„Jesus – der Weg zum Vater“ - Johannes 14,6

„Nur mal eben“ hieß das Anspiel, das wir gerade gesehen haben. Es ist nur ein Teil eines größeren Stückes, aber schon diese drei Szenen beschreiben, was viele Menschen durchmachen. Die einen sind auf der Suche. Sie suchen Ruhe, Orientierung und fragen nach dem Sinn. Alles soll „nur mal eben“ erledigt und erlebt werden. Dadurch fühlen sie sich gehetzt und überfordert. Sie werden übersehen, nicht verstanden und fragen sich, was sie überhaupt wert sind.
In der zweiten Szene gibt es diese hektische Diskussion, in der ein Wort zum nächsten führt. Alles läuft durcheinander, lässt kaum Zeit zum Nachdenken. Da ist die Frau auf der Suche, der Mann mit seinen Zweifeln, der alles in Frage stellt und ein etwas genervter Störenfried, der zu allem einen Kommentar hat. Wie soll man da „nur mal eben“ eine Antwort finden?
Durch diese beiden Szenen zieht sich durch, dass Jesus redet. Er gibt Antworten auf die Fragen der Frau auf der Suche. Er spricht mit ihr. Aber sie hört nicht richtig hin. Er mischt sich in dem hektischen Gespräch ein und gibt den Gedanken immer wieder eine neue Richtung. Er spricht von den Dingen, die wirklich Bedeutung haben: Liebe, Freiheit, Vergebung, Ewigkeit, Gewissheit. Und von seinem Tod am Kreuz. Denn da liegt die eigentliche Antwort. Das war nicht „nur mal eben“ zu erledigen, sondern hat ihn alles gekostet.
Mir fällt auf, wie anders Jesus klingt. Wo alle Gedanken und Worte durcheinanderwirbeln, sorgt er für Klarheit und Ruhe. Wo andere Fragezeichen setzen, spricht er von Tatsachen. Und fasst es so  zusammen: „Durch mein Kreuz - beim Vater – jetzt!“
In der dritten Szene kommt der Zweifler ins Grübeln. Interessanterweise ist es nicht die suchende Frau. Die ist mit sich und der Welt beschäftigt. Aber der Zweifler hinterfragt sich. Er will nicht „nur mal eben“ eine Lösung finden, sondern sucht nach etwas, das wirklich hält. Seine Zweifel sind ehrlich und führen ihn dahin, dass er sein eigenes Leben in Frage stellt. Jesus braucht gar nichts mehr zu sagen. Er ist einfach da. Und all das, was dieser Mann von Jesus gehört hat, arbeitet in ihm weiter. Darum ist er bereit, sich ihm anzuvertrauen und sich von ihm führen zu lassen.
In allen drei Szenen steht am Schluss ein Satz von Jesus. Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6)
 Jesus sagt ihn seinen Jüngern in einer Situation, wo sie selber unsicher sind. Er hatte zu Beginn seiner Abschiedsreden (Joh 13-16) davon gesprochen, dass er sie verlassen wird, dass sie ihm nicht folgen können und er ihnen eine Wohnung im Himmel vorbereiten wird. Und dann sagt er: „Den Weg wisst ihr!“ (Joh 14,4)
Aber die Jünger verstehen ihn nicht. Sie können diesen Hinweis auf seine Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt noch nicht begreifen. Wo genau will Jesus denn hin? Und wie sollen sie dahin kommen? Und dann sagt Jesus ihnen: „Ich bin der Weg!“

Der Weg
Das ist auf den ersten Blick ein sehr anschauliches Bild. Ein Weg ist „ein Streifen im Gelände zum Begehen oder Befahren“ . Und es gibt viele Wege, auf denen wir unterwegs sein können. Die Frage ist nur, wohin sie mich führen. Denn ich muss nicht einen Weg finden, auf dem ich gehen kann, sondern den Weg, auf dem ich ankomme, wo ich hin will. Jesus benutzt dieses Bild hier anders als sonst. Er spricht nicht von einer festen Straße oder hilfreichen Geländern und Leitplanken, sondern von sich als Person.

Mich hat das an einen Bericht von einem Missionar erinnert. Er wurde zu einem Volksstamm im tropischen Regenwald gesandt. Als er mit dem Flugzeug auf einer kleinen Landebahn im Urwald gelandet war, holte ihn ein Einheimischer ab. Der ging mit ihm mitten in das dichte Gebüsch hinein und bahnte ihnen mit seiner Machete den Weg. Nach ein paar Stunden bekam der Missionar Zweifel, ob er jemals wieder zurück finden würde. Er fragte den Mann: „Wo ist denn hier der Weg? Wie kann man ihn erkennen?“ Und der Einheimische sagte: „Hier gibt es keinen Weg. Ich bin der Weg!“

Du musst nicht wissen, wo der Weg entlang geht, sondern wem du folgst. Darum sagt Jesus nicht: Ich zeige dir den Weg! Sondern: „Ich bin der Weg. Du musst nicht alles über mich wissen und brauchst nicht alles verstehen. Aber du musst bei mir bleiben. Nur wenn du mir vertraust, kommst du zum Ziel.“ (WEG = Wo ER geht)

Darum sagt Jesus: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Das ist das Ziel. Ich bringe dich zu Gott, in die Gemeinschaft mit ihm. Denn nur da bist du zu Hause. Da bist angenommen, geliebt, frei und sicher. Ich zeige dir, wie dein Leben zur Ruhe findet.
Oder wie es im Anspiel hieß: „Durch das Kreuz – beim Vater – jetzt!“

Diesen Weg erklärt Jesus mit zwei Begriffen. Denn er zählt in diesem Vers nicht drei Eigenschaften auf („Weg und Wahrheit und Leben“), sondern er begründet: „Ich bin der Weg, indem ich die Wahrheit und das Leben bin.“ „Wahrheit und Leben“ erklären, wie dieser Weg aussieht. Sie sind wie zwei Fahrspuren auf einem Feldweg.

