"Nur das Eine" - Psalm 86,11b

Es war vor 40 Jahren in der Grundschule Bünde-Ennigloh. Wir hatten als Viertklässler die übliche Fahrradprüfung. Die Fragebögen waren alle ausgefüllt und am nächsten Tag sollte die praktische Prüfung sein. Als ich am Morgen auf den Schulhof kam, empfingen mich meine Mitschüler mit dem Satz: „Olaf, du hast die Eins!“ Es dauerte etwas, bis ich verstanden habe: Weil ich in dem Fragebogen keinen Fehler gemacht hatte, bekam ich die Startnummer eins und sollte als erster losfahren. Das war aufregend, aber es ging alles gut und die Prüfung habe ich auch bestanden. Aber dieser Satz blieb bei mir hängen: „Olaf, du hast die Eins!“
Die Eins ist was Besonderes. Wer sie hat, der ist vorne, der hat gewonnen, der ist der Erste. Besonders beliebt ist sie deshalb, wenn man in einem Warteraum eine Nummer ziehen muss. Wer die eins hat, braucht nicht lange warten. Der ist als erster dran. Die eins tut uns gut und macht uns meistens auch stolz.
Aber sie ist nicht nur für die Reihenfolge wichtig, sondern betont auch das Besondere. Immer wenn wir sagen: „Du bist der einzige“ geht es um jemanden, der für uns einmalig ist. Es bedeutet: Du bist mir wichtig, du ragst für mich heraus, darum stelle ich alles andere zurück. „Einzig“ kann man nicht steigern. Darum gehört zu jeder Eins eine Entscheidung. Und es ist gut, wenn wir uns entscheiden – für einen Partner, für eine Gemeinde, für ein Ziel, für einen Urlaubsort, für einen Herrn. Wir brauchen diese klare Ausrichtung, um im Leben zurecht zu kommen. Nur das Eine ist jetzt wichtig. Das will ich tun. Und zwar richtig.
Diese Einstellung hilft mir auch im Glauben. Der Psalm 86 ist ein „Gebet in Bedrängnis“. Und mittendrin sagt David: „Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.“ (V. 11) Er bittet Gott um Führung in seinem Leben. In einer anderen Übersetzung (Gute Nachricht) heißt es: „Herr, zeige mir den richtigen Weg, damit ich in Treue zu dir mein Leben führe.“ Das ist ein gutes Gebet. Und es führt David zu einer zweiten Bitte, die mich sehr beschäftigt. Denn da betet David: „Erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“

Nur das
„Erhalte mein Herz bei dem einen“ Hier geht es um diese Konzentration. Um das Eine, das wichtig ist. Wörtlich übersetzt heißt dieser Satz: „Fasse mein Herz zusammen, richte es gesammelt und ungeteilt auf diese eine Sache.“ Wir haben heute so viele Möglichkeiten uns zu informieren. Wir hören von Menschen, für die wir beten und denen wir helfen können. Wir finden alles, was wir wissen wollen im Internet. Und noch viel mehr. Irgendwie ist alles möglich und erreichbar. Aber genau das macht es auch schwer. Denn es teilt mein Herz, weil ich so viel sehe, was wichtig und gut erscheint. Was ich nicht vergessen will und beherzigen möchte.

Eine Strophe aus einem alten Lied heißt: „Sammle die zerstreuten Sinnen, wehr der Flatterhaftigkeit; lass uns Licht und Kraft gewinnen zu der Christen Wesenheit.“ (aus: „Jesu, Jesu, Brunn des Lebens“ von Hieronymus Annoni 1697-1770)
Ich komme schnell durcheinander, wenn ich zuviel auf einmal möchte. Dann bin ich zerstreut und flatterhaft. Was flattert, macht ordentlich Lärm und wird in alle Richtungen bewegt. Ich merke das immer, wenn ich nicht richtig bei der Sache bin. Ich will beten, aber meine Gedanken drehen sich um die Renovierung und das Problem mit dem Telefonanschluss. Ich möchte zuhören, aber ich bin abgelenkt. Meine Ohren hören zwar, was der andere mir erzählt, aber meine Augen sehen, was noch auf dem Kalender steht und meine Nase riecht, was es zum Mittag gibt… Es ist ein gutes Gebet: „Sammle die zerstreuten Sinne.“ Ich brauche jetzt eine Sache, auf die ich mich konzentrieren kann. Eine Aufgabe, auf die ich mich beschränke. Nur das Eine.
Mir hilft in den letzten Wochen ein Satz: „Es ist wichtiger, sich mit dem zu beschäftigen, was hier passiert, als mit dem, was jetzt passiert.“ (Tomas Sjödin, „Warum Ruhe unsere Rettung ist“, SCM-Verlag, S.104) Es gibt viel, was ich jetzt tun könnte. Was zu diesem Zeitpunkt los ist, wo ich überall dabei sein könnte oder sollte. Aber wichtiger ist, was ich hier gerade tun kann. An diesem Ort, wo ich bin. Bei dem Menschen, den ich treffe. Den Text lesen, der gerade vor mir liegt. Die Arbeit erledigen, die hier dran ist. Nur das Eine… 

