"Warten lernen" (Teil 1) - Sprüche 10,28

Ist euch auch schon aufgefallen, wie oft wir warten müssen? Auf den Paketboten, auf besseres Wetter, an der Ampel, an der Kasse im Supermarkt, am Kundentelefon („Haben sie noch einen Moment Geduld. Der nächste freie Platz ist für sie reserviert…!“)
Eigentlich warten wir unser ganzes Leben lang. Warte, bis du größer bist… bis du zur Schule kommst… bis du aus der Schule bist… bis du Geld verdienst… bis du Urlaub hast… bis die Kinder aus dem Haus sind… bis du mehr Zeit hast.

Und jetzt starten wir in die Adventszeit. Auch das ist eine Wartezeit – auf Weihnachten. Und viele Adventstraditionen sind im Grunde nur Hilfen zum Warten. An jedem Sonntag wird eine Kerze mehr auf dem Adventskranz angezündet, an jedem Tag wird am Adventskalender ein Türchen geöffnet oder ein Geschenke ausgepackt. Es soll die Zeit verkürzen und die Erwartung steigern. Und es soll uns vorbereiten. Denn im Advent warten wir nicht einfach nur, sondern bereiten uns vor. Und genau da habe ich noch viel zu lernen. Ich muss warten lernen. Dazu möchte ich mir ein Wort aus der Bibel zu Herzen nehmen. Es steht im Buch der Sprüche von Salomo und heißt: „Das Warten der Gerechten führt zur Freude.“ (Spr 10,28)
Mir fallen da besonders die drei Hauptworte auf: Warten – Gerechte – Freude.

Warten
Warten ist ein Zwischenzustand. Ich bin nicht da, wo ich hin will. Es ist noch nicht so, wie es sein soll. Da fehlt noch was. Und ich kann es nicht ändern. Erst, wenn das da ist, worauf ich warte, geht es mir besser. Dann bin ich am Ziel. Aber wir sind nicht mehr gut im Warten. Alles muss schnell kommen – die Bestellung, der Kaffee, die Antwort per WhatsApp, der Erfolg. Ich will das Ergebnis sehen, zeigen und genießen. Darum warte ich, bis die Bahnschranke auf geht, die Bedienung das Essen bringt, die Nachricht kommt. Und in der Zwischenzeit fühle ich mich irgendwie nutzlos. Ich kann ja nichts tun, bis das eintrifft, was ich erwarte, erhoffe und ersehne. Darum hängt ein Wort ganz eng mit dem Warten zusammen: endlich! „Wann ist es endlich vorbei? Wann sind wir endlich da? Wann geht es endlich weiter?“ Ich schaue auf das, was sich verändern soll. Auf die Ampel, bis sie grün zeigt; auf die Uhr, bis ich endlich dran bin; aus dem Fenster, bis der Besuch kommt. Wer wartet, sitzt auf der „Warte“ und hält Ausschau. Er schaut auf das, was er gerade nicht hat.

Und das macht was mit mir. Hast du schon mal Menschen beobachtet, die warten müssen? Die sind die ganze Zeit beschäftigt. Der eine läuft ständig hin und her, ein anderer wippt mit den Beinen, trommelt mit den Fingern, kaut an den Nägeln oder schimpft vor sich hin. Aber die meisten beschäftigen sich mit ihrem Smartphone. Und was machst du, wenn du wartest?
Ich merke, wie Wartezeiten mich verändern. Sie machen mich unzufrieden. Ich sehe nur, was ich jetzt nicht habe, was mir jetzt nicht passt, wo mein Plan nicht funktioniert. Darum bin ich schnell gereizt, werde oft ungerecht und ungenießbar. Ich bin angespannt und frage mich: „Wann ist diese Zeit endlich vorbei?“

So geht es uns auch oft mit Menschen. „Wann begreift er endlich, dass die Socken nicht auf den Boden, sondern in den Wäschekorb gehören? Wann versteht sie endlich, dass die Warnlampen im Auto nicht nur farbliche Dekoration sind, sondern einen Sinn haben? Wann verändern wir endlich den Gottesdienst?“ Wer wartet, ist nicht da, wo er hinwill.

