„Mit ganzem Herzen“ - 5. Mose 6,4-5

Was ich nicht vergessen will, das muss ich wiederholen. Und was ich immer wieder vor Augen habe, kann ich besser behalten. Dafür gibt es viele Methoden und Merkhilfen. Von Kalendern über Notiz-Zettel bis zu Handy-Apps, die mich zur richtigen Zeit erinnern, was ich nicht vergessen wollte.
Ich habe seit einiger Zeit ein kleines Buch, in dem ich Sätze und Gedanken aufschreibe, die mir wichtig geworden sind. Es tut mir gut, darin zu blättern und mich zu erinnern. Und je öfter ich das tue, desto mehr prägen sich bestimmte Sätze ein. Sie sind nicht nur in meinem Buch, sondern auch in meinem Kopf. Und nach und nach rutschen sie in mein Herz und prägen meine Gedanken. Was ich nicht vergessen will, muss ich vor Augen haben.
Genauso machen es auch die Israeliten schon seit mehreren tausend Jahren. Dazu hatte Gott sie nach der Befreiung aus Ägypten aufgefordert (2.M 13,9) und am Ende der Wüstenwanderung erinnert Mose sie daran: „Nehmt euch die Worte zu Herzen, die ich euch heute sage. Schärft sie euren Kindern ein. Sprecht über sie, wenn ihr zu Hause oder unterwegs seid, wenn ihr euch hinlegt oder wenn ihr aufsteht. Bindet sie zur Erinnerung um eure Hand und tragt sie an eurer Stirn, schreibt sie auf die Pfosten eurer Haustüren und auf eure Tore.“ (5.Mose 6,6-9 Neues Leben)

Die Israeliten sollten alle Möglichkeiten nutzen, um das nicht zu vergessen, was unverzichtbar wichtig ist. Sie sollen es vor Augen haben. Und das tun die Juden bis heute. Sie haben die Worte auf Pergament geschrieben und in kleine Kästchen gelegt. Diese Kästchen binden sie sich mit Lederriemen an den linken Arm und an den Kopf, wenn sie beten. Diese Gebetsriemen nennt man „Tefillin“. Die gleichen Worte stehen auch in kleinen Kapseln („Mesusa“) aus Holz oder anderem Material, die sie an jedem Türrahmen befestigen. Überall werden sie daran erinnert. Und diese Worte sollen bei jeder Gelegenheit wiederholt werden. Sie werden den Kindern beigebracht und mindestens zweimal am Tag sollen sie das Gesprächsthema sein.

Aber was sind das für Worte? Was ist so wichtig, dass es kein Israelit jemals vergessen soll und Jesus es sogar das „höchste Gebot“ genannt hat (Mk 12,29+30)?
„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5.Mose 6,4+5)

Oder der erste Vers auf Hebräisch: „sch’ma jisrael adonai elohenu adonai echad.“
Es ist das Glaubensbekenntnis der Israeliten und gleichzeitig ein Gebot. Es fasst die Grundlagen des Glaubens zusammen. Und alles beginnt mit dem Hören.