Und das muss ich in vielen Bereichen lernen. Es gibt viel, was richtig und wichtig ist für mein Leben und für unsere Gemeinde. Jeder betont etwas anderes: Wir brauchen mehr Gebet, mehr klare Lehre, mehr Liebe, mehr Einsatz, neue Ideen, bessere Organisation… Und jeder hat Recht. Aber es überfordert mich. Denn wo soll ich anfangen? Was ist jetzt für mich dran? Was soll ich hier tun? Darum tut es mir gut, dass David hier die Eins betont. Jede Eins braucht eine Entscheidung. Er betet: „Fasse mein Herz zusammen, erhalte es bei dem einen,…“ Das bringt mich erstmal zur Ruhe. Ich kann nicht überall gleichzeitig vorankommen. Ich muss nicht alles umsetzen, was wichtig ist. Sondern nur das Eine. Das ist hier dran. Und daran hängt alles andere. David sagt es so:

Deinen Namen fürchten
„Erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“ Darauf kommt es ihm an. Er möchte den Namen des Herrn fürchten. Aber da stoße ich auf ein Problem: Welchen Namen meint er denn? Gott hat schon im Alten Testament viele Namen. Jeder Name zeigt, wie Gott sich vorgestellt hat und die Menschen ihn erlebt haben. „El olam“ - Gott der Ewigkeit (1.M 21,33); „Jahwe jireh“ – der Herr, der sieht (1. M 16,13); „El shaddai“ – Gott der Allmächtige (2. M 6,3); „Jahwe schalom“ – der Herr des Friedens (Ri 6,24).
Und doch gibt es nur einen Namen, der sich durch die ganze Bibel zieht. Der von den Juden mit so großer Ehrfurcht behandelt wird, dass sie ihn nicht mal aussprechen. Der Name „Jahwe“ (2. M 3,14). Dieser Name bedeutet einfach: „Ich bin“. Er kann im hebräischen Text in allen Zeitformen übersetzt werden. „Ich war, ich bin, ich werde sein.“ So ist Gott. Er ist einfach souverän und doch so nah. „Ich bin“ - egal, was du über mich denkst oder von mir siehst, ob es dir gefällt oder nicht, ob du es verdienst oder nicht.  Und „ich bin da“. Bei dir, hier. Egal, was die anderen sagen und was du fühlst. „Ich bin alles“, was du brauchst. „Ich bin der Eine“, für den du dich entscheiden musst.
Das hat Gott immer wieder betont. „Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ (2. M 20,2+3). Es gibt keinen außer mir und du brauchst keinen anderen. Darum heißt ein wichtiges Bekenntnis für sein Volk: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein!“ (5. M 6,4) Gott ist einzigartig. Keiner ist wie er.

Es ist eine gute Bitte: „Erhalte mein Herz bei deinem Namen!“ Hilf mir, ihn nicht zu vergessen. Wenn ich versagt habe und schuldig geworden bin, sagst du: „Ich bin dein Heiland!“ (Jes 43,3; 49,26; 60,16)
Wenn mir alles zuviel wird und meine Arbeit mir immer mehr Sorgen macht, sagst du: „Ich bin dein Helfer!“ (Jer 30,11)
Wenn ich enttäuscht wurde und müde geworden bin, sagst du: „Ich bin dein Fels!“ (Ps 18,3; Jes 26,4)

„Ich bin“ – mit diesem Namen hat sich auch Jesus immer wieder vorgestellt. Er ist Gottes Sohn. Durch ihn hat Gott sich offenbart und uns gezeigt, wie er ist. Er trägt den Namen, auf den es ankommt. Denn Jesus bedeutet: Gott rettet!
Darum heißt es von ihm: „Es ist in keinem andern das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden müssen.“ (Apg 4,12) Nur dieser eine Name zählt!
Und: „Er war gehorsam bis zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,8-11)
Das ist der eine Name, den Gott uns gegeben hat. Darauf muss sich alles konzentrieren. Darauf können wir alles reduzieren. Nur dieser eine Name genügt.

„Erhalte mein Herz bei deinem Namen!“ Bei dem Einen, auf den es ankommt. Aber es reicht nicht, ihn zu kennen und zu behalten. David sagt: „Erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte“. Fürchten bedeutet nicht, Angst davor zu haben. Das wäre eine ungesunde Furcht. Aber die gesunde Furcht hat drei Schwerpunkte.

