"Mit neuem Blick" - Psalm 25,15

Kennt ihr Neu-Seh-Land? Unter diesem Namen arbeiten in Hessen mehrere Augenoptiker-Filialen. Mir gefällt dieser Name. Er klingt wie ein Land, erhält aber durch eine kleine Änderung eine neue Bedeutung. Neu-Seh-Land – das klingt viel versprechend. Dabei werden dort nur Sehhilfen angeboten - Brillen, Kontaktlinsen, Ferngläser oder Lupen. Eben alles, was mir hilft, um besser zu sehen.
Wer in Neu-Seh-Land war, sieht nichts Neues. Er kann nur das neu sehen, was vorher schon da war. Denn eine Sehhilfe verändert die Welt nicht. Der Berg wird nicht kleiner, die Buchstaben nicht größer und die Farben leuchten nicht schöner. Ich kann die Dinge nur besser sehen. Ich kann Menschen früher erkennen, das Loch in der Nadel leichter treffen und auch die kleine Schrift lesen. Ich sehe die Wahrheit klarer.

So eine Sehhilfe brauche ich in vielen Bereichen in meinem Leben, um zu erkennen, was wichtig und was richtig ist. Eine solche Sehhilfe ist für mich ein Satz, den David im Psalm 25 geschrieben hat: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ (Ps 25,15)
Ich bekomme einen neuen Blick und sehe die Wahrheit klarer. Mir wird bewusst, was ich vorher nicht gesehen habe, was verborgen und geheimnisvoll gewesen ist. Und jede Erfahrung hilft mir, ein wenig mehr von Gott zu entdecken. Von dem, was da ist. Was immer schon da war, weil Gott sich nicht verändert. So ist er, so groß, so gnädig, so gerecht!
Dieser kleine Satz aus Psalm 25 hat es in sich. Ich möchte ihn heute in drei Schritten wirken lassen: Lies die Worte, entdecke die Wahrheit, erlebe die Freiheit

Lies die Worte
Vor einigen Jahren wurde bei einem Kongress eine alte Regel aus dem Klosterleben sehr betont, die mir seitdem viel bedeutet. Und die hieß: Lies langsam! Lass die Worte ihre Bedeutung entfalten. Hör einfach auf das, was da schon steht. Du wirst wahrscheinlich nichts Neues entdecken. Aber du wirst einiges neu entdecken.
Achtet nur einmal darauf, was in diesen 7 Worten steckt, wenn man sie langsam liest und auf sich wirken lässt:
Meine Augen
sehen
stets
auf den Herrn

Eine Sehhilfe dient dazu, die Wirklichkeit zu sehen. Was schon da ist! Und dieser Vers macht deutlich: Jesus ist da, immer! Und ich kann auf ihn schauen. Zu jeder Zeit. Dabei kann ich ihn nicht sehen, er ist mit meinen Augen nicht wahrzunehmen. Und doch ist er da.

Mich beschäftigt vor allem dieses „stets“. Es gibt zwei Gründe, warum ich „stets“ und ständig auf jemanden schaue. Der eine Grund ist Angst. Ich schaue auf das, was mir zu groß und zu mächtig ist. Auf Menschen, denen ich nicht gewachsen bin und die mich unter Druck setzen. Auf den unnahbaren Chef, den unbeherrschten Ehepartner, den strengen Vater. Da bin ich wie gelähmt und immer voller Sorge: Hoffentlich mache ich nichts falsch… Worüber könnte er sich jetzt ärgern und aufregen? Wann kommt der nächste Vorwurf?
Oder ich schaue auf mein Problem. Ich warte auf die Untersuchungsergebnisse, auf die Antwort nach dem Bewerbungsgespräch und kann an nichts anderes mehr denken: „Was kommt da wohl raus? Wie geht es für mich weiter?“ Ich male mir aus, was passieren könnte und fühle mich einfach ausgeliefert.

