"Was uns in bitteren Zeiten zusammenhält" - 2.Mose 15,22-25a

In einer Gemeinde gibt es schöne und schwere Zeiten. Wunderbare Erfahrungen, mit denen keiner gerechnet hat. Und bittere Momente, die allen schwer fallen. Jeder geht anders damit um, weil er seine Geschichte hat, seine Eigenarten, Erfahrungen und Erwartungen. Dabei haben wir alle dasselbe Ziel: Wir wollen mit Jesus leben und auf den Wegen gehen, die Gott uns führt. Trotz aller Unterschiede sind wir gemeinsam unterwegs. Das ist nur möglich, wenn wir immer wieder entdecken, was uns zusammenhält. Was uns auch in Krisenzeiten hilft, miteinander weiterzugehen. Mich hat dazu eine Begebenheit aus der Geschichte von Israel sehr nachdenklich gemacht.
„Mose ließ Israel vom Schilfmeer aufbrechen, und sie zogen zur Wüste Schur. Und sie wanderten drei Tage in der Wüste und fanden kein Wasser.
Da kamen sie nach Mara; aber sie konnten das Wasser von Mara nicht trinken, denn es war sehr bitter. Daher nannte man den Ort Mara. Da murrte das Volk gegen Mose: Was sollen wir trinken? Er schrie zu dem HERRN, und der HERR zeigte ihm ein Holz; das warf er ins Wasser, da wurde es süß.“ (2.M 15, 22-25a)

Das Volk Israel hatte gerade die größte Befreiungsaktion in ihrer Geschichte erlebt. Gott hatte das ganze Volk nach 400 Jahren aus der Gefangenschaft in Ägypten befreit. Sie hatten erlebt, wie Gott sein Wort wahrgemacht hat: „Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein“ (2.M 14,14). Sie konnten zu Fuß durch das Meer gehen, während das überlegene Heer der Ägypter darin ertrank. Sie waren frei – zum ersten Mal in ihrem Leben. Alles hatte sich jetzt für sie verändert. Sie waren nicht mehr Sklaven einer fremden Macht, konnten den eigenen Weg gehen, und hatten ab jetzt ein Ziel vor Augen: Ihr Weg führte in das Land, das Gott ihnen gegeben hat. Ihre neue Heimat, die sie noch nie gesehen hatten. Sie freuten sich an ihrem neuen Leben. Darum sangen sie gemeinsam ein Lied: „Dem Herrn will ich singen, denn er ist hoch und unerreicht….Der Herr hat mich gerettet. Er ist mein Gott, ich will ihn loben. Voller Güte hast du dieses Volk geführt… Du selber pflanzt es ein am Ort, an dem du wohnst, beim Heiligtum, das du geschaffen hast. Der Herr ist König immer und ewig.“ (2.M 15,1+2.13.17+18)
Alle sind überwältigt und überzeugt: „Gott hat uns befreit, er führt uns und hat ein großartiges Ziel vorbereitet!“
Genauso ist es, wenn ein Mensch zum Glauben findet. Wenn er begriffen hat: Ich gehöre jetzt Jesus. Mein altes Leben ist vorbei und ich bin jetzt mit vielen anderen gemeinsam auf dem Weg mit Gott. Das sind Feste des Lebens. Es gibt immer wieder Höhepunkte, wo wir Gottes Macht erleben. Wo einer innerlich frei wird, wo Menschen sich versöhnen und ein neuer Anfang möglich ist. Wenn wir in einer Gebetszeit beschenkt werden oder eine Anbetungszeit uns berührt. Da können wir Gott nur loben und sagen: „Der Herr ist König immer und ewig.“ Aber diese Höhepunkte können wir nicht festhalten. Sie sind nicht das Ziel des Glaubens, sondern immer nur der Start und Ausgangspunkt für den weiteren Weg. Auch bei Israel.

Der mühsame Weg
Ihr Weg führt in die Wüste. In den Alltag, wo die Sonne brennt, die Füße wehtun und der Weg lang wird. Eine gewisse Zeit geht alles gut. Da klingt dieses Erlebnis noch nach. Sie haben noch Vorräte, mit denen sie sich versorgen können. Und sie sind gespannt auf das Neue. Aber nach drei Tagen ist ein Problem nicht mehr zu übersehen: Sie haben kein Wasser mehr. Und sie finden auch keins. Trotzdem vertrauen sie auf Gott. Denn er zieht ja in der Wolkensäule voraus. Er zeigt ihnen den Weg. Sie schauen auf Mose, durch den Gott sie führt und folgen ihm – auch durch die Wüste.