Aber er hat die Hoffnung, dass er dort hinkommt. Denn in dem Wort „endlich“ steckt auch das Ende. Ich vertraue darauf, dass das Warten ein Ende hat, dass es eine Lösung gibt. Das Warten ist nicht endlos. Sonst wäre es egal, ob sich etwas verändert oder nicht. Dann wäre es mir gleichgültig. Deshalb ist „endlich“ in diesem Sinn ein positives Wort. Es gibt ein Ende, es bleibt nicht für immer so, es ist nur ein Zwischenzustand. Wer wartet, der bleibt gespannt.
Darum führt das Warten zur Freude.

Freude
Es tut immer gut, wenn die Hoffnung sich erfüllt. Wenn das Warten vorbei ist und ich sehe, dass es sich gelohnt hat. Das Essen schmeckt, der Arzt konnte mir helfen, die neue Wohnungseinrichtung ist schön geworden. Das Kind ist geboren, die Wunden sind verheilt, der Besuch ist angekommen. „Das Warten führt zur Freude.“ Manches braucht eben seine Zeit. Aber wenn das Ergebnis stimmt, kann ich Wartezeiten aushalten und durchstehen.

Nur: wie oft warten wir im Leben vergeblich! Wie oft wird nicht alles gut, die Hoffnungen erfüllen sich nicht und es wird nicht besser. Nicht jedes Warten führt zur Freude. Sondern oft zum Frust, und zur Enttäuschung.
Aber warum behauptet Salomo dann so fest, dass das „Warten“ zur „Freude“ führt? Weil er eine Voraussetzung eingebaut hat.

Gerechter
Salomo sagt: „Das Warten der Gerechten führt zur Freude.“ Es geht um den Standpunkt. Ein Gerechter ist keiner, der alles richtig macht und ein perfektes Leben führt. Ein Gerechter ist im Alten Testament ein Mensch, der auf Gott ausgerichtet ist, der mit ihm lebt. Das Gegenteil davon ist ein „Gottloser“. 14 Mal stellt Salomo allein in diesem Kapitel (Sprüche 10) diese Lebenseinstellungen einander gegenüber. Wie ein Gerechter lebt - und was ein Gottloser tut. Was ein Mensch zu erwarten hat, der mit Gott rechnet - und was für den herauskommt, der sich gegen Gott entschieden hat. Auch in diesem Vers ist das so: „Das Warten der Gerechten führt zur Freude, aber die Hoffnungen der Gottlosen werden zerschlagen.“
Ob am Ende Freude herauskommt, hängt von der Einstellung ab. Von der Grundhaltung, mit der ich etwas erwarte. Die Hoffnungen der Gottlosen werden zerschlagen. Wer Gott ausklammert, kann nur auf das hoffen, was er sieht und kennt. Er muss sich auf Menschen verlassen, auf seinen Verstand, seine Fähigkeiten und viele glückliche Umstände. Aber am Ende bleibt davon nichts übrig. Es ist nur vergebliche Mühe gewesen (Wer erbt meine Sammlung? Wer führt das Geschäft weiter? Was bleibt von allem Einsatz?) Worauf gründest du deine Hoffnungen? Woran machst du sie fest?
Ein „Gerechter“, ein Mensch der mit Gott lebt, legt einen anderen Maßstab an. Er hat die Grundentscheidung getroffen, dass er sein Leben auf Gott ausrichten will. Gott ist mein Ziel und mein Halt. Darum hoffe ich auf ihn. Ein Gerechter ist also noch nicht am Ziel sondern mitten auf dem Weg. Er muss warten, wie jeder andere auch. Darum finde ich mich selbst darin wieder. Und ich entdecke drei Kennzeichen, die mir helfen, warten zu lernen.

Ein Gerechter wartet auf Verheißungen
Er wartet auf das, was Gott in seinem Wort versprochen hat. Das ist die Garantie. Denn egal, wie lange es dauert - Gott wird es erfüllen. Für mich zählt seine Wahrheit. Darum schaue ich auf ihn und glaube ihm. In einem Lied heißt es: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht endlos sein.“ (Dieter Trautwein). Er wird allem ein Ende setzen, was mir zu schaffen macht.