Der andere Grund, warum ich „stets“ auf etwas schaue, ist Liebe. Da beeindruckt mich jemand und zieht mich an. Ich kann und will meinen Blick gar nicht mehr abwenden. Da schaue ich voll Vertrauen hin, weil ich nichts verpassen will! Was ich hier sehe, tut meinem Leben gut. Ich blühe auf, je länger ich darauf schaue.
„Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ David schreibt in diesem Psalm, was er von Gott erwartet. Er vertraut auf ihn und will sich von ihm führen lassen. Immer wieder geht es um Leitung und Wegweisung. (V.4 „Herr, zeige mir deine Wege…“ V.5 „Leite mich in deiner Wahrheit…“ V.8 „Der Herr weist Sündern den Weg…“ V.9 „Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg…“ V.10 „Die Wege des Herrn sind lauter Güte und Treue…“ V.12 „Er wird ihm den Weg weisen, den er wählen soll…“ V. 17 „führe mich aus meinen Nöten…“) David will keinen Schritt verpassen, den Gott ihn führt.
„Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ Ich schaue auf dich, weil ich dich liebe und dir vertraue. Und so beginnt auch der Psalm: „Auf dich, Herr, richte ich Herz und Sinn“ (V. 1 GN)

Entdecke die Wahrheit
Und doch braucht dieser Blick auch Mut. Denn wenn ich Gott anschaue, schaut er auch auf mich. Ich setze mich seinem Blick aus und will ihm nicht ausweichen. Ich erkenne die Wahrheit über Gott - und über mich selbst. Ich entdecke, wie groß er ist - und wie klein ich bin! Ich sehe, wie er mich geführt und bewahrt hat - und wie oft ich ihn schon vergessen habe!
Wenn ich auf Gott schaue, dann wird alles aufgedeckt. Da fällt sein Licht auf jede dunkle Stelle in meinem Leben.
Darum nimmt das Thema Schuld und Gnade in diesem Psalm einen großen Platz ein. (V.6 „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und Güte“; V.7 „Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend…; V.8 „Der Herr weist Sündern den Weg“; V.11 „Vergib mir meine Schuld“; V.18 „Vergib mir alle meine Sünden.“).
David behält sein großes Vertrauen. Darum heißt der ganze Vers: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn; denn er wird meinen Fuß aus dem Netz ziehen.“
Die Wahrheit ist, dass ich immer gefährdet und ganz oft gefangen bin. er
Es gibt so viele Netze, in denen ich mich verfangen kann.

Das eine Netz ist die Sünde. Damit ist alles gemeint, was mich von Gott wegzieht und meinen Blick von ihm ablenkt. Sie umstrickt mich, bringt mich ins Stolpern und trennt mich von Gott.
Ein anderes Netz ist die Sucht. Der eine muss immer wieder was kaufen, um sich für eine kurze Zeit besser zu fühlen. Ein anderer schaut immer nur auf sein Geld (Geiz) oder ist neidisch auf das, was die anderen haben. Viele kommen nicht los von der Pornographie oder haben an sich selbst immer was auszusetzen.
Es gibt so viele Netze, in denen ich mich verfangen kann. Der eine kommt vom Rauchen nicht los, der andere von bestimmten Spielen. Der eine vergleicht sich ständig mit anderen, der andere kritisiert an allem herum. „Meine Augen sehen stets…“

Prüfe dich mal selber: Worauf schaust du zuerst, wenn du einen Raum betrittst? Was fällt dir gleich auf? Der eine guckt, was die anderen tragen und ob er selber passend gekleidet ist. Dem anderen fällt sofort auf, wo die Deko nicht passt oder die Stühle nicht ordentlich stehen. Der eine sieht, wo handwerklich nicht gut gearbeitet wurde und der andere ärgert sich über die schlechte Akustik. Worauf schaust du zuerst?
Wenn wir uns als Familie zusammen an bestimmte Ereignisse erinnern, dann sagt unsere Tochter meistens: „Ich weiß noch, was ich damals anhatte!“ Und ich sage: „Ich weiß noch, welches Auto wir damals hatten…“

Worauf schaust du? Es sagt viel darüber aus, was dir wichtig ist. Wo ich hinschaue, dahin wandern auch meine Gedanken. Worauf wir schauen, das prägt uns. Entdecke die Wahrheit…

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn!“ Diese Sehhilfe will ich anwenden. Wenn ich in einen Raum oder eine Situation komme, will ich zuerst entdecken: Jesus ist da! Immer, egal, was ich gerade sehe oder fühle.
Ich will mir klar machen: Er führt mich! Ich bin nicht zufällig hier, sondern er hat mich jetzt hierhin geführt.
Und ich will glauben: Er ist Herr! Auch was jetzt für mich nicht gut aussieht, das beherrscht er.