- ehren
Ich erkenne diesen Herrn an und sage ihm: „Du bist groß! Keiner ist wie du! Was du hast, finde ich nirgendwo anders. Darum ordne ich mich dir unter. Du bist mein Herr. Denn du stehst immer darüber. Mit jeder deiner Eigenschaften bist du mir überlegen! Du bist stark und mächtig. Du bist der Heiland und Erlöser.“
Und dabei passiert etwas mit mir. Was ich verehre, dem komme ich näher. Und je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr verändert es mich. Ein Film, den du immer wieder anschaust, prägt deine Gedanken. Bald kannst du die Gespräche wiedergeben und jede Szene beschreiben. Ein Lied, das du immer wieder hörst, setzt sich in dir fest. Ein Buch, das du immer wieder liest, verändert dich.  Je mehr ich den Namen des Herrn ehre, desto näher komme ich ihm. Was ich verehre, das werde ich auch

- lieben
Denn ich entdecke: alles, was Gott tut, das gilt mir. Er ist nicht nur groß, sondern er setzt seine Größe für mich ein. In jedem seiner Namen erkenne ich: „Du bist für mich!“ Das verändert mein Leben. Was Gott tut, dient dazu, dass ich ihm näher komme. Darum kann mich sein Name nicht kalt lassen. Ich spreche ihn mit Liebe aus. „Mein Jesus, mein Retter, keiner ist so wie du!“ Darum gehöre ich zu ihm. Denn er hat mich erlöst und macht mein Leben reich.
Und wenn ich diesen Name liebe, begreife ich auch die dritte Bedeutung von „fürchten“:

- nutzen
Vor ein paar Monaten habe ich mir eine Bohrmaschine gekauft. So eine richtig gute mit ordentlich Power. Mit der kann man in jede Wand bohren und sie auch als Meißel benutzen. Mit dieser Maschine bin ich für jeden Fall gerüstet. Sie hat einen praktischen Koffer und steht bei mir im Keller. Es ist eine starke Maschine, auf die ich stolz bin und die ich gerne mal zeige…
Merkt ihr, was fehlt? Es reicht nicht, die Bohrmaschine zu ehren und sie zu lieben. Sie ist dafür gebaut worden, dass ich sie einsetze, Löcher bohre, Regale befestige, Hindernisse beseitige.
Und so ist es bei dem Namen Gottes auch. Wenn Gott sagt: „Ich bin“, dann gilt das mir. Und dann gilt das hier. Und ich weiß: „Du bist mit mir! Du bist mein Friede. Gerade jetzt. Ich stehe nicht hilflos und allein vor dem Problem, sondern mit dir! Und du hast die Kraft.“ Diesen Namen will ich nicht nur loben und lieben, sondern ihn nutzen.
Die Jünger konnten im Namen Jesu vieles tun: Ihre Bitten vor Gott sagen (Joh 14,14; 16,26), Menschen die Vergebung zusprechen (Apg 10,43), sie aufrichten, heilen und befreien (Apg 3,6; 4,7; 19,13). Sie haben den Namen genutzt!
Aber das Entscheidende wird in einem Vers zusammengefasst, der im Alten und Neuen Testament vorkommt heißt: „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden“ (Joel 3,5; Apg 2,21; Röm 10,13). Wer sich an Jesus wendet, der wird gerettet.
Pastor Wilhelm Busch beschreibt es einmal so: „Wenn ich den Namen Jesus im Glauben ausspreche, wenn ich vielleicht gar nicht mehr beten kann, wenn ich „Jesus“ sage, erinnere ich Gott daran, dass er mich durch Jesus für sich erkauft hat, dass ich ihm gehöre.
Wenn ich „Jesus“ sage, erinnere ich den Teufel daran, dass er kein Recht mehr an mir hat, weil ich durch das Blut Jesu versöhnt bin.
Wenn ich „Jesus“ sage, erinnere ich mein eigenes Gewissen daran, dass ich ja gereinigt und gewaschen und sein Eigentum bin. Der Name Jesus ist eine wundervolle und herrliche Waffe!
Er ist aber kein Zaubermittel in der Hand unbekehrter Menschen. Er wird nur mächtig im Mund, Herzen und Leben derer, die diesen Namen lieben.“ (aus Wilhelm Busch: „Der Name des Herrn sei gelobt“, S.15+16, Verlag Schulte+Gerth, Asslar)
Wenn du unruhig bist, und wieder mal nicht weißt, wie du alles schaffen sollst, dann sag: „Jesus, du bist mein Friede!“ Wenn du einsam bist und das Gefühl hast, dass keiner auf dich achtet, dann sag: „Jesus, du siehst mich!“ Wenn dir der Tod zu schaffen macht, dann sag: „Jesus, du bist der Herr der Ewigkeit!“ Keiner steht über dir. Darum will ich keinen anderen fürchten, sondern nur deinen Namen.
Nur das Eine. David hat es gut verstanden. Und ich will sein Gebet immer mehr lernen: „Weise mir Herr deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit. Erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“
Amen