Das betonen die Verheißungen, die wir in der Adventszeit hören: „Es wird nicht dunkel bleiben über denen die Angst sind.“ (Jes 8,23) „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt.“ (Jes 60,1) „Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ (Sach 9,9); „Seht auf und hebt eure Köpfe, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lk 21,28)
Immer wieder klingt es durch: Halte aus, es wird besser! Es bleibt nicht dunkel, sondern das Licht, die Hilfe und die Rettung kommt! Denn Gott hält, was er verspricht. Das Warten ist endlich. Es wird vollendet. Als Jesus auf diese Welt kam, hat Gott viele dieser Verheißungen erfüllt. Er hat mich von der Sünde erlöst und mich zu seinem Kind gemacht. Aber er ist noch nicht fertig mit seinen Verheißungen.
Denn es gibt immer noch viel, was mir zu schaffen macht. Ich kann es so oft nicht ändern, sondern nur lindern. Die Krankheiten, die Armut, die Verfolgungen. Aber es wird einmal anders! „Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2.Petr 3,13) Und genau das wird Gott erfüllen (Off 21,1+27).

Das Warten wird zur Freude. Wenn Jesus Christus als ewiger Herr wiederkommt, wird er alles vollenden und erfüllen, was Gott versprochen hat. Darum schreibt Paulus einmal: „Der Herr richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und das Warten auf Christus“ (2.Thess 3,5)
Das ist das zweite Kennzeichen:

Ein Gerechter wartet auf Gott
Dahinter steckt die Überzeugung: Es gibt keinen Zufall. Weil Gott mich liebt, hat alles, was geschieht seinen Sinn und führt mich näher zu ihm. Wer sich auf Gott ausrichtet, wird auch nach ihm Ausschau halten. Und auf ihn warten. Denn Gott rechnet anders als wir. Er hat einen anderen Überblick. Und er kommt immer zur richtigen Zeit. Darum warte ich, bis er die Dinge verändert, bis er eingreift, bis Christus wiederkommt.
„Warten ist ein Grundwort des geistlichen Lebens“ (Tomas Sjödin). Wenn ich wachsen will, gibt es keine Abkürzung. Weisheit, Segen und Reife braucht seine Zeit. Aber weil Gott mein Ziel ist, meine Hoffnung und meine Freude, bringt mich alles näher zu ihm. Das Warten verbindet mich mit Gott. Wenn ich auf ihn warte, führt es immer zur Freude.
Und das dritte Kennzeichen heißt:

Ein Gerechter wartet mit Gott
„In allem, was mir heute begegnet, habe ich es mit Gott zu tun.“ (Thomas Härry „Von der Kunst, sich selbst zu führen“, SCM-Verlag; S.131). Das bedeutet: Ich schaue nicht auf das, was sich verändern soll, sondern auf das, was ich habe. Was jetzt da ist. Und das verändert meine Einstellung.
Denn Wartezeiten sind Gelegenheiten, in denen ich wachsen kann. Darum will ich sie nutzen.  So wie die Adventszeit. Es ist nicht eine Zeit voller Feiern und Termine, sondern eine Gelegenheit, um mich zu prüfen, zur Besinnung und zur Stille zu kommen. Es ist die Zeit, in der ich mich auf Weihnachten vorbereite und auf Gott ausrichte. Es geht nicht nur um die Vorfreude auf das Fest, sondern um die Freude an Gott. Ich warte mit ihm!

„Das Warten der Gerechten führt zur Freude.“ Ich freue mich über das, was durch Jesus alles erfüllt ist. Es ist eine Vorfreude auf das, was Gott für uns vorbereitet hat. Aber ich will lernen, dass die Freude nicht erst kommt, wenn eine Wartezeit zu Ende ist. Sondern schon das Warten selbst ist eine Freude. Sie tut mir gut und wird mir zum Segen. Ich will warten lernen!
Dabei hilft mir ein Gedanke:

Warten ist ein Geschenk!
Gott schenkt mir diese Zeit. Denn ich warte hier mit ihm. Darum versuche ich nicht mehr, Wartezeiten um jeden Preis zu verhindern und zu verkürzen, sondern sie als eine Führung Gottes zu sehen. Er gibt mir jetzt diese Zeit. Und auf einmal fällt mir viel mehr auf. Und diese Zeit will ich nutzen, um Gott zu danken und anderen zu dienen. Denn ich warte mit Gott!