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn; er wird meinen Fuß aus dem Netz ziehen.“ Ich muss nicht in die Fallen tappen, die es immer wieder gibt. Ich bin den Dingen nicht hilflos ausgeliefert.

Entdecke die Wahrheit! Und dann:

Erlebe die Freiheit
Diese Lektion lerne ich auch gerade wieder. Vor vier Wochen wurde bei mir eine kleine ambulante Operation durchgeführt. Als ich von der Narkose nach acht Stunden wieder aufwachte, lag ich auf der Intensiv-Station. Nach und nach wurde mir erst klar, dass bei dem Eingriff etwas schief gelaufen ist und jetzt eine schwere OP hinter mir lag und ein langer Heilungsprozess vor mir liegt. Da kommen viele Fragen und Gedanken, die mich runterziehen wollen. Das Netz ist da: Warum ist das jetzt passiert? Wie geht es weiter? Wird sich mein Leben jetzt für immer verändern? Bleiben Folgen zurück? Werde ich vielleicht nicht wieder Fahrradfahren können?
Und gerade dann habe ich ganz bewusst gesagt: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ Er macht keinen Fehler. Ich bin in seiner Hand, egal, wie es aussieht und wie diese Situation mein Leben verändert.
Jesus ist da! Er führt mich! Er ist Herr!

Mir ist in den Tagen ein Kapitel aus der Bibel neu wichtig geworden. Denn innerhalb von drei Wochen standen drei Verse aus diesem Kapitel in der Losung.
Sie kamen genau in der Reihenfolge, wie ich sie gebraucht habe. Und zum richtigen Zeitpunkt.

Zuerst (31.8.) kam der Vers: „Der Herr rief Samuel. Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich!“ (1.Sam 3,4). Am Anfang stand, dass ich mich Gott zur Verfügung stellen wollte. Ich habe gesagt: „Hier bin ich, auch im Blick auf die OP. Wie du mich führst, so will ich gehen. Ich bin in deiner Hand.“ So konnte ich ganz ruhig sein.

Am Tag nach der OP (4.9.) stand in der Losung: „Es ist der Herr; er tue, was ihm wohlgefällt!“ (1.Sam 3,18). Es tat mir gut, dass ich mir klar machen konnte, dass Jesus der Herr ist, selbst in dieser Situation. Er macht keinen Fehler. Ich konnte sehen, wie er in allem gut geführt hat. Ich war bei den richtigen Ärzten, auf der richtigen Station und bin vor vielen Komplikationen bewahrt worden.

Zwei Wochen später (18.9.) stand dann in der Losung: „Rede, Herr, denn dein Knecht hört.“ (1.Sam 3,9). Ich habe in der ganzen Zeit gemerkt, wie Gott redet. Durch die Begegnungen, die ich im Krankenhaus hatte, durch die Bücher, die ich lesen und Vorträge, die ich hören konnte, die Besuche, die ich sonst nicht geschafft hätte.
Mich hat diese Erfahrung, diese bewusste Konzentration auf den Herrn frei gemacht. Sie hat mich bis jetzt bewahrt vor Selbstmitleid, vor Ärger, vor Unruhe und Hektik.
Sie hat mir die Augen geöffnet für die Wirklichkeit, dass Jesus da ist und in allem regiert.

Diese Gedanken finden wir immer wieder in der Bibel. „Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,1+2)
Und alles betont: Jesus ist da, er führt mich und er ist Herr!
Ich brauche diese Sehhilfe, die mir die Augen neu öffnet für meinen Herrn. Ich darf auf ihn schauen. Und ich werde entdecken, wie sein Blick auf mir ruht. Er schaut mich an. Voller Liebe. Und sagt: Ich bin da! Ich führe dich! Ich bin der Herr!
Darum will ich es auch heute lernen: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn!“
Amen