffen. Die erkannt haben, dass sie vor ihm nicht bestehen können. Zerschlagen und niedergedrückt - wie oft fühle ich mich so, wenn es mir zu viel wird und ich mit Herausforderungen nicht klar komme. Wenn ich versagt habe und keine Ruhe finde.
Gerade dann, wenn ich am Boden liege und es nicht schaffe, mich zu Gott aufzumachen, tut es mir so gut, dass er sagt: „Ich bin da! Ich wohne auch hier! In deiner Tiefe.“
Gott ist mir viel näher, als ich ahne. So wie bei Jakob. Er war auf der Flucht vor seinem Bruder und erlebt in der Nacht, wie Gott in einem Traum zu ihm spricht. Und als Jakob aufwachte, sagte er: „Der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! …Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ (1.Mose 28,16+17)
Er liegt am Boden, aber er erkennt, dass hier ein Heiligtum ist und sogar das Tor zum Himmel! Hier begegnet ihm Gott. Hier ist das Haus des Herrn! „Bethel“. Er baut nicht nur ein Haus für mich, sondern er baut es sogar um mich herum.
Das Haus des Herrn ist da, wo Gott ist. Hier werden Menschen aufgerichtet, weil sie die Freundlichkeit des Herrn erleben und entdecken, wie gut er ist.


Ich bin drin
Im Neuen Testament bekommt dieses Haus des Herrn noch einen anderen Gesichtspunkt. Denn dort wird auch die Gemeinde als „Tempel“ bezeichnet. Paulus schreibt: „Wisst ihr nicht, dass ihr (als Gemeinde) Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1.Kor 3,16)
Hier ist der Ort, wo wir die Freundlichkeit Gottes anschauen können. Hier leben wir miteinander in Gottes Licht. Denn das Haus des Herrn ist nicht ein Gebäude oder eine Organisation, sondern eine Gemeinschaft mit einem klaren Mittelpunkt: Jesus Christus. Sie ist sein Haus, seine Gemeinde. Denn er ist der Herr. Er kam aus „der Höhe“, der Herrlichkeit Gottes auf diese Erde. Er wohnte mitten unter uns. Er starb für uns am Kreuz und wurde „um unserer Sünde willen zerschlagen“ (Jes 53,5). Er stieg in die Tiefe hinab. Aber er ist auferstanden von den Toten und ging zu seinem Vater in die Herrlichkeit zurück. Darum wohnt er in der Höhe, mitten unter uns in seinem Heiligtum und in der Tiefe.
Alle, die diese Erlösung im Glauben angenommen haben, sind seine Gemeinde. Wir sind das Haus des Herrn. Und ich bin mittendrin.
Hier können wir Gott gemeinsam anbeten - immer => Pforte des Himmels 
Hier können wir ihm begegnen im Gebet, in seinem Wort, im Abendmahl => Heiligtum
Hier können wir ihm miteinander dienen – egal, wo wir gerade sind. => in der Tiefe

Gott baut sein Haus für uns, er baut es um uns und er baut es mit uns. In seiner Gemeinde. Denn wenn wir aufgerichtet worden sind, können wie auch andere aufrichten. Wo uns geholfen wurde, können wir anderen helfen. Wie wir geliebt werden, können wir andere lieben.
Wir tragen mit dazu bei, dass andere Gottes Gegenwart erleben können. Wir sind sein Haus – egal, wie viele wir sind, welche Kraft wir haben. Denn der Geist Gottes wirkt und wohnt hier.
Die Gemeinde ist das lebendige Haus Gottes. Durch viele verschiedene Menschen, ist sie ein Wegbegleiter durch das Leben. Und wie oft muss ich sagen: Wenn ich euch nicht gehabt hätte, wäre ich heute nicht hier!
Darum bedeutet das Bekenntnis von David für mich auch: „Mein ganzes Leben lang möchte ich in seiner Gemeinde bleiben, um dort die Freundlichkeit des Herrn anzuschauen…

Gott baut sein Haus für uns, er baut es um uns und er baut es mit uns. Und doch wohnt Gott im Himmel. Von dort ging alles aus und dort wird alles enden. David betet, dass er „sein Leben lang“ in diesem Haus des Herrn bleiben möchte. Im Psalm 23 hat er es noch weiter formuliert: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“ (Psalm 23,6) Er möchte für immer in diesem Haus bleiben. Selbst wenn das Leben auf dieser Erde zu Ende ist.
Denn dieses Haus des Herrn ist mein Zuhause. Dort gehöre ich hin. Im Himmel ist meine Heimat.  Weil Gott mich geschaffen hat und weil er mich erlöst hat. Ich gehöre ihm!

Das Thema hieß: „Wo gehöre ich hin? In das Haus des Herrn.“
Meine erste Frage war: Bin ich dort? Und ich kann nur sagen: Ja! Noch sehe ich nur die irdische Form, die Orte, wo ich ihm begegnen kann, die Gemeinde, in der ich sein kann. Aber einmal werden diese sichtbaren Häuser weggenommen und dann sehe ich: Ich bin immer schon in seinem Haus gewesen! „Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“ (2.Kor 5,1)
Und die zweite Frage war: Will ich dort sein? Auch da kann ich nur sagen: Ja! Ich will in seiner Gemeinde bleiben. Ich will an dem Ort sein, wo Gott ist. So lange ich lebe. Und erst recht in der Ewigkeit, wenn alle Grenzen verschwunden sind.
Ich bin im Haus des Herrn. Da gehöre ich hin! Und ich bin gerne hier – am liebsten mit euch!
Amen