Die Wahrheit
Die eine Spur ist die Wahrheit. Darauf weist schon eine Ankündigung des Propheten Jesaja hin:
„Eine Bahn wird es dort geben, die man «Heiligen Weg» nennt. Kein unreiner Mensch wird ihn betreten, er ist nur für das Volk des Herrn bestimmt. Wer auf dieser Straße reist, kann sich nicht verirren, auch wenn er sich nicht auskennt.“ (wörtl.: „selbst Einfältige werden sich nicht verlaufen“) (Jesaja 35,8+9)

Es ist ein Weg der sich von allen anderen unterscheidet. Er ist heilig, weil er zu Gott führt.
Aber er ist auch einfach. Jeder kann ihn finden. Er ist für niemanden zu anstrengend oder zu kompliziert. Aber nur „reine“ Menschen dürfen ihn betreten. Nur wer seine Sünde bekennt und sie vergeben lässt, kommt auf diesen Weg. Das ist die Wahrheit, von der Jesus spricht.
Er sagt mir, was ich unbedingt wissen muss. Dazu gehören zwei Gedanken.

In der griechischen Sprache bedeutet Wahrheit die „unverborgene Wirklichkeit“. Jesus deckt alles auf. Wenn ein Sofa nach einigen Jahren weggerückt wird, kommt alles zum Vorschein, was sich da alles angesammelt hat (Staub, Dreck, Salzstangen, Spielzeug…) Und das zeigt Jesus mir: „So bist du! Und so sieht es bei dir aus! Soviel Müll hat sich da angesammelt!“ Jede Sünde kommt da zum Vorschein. Meine Gedanken, die nicht in Ordnung waren, mit denen ich andere verurteilt habe. Wo ich mich nicht beherrscht habe. Worte, mit denen ich andere verletzt habe. Jede Lüge, jeder Betrug. Das ist die Wahrheit und so stehe ich vor Gott. Ich bin nicht rein. Ich kann auf diesem Weg nicht gehen. So kann ich Gott nicht begegnen. Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit! Vor mir kannst du nichts verstecken! Aber du brauchst es auch nicht!“

Denn in der hebräischen Sprache bedeutet Wahrheit die „absolute Zuverlässigkeit“ und wird oft übersetzt mit „Treue“. Die Wahrheit ist, was immer gilt und sich nicht verändert. Jesus zeigt mir: So ist Gott! Ewig, treu und wahrhaftig. Er ist der König und Herr. Er ist rein und gut. Er steht zu seinem Wort. Und dann sagt Jesus: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ (Joh 14,9)
Die Wahrheit ist, dass Gott dich liebt, dass er dich nicht verlieren will. Darum kümmert er sich um deinen Müll. Um all das, was dich von ihm trennt. Er schafft deine Schuld weg und deckt sie zu.

Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit! Ich zeige dir, wie du bist und ich zeige dir, wie Gott ist! Darum habe ich mein Leben am Kreuz gegeben. Damit deine Sünden vergeben werden und du auf diesem Weg gehen kannst. Damit du zu Gott findest und als sein Kind bei ihm zuhause bist. Ich bin diese Wahrheit, die du für dein Leben brauchst.“




Das Leben
Das betont auch die zweite Spur auf diesem Weg – das Leben. Ein Text aus dem Hebräerbrief fasst das gut zusammen: „Weil wir … durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang…, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen … gereinigt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen.“ (Hebr 10,19-22)

Mich braucht meine Schuld nicht mehr belasten. Sie ist vergeben. Und ich bin frei. Durch das Blut Jesu, durch seinen Tod am Kreuz hat er mich erlöst. Ich bin rein und kann Gott begegnen. Ich darf direkt zu ihm kommen und mit ihm leben. Das ist der „neue und lebendige Weg durch den Vorhang“. Jesus verbindet mein Leben mit diesem Vater. Ich gehöre zu diesem großen König. Ich bin sein Kind.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) hat einmal gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Ich darf mit Gott leben. Mit dem Vater, der mich liebt. Ich bin in keiner Situation allein. Mein Leben ist nicht erfüllt, wenn ich viel erlebe, gesund bin und ohne große Probleme meine Tage genießen kann. Sondern es ist erfüllt, weil ich in jeder Lage weiß: Mein Vater ist hier! Egal was gerade passiert. Ich gehöre zu ihm.
Darum spricht er mit mir. So wie mit der Frau in der ersten Szene: „Ich bin da, ich vergesse dich nicht, ich habe dich immer vor Augen.“

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Die Begegnung mit Gott, die jeden Tag verändert und prägt. Mein Vater, der mich mit offenen Armen empfängt.
Jesus sagt: „Ich bin der Weg, indem ich dir die Wahrheit zeige und das Leben schenke. Denn niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Oder mit den Worten des Anspiels: Durch sein Kreuz bin ich beim Vater – jetzt!
Amen