"Lebens-Auftrag" - Matthäus 10,5-7

Du wirst zu einem Fest eingeladen. Um dem Gastgeber einen Gefallen zu tun, gehst du hin. Ein schönes Hotel, gutes Essen, festlich gekleidete Menschen. Aber du fühlst dich merkwürdig. Außer dem Gastgeber kennst du niemanden, die Musik ist nicht dein Fall, die Gespräche drehen sich um Themen, von denen du keine Ahnung hast und irgendwann fragst du dich: Was soll ich hier? Warum bin ich eingeladen worden?
Jesus lädt uns Menschen zu sich ein. Wenn ich ihm mein Leben anvertraue, bin ich gerettet. Meine Sünde ist vergeben und ich habe Frieden mit Gott. Ich bin meinem Herrn dankbar. Aber je länger ich mit Jesus lebe, desto mehr entdecke ich, dass ich eine Aufgabe brauche. Ich möchte wissen, wozu ich hier bin, was ich tun und bewegen kann. Ich brauche einen Auftrag für mein Leben.
Kennst du deinen Lebens-Auftrag? Weißt du, wo dein Platz ist und wo du gebraucht wirst?

An den Jüngern von Jesus kann ich lernen, wie mein Auftrag aussieht. Der Bericht von der Aussendung der Zwölf zeigt einige wichtige Grundlagen, wie Jesus mich einsetzt und gebraucht.
Das möchte ich heute und in der nächsten Predigt mit euch gemeinsam anschauen. Heute geht es um den Lebensauftrag, wie er mich sendet, und nächstes Mal um die Vollmacht, mit der er mich ausstattet.
„Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ (Mt 10,5-7)

herausgerufen
„Diese Zwölf“, das deutet schon an, dass es eine Vorgeschichte gibt. Das Kapitel beginnt mit: „Und er rief seine zwölf Jünger zu sich“ (Mt 10,1). Das Leben mit Jesus fängt immer damit an, dass er uns zu sich ruft. Die Beziehung zu ihm ist das Fundament. Ohne Jesus wären diese zwölf Männer gar nicht zusammen. Ohne ihn wären sie keine Jünger (V.1), keine Schüler und Nachfolger. Ohne ihn wären sie nie „Apostel“ (V.2), Gesandte geworden und hätten keine Vollmacht bekommen, um diesen Auftrag umzusetzen. Genauso wären wir ohne Jesus heute nicht zusammen. Wir wären keine Gemeinschaft. Wir würden uns vielleicht noch nicht einmal kennen.

Der griechische Begriff für Gemeinde („ekklesia“) bedeutet wörtlich „die Herausgerufenen“. Wir sind aus dem Tod gerufen worden. Er ist nicht mehr das Ende unseres Lebens. Wir sind aus der Sünde herausgerufen. Sie ist nicht mehr meine Last, sondern Jesus hat sie getragen. Das gilt für jeden Menschen, der mit Jesus lebt. Und doch gibt es auch ganz persönliche Bereiche.
Woraus hat Jesus dich gerufen, wovon hat er dich befreit? Vielleicht von Menschen, die über dein Leben bestimmt haben. Vielleicht aus der Sucht, durch Arbeit und Geld viel Anerkennung zu bekommen. Aus der Abhängigkeit von Spielen oder Alkohol, aus der Trauer. Oder aus der Angst zu versagen, dem Gefühl, wertlos zu sein…