Es gibt solche Durststrecken im Leben. Aber weil wir schon viel Gutes mit unserem Herrn erlebt haben, wissen wir: Er wird uns versorgen. Das halten wir mit ihm schon durch.
Wenn du erlebt hast, wie Christus dich frei gemacht hat, muss sich dieser Glaube auch im Alltag bewähren. Bei der Arbeit, wo du den Kollegen immer wieder begegnest, bei deinen Freunden, die genau wissen, mit welchen Kommentaren sie dich reizen können.
In den Zeiten, wo du viel zu tun hast und kaum zur Ruhe kommst. Wo sich in der Familie die kleinen und großen Katastrophen abwechseln. Wo in der Gemeinde nicht alles glatt läuft. Es gibt Krisen und schwere Zeiten, die dich an deine Grenzen bringen. Aber du sagst dir: „Ich will auf meinen Gott vertrauen. Er ist da und trägt mich durch. Er ist König immer und ewig!“
So wie es in einem Psalm heißt: „Glücklich sind die Menschen, die in dir ihre Stärke finden und von Herzen dir nachfolgen. Wenn sie das Wüstental durchqueren, wird es für sie zu einem Ort erfrischender Quellen… So bekommen sie immer wieder neue Kraft.“ (Ps 84,6-8 NL)
Gerade da tun auch die Menschen gut, mit denen du gemeinsam unterwegs bist. Da kann man sich gegenseitig stärken und ermutigen.
Und dann kommt Israel tatsächlich an ein Wasser. Jetzt ist die Zeit, sich zu erfrischen, neu aufzutanken. Und die ersten fangen schon wieder an zu singen: „Der Herr ist König immer und ewig!“

Enttäuschte Hoffnung
Aber die Hoffnungen werden enttäuscht. Denn das Wasser ist nicht trinkbar. Es ist bitter. Und die Geschmacksrichtung „bitter“ warnt immer davor: Es könnte giftig oder schädlich sein. Es wird nicht erklärt, warum das Wasser hier nicht genießbar ist, aber es scheint eine salzhaltige Quelle zu sein. Der Ort trägt seinen Namen zu Recht. Denn „Mara“ bedeutet „Bitterkeit“. Und das kommt in einem Vers (23) gleich vier Mal vor: Sie kamen nach „Bitterkeit“, aber sie konnten das Wasser von „Bitterkeit“ nicht trinken, denn es war sehr bitter. Daher nennt man den Ort „Bitterkeit“.
Und diese Erfahrung tut richtig weh.
Nach einer stressigen Zeit freust du dich auf ein erholsames Wochenende – und dann werden die Kinder krank oder das Wetter spielt nicht mit.
Nach dem langen Umbau und anstrengenden Umzug geht das Auto kaputt und in der Familie herrscht nur Streit.
Nach der langen Suche nach einer neuen Arbeitsstelle macht dein Körper plötzlich nicht mehr mit.
Obwohl ihr als Gemeinde viel in ein Projekt investiert habt, ist niemand dazu gekommen und die Leitung steckt in der Krise.
Nach einer Durststrecke tut so eine Enttäuschung besonders weh. Dann ist nicht mehr zu hören: „Dem Herrn will ich singen, er ist hoch und unerreicht.“ Die Nerven liegen blank, die Geduld ist am Ende, das Vertrauen aufgebraucht.

Das Volk fängt an zu „murren“. Es entsteht Unruhe. Das beginnt meistens damit, dass man sich gegenseitig etwas zuflüstert. Aber je mehr mitmachen, desto lauter wird es. Es wird unsachlich. Und es wird persönlich.
Auch die Israeliten haben ihren Schuldigen gefunden: Mose. Auf den hatten sie sich vorher schon eingeschossen. Während der Gefangenschaft in Ägypten, als Mose die ersten Gespräche mit dem Pharao geführt hatte, sagten sie ihm: „Ohne euch ging es uns besser!“ (Kap 5,21). Als das Heer der Ägypter sie vor dem Roten Meer eingeholt hatte, jammerten sie: „Warum sind wir nicht dort geblieben?“ (Kap 14,11) Der Frust über die Situation entlädt sich schnell an den sichtbaren Verantwortlichen.
Dabei ist das Anliegen berechtigt: „Wir brauchen Wasser!“ Alles andere wird in dem Moment ausgeblendet und nur noch dieses Problem gesehen. Enttäuschte Hoffnung führt zur Verbitterung. Und die macht bissig.
Die Frage ist nur: wie soll Mose die Situation ändern? Wie kann er dem Volk mitten in der Wüste etwas geben, das ihren Durst stillt?