David hat sich auch dafür entschieden. Denn er schreibt einmal: „Wenn ich mich zu Bette liege, denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.“ (Ps 63,7) Es geht hier nicht um eine Anleitung bei Schlafstörungen, sondern wie er Zeiten nutzt, in denen er wach bleiben musste (Nachtwache). Es gibt einfach Wartezeiten, die ich nicht vermeiden kann. Sie wirken erstmal leer und mühsam. Aber ich will mir, wie David, die Zeit nicht einfach „vertreiben“, sondern sie nutzen.
Wenn ich im Wartezimmer sitzen muss, nehme ich mir etwas zum Lesen mit, um meine Gedanken auf Gott auszurichten. Wenn ich lange Autofahrten vor mir habe, nehme ich mir Vorträge mit, die ich anhören möchte. Ich bereite mich bewusst auf das Warten vor. Es ist eine Zeit, die Gott mir mitten im Alltag schenkt. Während ich warte, richte ich mich auf ihn aus. Das Warten wird zur Freude! Und es macht mich stärker.

Wenn ich solche Unterbrechung aus Gottes Hand nehme, kann ich von Herzen sagen: „Jetzt ist mal gerade nichts los - und das ist in Ordnung. Jetzt habe ich eine halbe Stunde Zeit vor dem nächsten Termin. Da kann ich ausruhen!“ Ich gewöhne mir an, mich in solchen Zeiten in meinen Lieblings-Sessel zu setzen, die Augen ein wenig zu schließen und die Zeit zu genießen. Auf der einen Seite erholt sich mein Körper und bekommt neue Kraft. Auf der anderen Seite erholt sich mein Geist und kann sich danach viel besser auf die Begegnungen und Gespräche konzentrieren. Und ich bekomme oft einen neuen Blick auf das, was vor mir liegt. Ich kann meine Sorgen loslassen, weil ich sie Gott anvertraue. Eigentlich ist es eine Wartezeit. Aber es ist ein Segen und eine Kraftquelle. Denn ich schaue nicht auf das, was noch fehlt, sondern auf den, der jetzt da ist. Ich warte mit Gott.

Warten ist ein Geschenk. Es ist ein Geschenk, das Gott mir macht, aber auch ein Geschenk, das ich anderen machen kann.
„Warten ist ein Grundwort der Liebe. Eines der schönsten Geschenke, die man einem Lebensgefährten machen kann, ist auf ihn zu warten. Gib dem anderen das Recht, langsam zu gehen.“
(Tomas Sjödin, „Warum Ruhe unsere Rettung ist“, SCM-Verlag, Witten, S. 122)

Die Bereitschaft zu warten verändert meine Haltung zu anderen Menschen. Es verändert viel, wenn jemand spürt: „Ich warte auf dich! Du musst nicht meine Erwartungen erfüllen, sondern ich nehme dich an und lasse dir die Zeit, die du brauchst.“ Es wird nie endlos sein. Aber ich bin bereit, das auszuhalten, was noch nicht fertig ist, was ich gerade nicht ändern kann und gebe dem anderen die Zeit, um zu wachsen. Damit sage ich ihm: „Weil du mir wichtig bist, möchte ich so viel wie möglich mit dir gemeinsam erleben!“

Warten verändert mich. Es verbindet mich mit Gott und anderen Menschen. Es macht die Gemeinschaft stark. Darum führt es zur Freude! Hier schon auf dieser Erde, mitten im Leben. Und erst recht, wenn Christus alles vollenden wird. Darum will ich warten lernen. Gerade jetzt. Denn: „Das Warten der Gerechten führt zur Freude.“
Amen