Jesus ruft uns heraus. Dazu gehört immer die Einsicht: Was ich hatte, war nicht richtig, es war nicht gut und es war nicht genug. Aber Jesus sagt nicht einfach: „Weg damit!“ Er sagt: „Komm zu mir!“ Jesus ruft immer „zu sich“ (V. 1). Denn ich lebe ab jetzt mit ihm.
Erst wenn dieser Mittelpunkt des Lebens klar ist, sendet er uns aus. Er gibt uns einen Auftrag. Immer! Es gibt keinen Menschen, der zu Jesus gerufen wurde und dann nicht von ihm gesandt wird. Das ist ein wichtiges Fundament: Jesus ruft zusammen und sendet aus. Ganz deutlich wird es bei der Himmelfahrt, als Jesus den Heiligen Geist ankündigt und ihnen sagt: „Ihr werdet meine Zeugen sein.“ (Apg 1,8). Und für diesen Auftrag legt Jesus hier die Grundlagen. Meine Lebensaufgabe ist nicht, mich bei Jesus wohlzufühlen und den Frieden zu genießen. Jesus ruft zusammen und sendet aus. Und in unserem Text ermöglicht er den Jüngern eine Art Praktikum. Sie können für eine gewisse Zeit hineinschauen in den Auftrag, der später auf sie wartet. Sie können ausprobieren und erleben, was alles möglich ist. Sie bekommen ein Gespür für die Aufgabe und für die Macht Gottes.
Mich beeindrucken dabei drei Dinge:

begrenzte Menschen
Jesus schickt alle zwölf Jünger los. Keiner ist von diesem Auftrag ausgenommen. Im Matthäus-Evangelium werden alle vorher noch mit Namen aufgezählt. Jesus kennt seine Jünger und weiß, wen er berufen hat. Jetzt sollen sie das verbreiten, was Jesus gesagt hat. Und sie sollen das tun, was Jesus getan hat. Damit sind sie Multiplikatoren, Vervielfältiger. Vier Augen sehen mehr als zwei. Acht Hände schaffen mehr als vier. Und zwölf Menschen erreichen mehr als einer.
Darum schickt Jesus diese zwölf los. Er hätte mehr haben können. Er hätte bessere finden können. Aber er nimmt diese. Diese begrenzten Menschen. Sie waren ehemalige Fischer, Zöllner und Untergrundkämpfer. Aber keine ausgebildeten Verkündiger, keine versierten Schriftgelehrten, keine geschulten Redner. Sie waren Menschen, die von Jesus gerufen worden sind. Das hat sie qualifiziert. Darum hat er sie gesandt.

Jesus nimmt immer nur begrenzte Menschen, wenn er andere erreichen will. Er stellt einen begrenzten Menschen auf die Kanzel und sagt: „Predige zu den anderen! Erklär das, was du verstanden hast.“
Er stellt eine begrenzte Mutter in eine Familie und sagt: „Liebe diese Menschen. Auch wenn sie oft merkwürdig und eigenwillig sind.“
Er stellt einen begrenzten Handwerker in eine Firma und sagt: „Mach deine Arbeit, so gut du es kannst. Sei gewissenhaft und ehrlich, auch wenn du dafür nicht mehr Geld bekommst.“
Er stellt einen begrenzten Schüler in eine Klasse und sagt: „Sag, was dir wichtig ist. Bleib bei der Wahrheit, auch wenn die Note dadurch nicht besser wird.“
Jesus nimmt uns viele Grenzen nicht weg, sondern gebraucht uns gerade mit unserer Geschichte und unseren Einschränkungen.

begrenzte Aufgabe
Jesus nimmt immer begrenzte Menschen. Und er gibt uns immer nur begrenzte Aufgaben. Die Jünger sollten nicht alle Menschen im Land erreichen, sondern nur zu den Israeliten gehen. Das war ihr Aufgabenfeld. Die nichtjüdischen Völker (Heiden) und selbst die Samariter (Mischvolk aus Juden und Heiden) waren jetzt ausdrücklich nicht dran. Zu Pfingsten hat Jesus das Aufgabenfeld erweitert. („Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Apg 1,8). Aber seine Aufgaben sind immer begrenzt, weil er unsere Grenzen kennt. Er weiß, was zu uns passt, was wir erfüllen können und was uns überfordern würde.

Er sagt: „Du brauchst nicht die ganze Klasse erreichen, nicht das ganze Büro, die ganze Firma, die ganze Stadt. Aber den, der mit dir im Bus sitzt, der mit dir auf dem Gerüst steht, der mit dir im Verein spielt. Geh zu dem, der das gleiche Hobby hat wie du, der in der gleichen Straße wohnt.“
Wenn du kleine Kinder hast, kommst du ganz natürlich mit Menschen in Kontakt, die auch kleine Kinder haben. Wer einen Hund hat, trifft automatisch andere Hundebesitzer. Wenn du alte Autos liebst, in der freiwilligen Feuerwehr bist, häufig in einem bestimmten Geschäft einkaufst, dann begegnest du öfter denselben Menschen. Wenn du eine Sprache beherrschst, kommst du mit bestimmten Menschen leichter ins Gespräch.