1. Hören
Das Bekenntnis wird von den ersten beiden Worten geprägt. „Sch’ma jisrael“ - „Höre, Israel“. Das ist ein feststehender Begriff, der Name des Bekenntnisses und wirkt wie ein Startsignal. Nach diesen beiden Worten kommen die nächsten Sätze wie von selbst. So ähnlich wie bei uns heute das „Vaterunser“.
„Höre, Israel“. Das bedeutet: Jetzt geht es um etwas Wichtiges. Darum soll die Aufmerksamkeit konzentriert werden. Hör auf mit dem, was du tust. Und hör zu, was jetzt kommt. Es ist eine Unterbrechung der Gewohnheiten. Hör auf und hör zu! Aber es soll nicht nur die Ohren erreichen. Darum „nimm es dir zu Herzen“ (5.M 4,39; 6,6).
Bei jedem Hören treffe ich eine Entscheidung. Das liegt daran, dass unsere Ohren immer auf Empfang sind. Ich kann sie nicht ruhigstellen oder schließen wie die Augen. Selbst nachts hören meine Ohren immer. Ich sortiere und filtere ganz automatisch: Was ist wichtig und was nicht? Worauf muss ich reagieren und was kann ich ignorieren? Lasse ich etwas an mich heran oder stelle ich auf „Durchzug“? Nehme ich nur akustisch wahr oder nehme ich es zu Herzen?
Beim Hören zeigt sich, was mir wichtig ist. Denn wo höre ich wirklich zu? Meistens da, wo mich etwas interessiert, wo ich etwas verstehen und wissen will.
Darum muss ich bewusst entscheiden: Das will ich hören! Und ich merke, wie oft ich nur mit halbem Ohr dabei bin, weil meine Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt sind. Höre ich noch aufmerksam zu, was Menschen mir erzählen? Verstehe ich, was sie sagen – oder überlege ich mir schon meine Antwort? Wir haben uns als Gemeinschaft in diesem Jahr einen herausfordernden Leitsatz gegeben: Ich höre dir zu! Nicht nur mit meinen Ohren, sondern auch mit meinem Herzen. Ich will hören, wissen und verstehen, was dich beschäftigt. Das ist der Kernsatz einer gesunden Gemeinschaft und prägt den Umgang miteinander.
Und es ist der Schlüssel meiner Beziehung zu Gott. Kann ich seine Stimme aus den vielen anderen Geräuschen und Gedanken heraushören? Dringt er noch zu mir durch und darf mich unterbrechen?

„Höre, Olaf!“ Ich habe es so nötig, immer wieder aus meinem Trott und meinen Gedanken herausgeholt zu werden. Hör jetzt auf und hör zu! Aber lass es nicht nur deine Ohren erreichen, sondern nimm es dir zu Herzen!
Im Jüngerschaftskurs „Freiheit in Christus“ ging es auch um diese Frage. Worauf höre ich? Was andere mir einreden oder was in Gottes Wort steht? Welche Wahrheit lasse ich in meinem Leben gelten? Ich lege fest, was ich glaube und woran ich mich halte.
Bei jedem Hören fällt eine Entscheidung. Und mit dem Hören fängt alles an. Denn wer nicht hört, kann nicht reagieren. Wer nicht zuhört, kann auch nicht gehorchen. Er kann das nicht umsetzen, was gefordert ist. Darum geht es im ganzen 5.Buch Mose.
Zuerst sollen wir also hören. Und worauf? Auf den Satz, den Mose den Israeliten einschärft: „Der HERR ist unser Gott, der HERR allein.“

2. Allein
Wörtlich heißt es hier: „Der Herr ist einzig.“ Gott gibt es nur im Singular. Er ist einzigartig und unvergleichlich. Er ist allein Gott. Diese Tatsache war für Israel so wichtig, weil sie in Ägypten viele Gottheiten kennengelernt hatten. Die Pharaonen hatten ihr Leben 400 Jahre bestimmt. Was sie sagten, wurde gemacht. Sie hatten die Macht über Leben und Tod. Wer sollte größer und mächtiger sein, als solch ein Pharao? Aber ein Pharao löste den anderen ab. Und alle waren abhängig von den Göttern, die ihr Schicksal bestimmten. Mose richtet mit diesem Bekenntnis den Blick auf Gott und sagt: „Vergesst nie, dass der Herr einzig ist. Er ist allein Gott! Da kommt kein Pharao mit. Denkt nur daran, wie er euch aus der Gefangenschaft befreit hat. Nur dieser Herr ist Gott!“