An dieser Stelle fiel mir auf, dass Gott das Volk zu diesem Wasser geführt hat. Er wollte sie hier haben, es war kein Fehler. Er wollte ihren Durst hier stillen. Aber es war nicht so, wie sie es erwartet hatten, wie es ihnen geschmeckt hätte. Hinterher heißt es, dass der Herr sie auf die Probe stellte (V.25). Und jede Prüfung dient dazu, mir etwas über mich selbst zu zeigen.
Und da gingen meine Gedanken weiter:
-    Gott schenkt uns sein Wort, die Bibel. Damit will er uns aufrichten, uns Mut machen und Kraft geben. Gerade in den schweren Zeiten. „Dein Wort ist ein Licht auf meinem Weg“ (Psalm 119,105) Aber wir beginnen zu diskutieren, was wirklich biblisch ist. Wieviel Wasser zu einer richtigen Taufe gehört, ob es heute noch Apostel gibt und welche Aufgaben eine Frau in einer Gemeinde ausführen darf. Wir achten auf die richtige Wortwahl, den Stil und „was es mir bringt“. Durch unsere unterschiedlichen Ansichten und Empfindlichkeiten rauben wir uns die Freude an dieser Kraftquelle. Statt einfach nur zu entdecken, dass Gott jetzt da ist, dass er zu uns redet und über die Gnade zu staunen, mit der uns frei gemacht hat.

-    Gott schenkt uns das Gebet. Wir dürfen mit ihm sprechen, wie ein Kind mit seinem Vater. Wie ein Mann mit seinem besten Freund. Aber statt uns an dieser liebevollen Beziehung zu freuen, beginnen wir zu diskutieren, wie man richtig betet. Reicht es, mit leeren Händen vor Gott zu stehen und mich mit dem beschenken lassen, was er mir heute geben möchte? Oder muss ich ein klares Ziel formulieren, was ich von Gott erwarte und von ihm fordern, was er tun soll? Wie bete ich richtig? Wenn mein Kopf sich ständig fragt, was die anderen jetzt wohl darüber denken, kann mein Herz sich nicht in Gottes Hände fallen lassen. Es wird nicht ruhig, meine Seele wird nicht satt. Und das Gebet wird bitter. Wir rauben diesem Geschenk die Kraft.

-    Gott schenkt uns die Anbetung. Wir dürfen ihn loben, ihm danken und ihn über alles stellen. Das ist eine Kraftquelle, die er uns mitten im Alltag schenkt. Aber wir diskutieren darüber, welche Lieder richtig sind. Welche Texte wirklich Tiefgang haben, wie oft man sie wiederholen darf und welche körperliche Haltung angemessen ist. Statt einfach miteinander Gott zu loben, den Blick auf ihn zu richten und uns über seine Gegenwart zu freuen. Anbetung wird bitter.

Gott führt uns zum Wasser, um uns zu versorgen. Aber wie oft liegt es an uns, dass dieses Wasser bitter wird!
Das Volk Israel macht Mose dafür verantwortlich. Weil er damit völlig überfordert ist, wendet er sich an Gott. Er „schreit zum Herrn“. Wir wissen nicht, was er gesagt hat. Aber das Ergebnis ist ungewöhnlich: Der Herr zeigt ihm ein Holz.

Einfache Hilfe
Es ist erstaunlich: Ein Holz mitten in der Wüste. Wahrscheinlich war das ein Ast von einer Wüstenpflanze. Es lag schon da, bevor die Israeliten kamen. Keiner hatte es beachtet. Keiner wäre auf die Idee gekommen, dass hier die Lösung des Problems liegen könnte.
Als Mose dieses Holz ins Wasser wirft, wird es „süß“. Einige Ausleger haben versucht, das zu erklären. Und es gibt wohl auch einzelne Pflanzen oder Sträucher, die ungenießbares oder verschmutztes Wasser trinkbar machen. Aber mitten in der Wüste ein Stück Holz, das schon da liegt und auf einen Schlag das Wasser verändert, so dass Tausende von Menschen satt werden – das ist ein unerklärbares Wunder. Es ist kein Stück kleiner als die Befreiung aus Ägypten. Da kann man wirklich nur singen: „Der Herr ist König immer und ewig.“
Dieses Wunder ist nicht erklärbar. Aber: die Menschen schauten jetzt auf dieses Holz und nicht mehr auf das Wasser!