Jesus schickt seine Jünger nicht in eine völlig fremde Umgebung, sondern dahin, wo sie sich auskennen, wo sie Berührungspunkte mit den Menschen haben. Denn Israeliten waren sie alle.

Und Jesus macht deutlich, worum es geht. „Geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israels.“ Wisst ihr, woran man ein verlorenes Schaf erkennt? Es sieht genauso aus, wie jedes andere Schaf. Es blökt, läuft, frisst und hat die gleiche Wolle. Aber ein verlorenes Schaf hat keine Herde und keinen Hirten. Das hatte Jesus so tief bewegt. Im Kapitel vorher heißt es: „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren erschöpft und hilflos wie Schafe, die keinen Hirten haben!“ (Mt 9,36) Jesus wusste: Diese Menschen brauchen mich!
Aber wer sagt es ihnen? Wer bringt sie mit mir in Verbindung?

Erkenne ich noch die verlorenen Schafe? Sehe ich noch, was den Menschen fehlt? Kann ich entdecken, was mich mit diesen Menschen verbindet – und was mich von ihnen unterscheidet?
Ich habe einen Heiland, der mir meine Sünde vergeben hat. Ich habe einen Herrn, bei dem ich zu Hause bin. Ich habe Frieden mit Gott gefunden. Und bei den anderen ist etwas nicht in Ordnung. Da fehlt etwas. Jesus sagt: „Ihr geht hin – mit mir. Ihr bringt diesen Menschen etwas mit: Mich! Einfach, indem ihr da seid.“

Ich habe oft gedacht, dass ich erst in einen Verein gehen muss, um Menschen zu erreichen, die Jesus nicht kennen, oder eine bestimmte Ausbildung brauche, die mir hilft, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Aber ich habe erlebt, dass die tiefsten Gespräche entstanden sind, wenn ich mich nicht darum bemüht habe. Bei mir war es häufig Begegnungen mit trauernden Menschen. Wenn es um den Tod ging und sie einen Verlust verarbeiten müssen. Da konnte ich zuhören und verstehen, da konnte ich berichten, was ich selber erlebt habe. Meine eigene Lebensgeschichte bestimmt oft den Auftrag, den Jesus mir gibt. Er schickt mich dahin, wo er mich herausgerufen hat. Denn da kenne ich mich aus.
Ich kann anderen Menschen am besten weiterhelfen, wo bei mir etwas in Ordnung gekommen ist, weil ich den Hirten gefunden habe. Darum gehe ich dorthin und bringe Jesus mit. In jede Situation.
Bei manchen Menschen ist es eine Krankheit, durch die sie mit anderen in Verbindung kommen, bei anderen die Erfahrung einer Depression, Probleme mit Drogen, eine Scheidung… Wo ich zu Jesus gefunden habe, ist ein Aufgabenfeld, das er mir öffnet. Da begegne ich Menschen, die Jesus nicht kennen. Ich bringe Jesus zu den verlorenen Schafen. Ich kann ihnen den Hirten zeigen, zu dem ich gehöre.
„Geht hin zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ Zu den Menschen, mit denen ihr eine Verbindung habt.

begrenzte Botschaft
Jesus nimmt begrenzte Menschen, gibt ihnen ein begrenztes Arbeitsfeld und vertraut ihnen eine überschaubare Botschaft an.
„Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Das war die Botschaft für die Israeliten. Diese Nachricht konnten sie verstehen. Mit diesen Gedanken, mit diesen Worten waren sie vertraut. Sie warteten darauf, dass Gott sein Reich aufrichten wird und die Herrschaft für alle sichtbar übernimmt.  Es ist die gleiche Botschaft, die auch schon Johannes der Täufer (Mt 3,2) und Jesus selbst (Mt 4,17) verkündigt haben. „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Das war die Botschaft für Israel in der Zeit, als Jesus auf dieser Erde war. Gott hatte versprochen, dass er sein Volk nicht vergisst und für Gerechtigkeit sorgen wird. Und diese Königsherrschaft Gottes fing jetzt an.