„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.“ Gott ist einzig. Das klingt so wenig. Die anderen Völker hatten viel mehr Götter, eine viel größere Auswahl. Israel hat nur einen einzigen. Aber wenn es der richtige ist, dann genügt er! Habt ihr schon mal versucht, einen Baum zu fällen? Da bist du mit vielen Leuten und Werkzeugen viele Stunden beschäftigt. Oder du hast einen Harvester (Holzvollernter), mit dem alles in ein paar Minuten erledigt ist. Der fällt, entastet und zerlegt einen über 20 m hohen Baum in 30 Sekunden!
Auf der Mesusa, der Kapsel, die an den Türpfosten befestigt wird, ist meistens der hebräische Buchstabe „Schin“ geschrieben oder eingraviert. Das ist der erste Buchstabe von „sch’ma jisrael“ – „höre, Israel“, und gleichzeitig der erste Buchstabe von dem Namen Gottes „schadaj“ – der Allmächtige. Der Herr ist einzig, er ist allein Gott, weil er allmächtig ist. Mehr brauchst du nicht. Er genügt. Im Vergleich mit ihm ist alles andere winzig, klein und schwach! Darum vergiss ihn nicht.
Wenn du die Hoffnung verlierst und alles in dir sagt: Das kriege ich nicht hin…, das Problem ist zu groß…, wir haben keine Chance…! Schau auf diesen Gott und hör ihm zu: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ (1.M 18,14; Mt 19,26; Lk 1,37) Denk an das, was du erlebt hast: „Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein.“ (2.M 14,14)
Wenn du entdeckst, wieviel Schuld du auf dich geladen hast und glaubst, dass Gott dir deine Sünde nicht mehr vergeben kann, dann hör auf sein Wort: „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.“ (Jes 1,18)
„Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel.“ (Jes 44,22)
„Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden.“ (Röm 5,20)
Wenn du an Menschen verzweifelst und sie am liebsten aufgeben möchtest - vergiss nicht, dass der Herr die Herzen der Menschen lenken kann wie Wasserbäche (Spr 21,1)
Wenn der Teufel dir einflüstert: „Du hast versagt! Mit einem wie dir kann Gott nichts anfangen! Du bist für immer verloren!“ Dann hör zu, was Gottes Wort sagt: „Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Röm 8,34)
„Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz.“ (1.Joh 3,19+20)
Weil Gott einzig ist, wird alles andere vor ihm winzig.

Nur an einer Stelle dreht Gott es um. Dort, wo er an mich denkt. Dann sagt er: „Du bist winzig, aber für mich einzigartig! Auch wenn dich alle übersehen, bist du mir wichtig. Auch wenn alle dir sagen: „Du bist nichts, du kannst nichts, aus dir wird nie etwas!“ - für mich bist du wertvoll. Denn ich liebe dich!“ Gott sieht mich anders.
Beim Volk Israel klang es so: „Der Herr hat euch nicht erwählt…, weil ihr größer oder bedeutender wärt als die anderen Völker - ihr seid sogar das unbedeutendste aller Völker -, sondern weil er euch liebt und weil er das Versprechen halten wollte, das er euren Vorfahren gegeben hatte. Deswegen hat er euch mit großer Macht aus Ägypten geführt und euch aus der Sklaverei des Pharaos, des Königs von Ägypten, befreit. Erkennt deshalb, dass der Herr, euer Gott, der wahre Gott ist.“
(5.M 7,7-9)
Gott ist der einzige, der es umkehrt: Du bist winzig, aber für mich einzig! So sagt er es dem Volk Israel. Und in Jesus Christus hat er diese Liebe allen Menschen gezeigt. Darum bin ich in Christus geliebt, angenommen und wertvoll. Alles, was ich brauche, ist in ihm.
Damit lebe ich anders. Darum will ich nicht vergessen: Gott ist einzig. Und für ihn bin ich einzigartig. Diese Tatsache verändert mein Leben. Aber sie fordert auch eine Konsequenz. Darum führt das Bekenntnis in ein Gebot.

3. Lieben
„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“
Du sollst lieb haben! Auf den ersten Blick stört mich das, weil ich doch nicht auf Kommando lieben kann. Aber gleichzeitig entlastet mich dieses Gebot. Ich muss nicht alles Mögliche lieb haben, sondern nur einen Herrn. Ich muss meine Liebe nicht auf viele Dinge und Menschen verteilen, sondern kann sie auf den einzig wahren Gott konzentrieren. Ich muss nicht entscheiden, was ich mehr liebe und was weniger, sondern ich kann diesen Herrn ganz lieben. Von diesem Mittelpunkt sortiert sich alles andere neu.

Aber ich muss mich dafür entscheiden. Ich will auf ihn hören. Mit ganzem Herzen. Dem Volk Israel sagt Mose es ein paar Kapitel weiter so: „Beschneidet eure Herzen!“ (5.M 10,16) Mein Herz wuchert so leicht in alle Richtungen. Es lässt sich schnell begeistern oder beeindrucken (laut, hell, groß). Aber es soll nur in eine Richtung wachsen. Darum sagt Mose: „Hängt euer Herz nur an diesen einen Gott. Lasst nichts anderes neben ihm aufwachsen.“ Was muss ich „abschneiden“ und loslassen, damit Gott wirklich einzig ist, damit er das Zentrum in meinem Leben ist? Mein Problem ist oft nicht nur, dass ich mit halbem Ohr zuhöre, sondern auch mit halbem Herzen bei der Sache bin. Mein Herz ist geteilt. Von den Sorgen, die mir zu groß werden. Von meinen Wünschen, nach denen ich mich sehne. Von anderen Menschen, denen ich gefallen möchte. Worauf will ich hören – mit ganzem Herzen? Wer soll das Sagen haben?
„Beschneidet eure Herzen!“ Darum geht es bei der Liebe. Ich muss nicht für bestimmte Gefühle sorgen, sondern mich auf diesen Herrn reduzieren. Mein Herz begrenzen und auf ihn ausrichten. „Du genügst! Und mit dir will ich leben.“

In meinem Erinnerungsbuch steht seit einigen Monaten ein Zitat: „Ist es leicht, Gott zu lieben? Ja, für die, die es tun!“ (C.S. Lewis)
Die Liebe beginnt in dem Moment, wo ich sage: Du bist für mich einzig! Dann gibt es nichts mehr neben ihm. Das ist so einfach. Und doch so schwer. Aber wenn du erstmal angefangen hast, willst du nicht mehr zurück. Dazu macht Mose dem Volk Israel in diesem Buch Mut.
Jemand hat mal dazu gesagt: „Wenn dir kalt ist, weil du im Schatten sitzt, dann geh in die Sonne. Und wenn du in der Sonne bist, dann wird auch dein Herz warm!“ Ich lerne, Gott zu lieben, wenn ich ihn erlebe. Wenn ich mich mit ihm beschäftige, wenn ich mich in sein Licht stelle.

„Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Jesus bezeichnet dieses Gebot als das „höchste“. Aber er wählt am Ende andere Worte. Er sagt nicht: „Mit all deiner Kraft“, sondern „von ganzem Gemüt“ (Mt 22,37). Damit meint er den Verstand und die Gedanken. Alles, was ich tue, hat seinen Ursprung in meinen Gedanken. Wer meine Gedanken beherrscht, der bestimmt mein Leben. Darum findet dort der größte Kampf statt. Auf wen höre ich? Wem vertraue ich?

Alle Probleme im Glauben beginnen damit, dass Gott für mich nicht einzig ist. Dass irgendetwas neben ihm steht. Und ich kenne das so gut: Ich sehe die Arbeit, die Termine und Vorbereitungen und frage mich, wie ich das schaffen soll. Ich sehe die schwierigen Gespräche und denke: Wenn das erstmal geschafft ist, dann bin ich zufrieden. Wenn dieses Problem gelöst ist, bin ich glücklich!

Aber wenn ich Gott zuhöre, dann werde ich hören, wie er sagt: „Ich bin doch da! Ich schenke dir Frieden auch in deiner ganzen Arbeit. Du stehst nicht alleine hier.“ Und dann entdecke ich, dass mein Glück nicht daran hängt, ob meine Probleme gelöst sind, sondern dass Gott mich liebt.
In der letzten Predigt habe ich mit euch über den Beginn des 5. Buches Mose nachgedacht. Was ist wichtig, wenn wir vor einer Entscheidung stehen? Ich habe für mich zwei Grundgedanken herausgehört: Ich will nicht vergessen, wie Gott mich bis hierhin getragen hat (5.M 1,31). Und ich will seine Liebe nie in Frage stellen.
Weil Gott mich liebt, verblasst alles andere. „Ist es leicht, Gott zu lieben? Ja, für die, die es tun!“ Wenn ich mich in diese Sonne stelle, will ich nicht mehr von ihm weg.

Aber alles beginnt mit dem Hören. Dass ich mich unterbrechen lasse. Hör auf und hör zu. Denn Gott ist einzig. Und weil er mich liebt, will ich ihm vertrauen. Mehr brauche ich nicht.
Amen