Diese Botschaft hat zwei Kennzeichen, die Jesus in vielen Gleichnissen hervorhebt (Mt 13). Gottes Herrschaft beginnt allmählich (kleiner, unscheinbarer Anfang, Wachstum, etwas Neues entsteht) und sie führt immer zu einer Entscheidung (Schatz im Acker, kostbare Perle; Ernte, Gericht).
Das wurde durch äußerliche Zeichen unterstrichen (Heilungen, Wunder). Weil Jesus der Messias war, musste das durch übernatürliche Zeichen sichtbar werden (Mt 11,5; Jes 35,4-6; 61,1). Es wurde deutlich: „Jesus ist da! Mit ihm hat etwas Neues angefangen. Und du musst entscheiden, wie du damit umgehst!“

„Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Das würde bei uns heute merkwürdig klingen. Und doch handelt Jesus heute nach dem gleichen Prinzip. Er gibt uns eine begrenzte Botschaft, mit den gleichen Kennzeichen: „Jesus ist da! Mit ihm hat etwas Neues angefangen. Und du musst entscheiden, wie du damit umgehst!“
Wenn ich diese Botschaft für unsere Zeit heute in einem Satz zusammenfassen sollte, würde ich sagen: Du bist Gott wichtig! Er hat dich nicht vergessen. Darum ist Jesus gekommen und du musst eine Entscheidung treffen.

Im Kern geht es darum: Die Menschen müssen begreifen, dass sie Sünder sind, dass sie Jesus brauchen und zu ihm umkehren. Aber ich kann niemanden dazu bringen, seine Sünde zu bereuen. Es ist fast unmöglich, einem Schaf bewusst zu machen, dass es verloren ist, bis es an seine Grenzen stößt.

Ich stelle immer mehr fest, dass die Menschen um mich herum letztlich an zwei Dingen interessiert sind: An Tatsachen, die sie nachprüfen können und an persönlichen Erfahrungen. Sie wollen wissen, was ich erlebt habe. Was meine Geschichte ist und warum ich mich in dieser Situation so entschieden habe.

Vor kurzem hörte ich den Vergleich, dass wir in Europa eine Rinderherde zusammenhalten, indem wir Zäune ziehen, damit sie nicht weglaufen. In Australien ist die Landschaft viel größer. Dort werden die Herden zusammengehalten, indem der Farmer für eine Wasserstelle sorgt. Die Tiere halten sich dort auf, wo sie das finden, was sie zum Leben brauchen. Sie brauchen keine Grenzen, sondern einen Mittelpunkt.

Ich muss wissen, warum ich mit Jesus lebe und nicht von ihm weg möchte. Davon will ich den Menschen erzählen. Denn seine Liebe steht für mich fest. Und sie prägt meine Entscheidungen. Weil Jesus mich herausgerufen hat, bin ich frei und gehöre zu ihm. Deshalb bringe ich Jesus in jede Begegnung mit hinein. Ich kann erzählen, was er mir bedeutet und wie er mich verändert hat. Meine Geschichte mit Jesus. Dadurch predige ich die Botschaft – durch meine Worte, meine Blicke und mein Leben. „Du bist Gott wichtig! Jesus ist da! Mit ihm hat etwas Neues angefangen. Und du musst entscheiden, wie du damit umgehst!“

Ich muss keinen Druck machen, sondern nur bezeugen, warum ich zu Jesus gehöre. Das ist meine Lebensaufgabe. Ich rede von Jesus, der mein Leben verändert hat. Damit lade ich zu dem Hirten ein. Dadurch steht jeder Mensch vor einer Entscheidung

Und ich bin da richtig, wo Jesus mir sagt: „Ich brauche gerade dich – gerade jetzt – gerade hier!“
Amen