Dadurch ist diese kleine Begebenheit für mich ein Hinweis auf etwas viel Größeres. Das Wasser, das Gott uns schenkt, wird oft bitter. Durch unsere Unzufriedenheit, unsere Erwartungen, Fehler oder Verletzungen. Und in dem Moment werden wir nicht satt. Das Wasser ist ungenießbar, die Gemeinschaft ist ungenießbar, ich werde ungenießbar.
Aber es gibt ein Holz, das die Bitterkeit wegnimmt und all das herauszieht, was uns krank und kaputt macht. Dieses Holz ist für mich ein Zeichen für das Kreuz, an dem Jesus sein Leben gegeben hat. Da hat er für unsere Sünde bezahlt. Da hat er all das weggenommen, was zwischen Gott und uns stand. Da hat er die Grundlage gelegt, dass wir einander vergeben können. Seine Vergebung ist geschehen, er hat alles für uns vollbracht.
Und egal, wo ich hinkomme, in welcher Situation ich stehe und mit welcher Bitterkeit ich zu kämpfen habe: Er ist schon da! Und wenn ich ihn ranlasse, zieht er all das raus, was durch die Sünde vergiftet ist und ich durch meine Egoismus kaputt mache. „Deine Gnad und Jesu Blut macht ja allen Schaden gut.“ (Luise Hensel 1798-1876, aus „Müde bin ich, geh zur Ruh“)

Darum ist die Frage: Lasse ich meinen Blick von Gott auf das Holz lenken, das schon lange da liegt? Bringe ich es in die Situation hinein, die mir gerade so zu schaffen macht?
Denn dann schaue ich auf das Holz und nicht auf das Wasser. Wir sehen auf Jesus und nicht auf das Problem. Wir achten auf den, der uns verbindet und nicht auf das, was uns unterscheidet.
Ich schaue so oft auf das, was mir gerade nicht schmeckt, was mir zu schaffen macht, auf die Bitterkeiten. Darum tun mir Menschen gut, die Jesus ins Gespräch bringen.
Was hält uns denn zusammen? Es ist Jesus, der uns miteinander vereint. Wir sind seine Gemeinde und in seinem Namen unterwegs. Und unsere Botschaft ist, dass er am Kreuz sein Leben geopfert hat, damit wir leben können.
Der Apostel Petrus schreibt es so: „Er hat unsere Sünden an das Kreuz hinaufgetragen, damit wir für die Sünde tot sind und für die Gerechtigkeit leben können. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden! Früher seid ihr umhergeirrt wie verlorene Schafe. Aber nun seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, dem Beschützer eurer Seelen.“ (1.Petr 2, 24+25)

Darum will ich Jesus hineinbringen. Bevor ich das Wort Gottes nur aus meinem Verständnis heraus betrachte, will ich auf Jesus schauen. Solange er als der Erlöser in der Mitte steht, kann ich unterschiedliche Ansichten akzeptieren, weil mein Herr größer ist als mein Verstand. Aber vor allem möchte ich hören, was er als der gute Hirte mir heute zu sagen hat.
Wenn ich mit unterschiedlichen Gebetsstilen nicht klarkomme, will ich Jesus hineinbringen. Wir reden mit unserem Herrn. Er freut sich über die Beziehung mit uns und hält unsere Unterschiedlichkeit aus. Darum will ich vertrauensvoll mit ihm reden – auf meine Art. Und ich will auf ihn hören. Denn seine Schafe hören seine Stimme (Joh 10,27).
Und ich will ihn gemeinsam mit meinen Geschwistern anbeten. „Der Herr ist König immer und ewig.“ Dafür will ich ihn loben. Es geht um ihn – und nicht um meinen Geschmack. Es geht um seine Größe und nicht um mein gutes Gefühl.

Ich will Jesus hineinbringen. Denn er hat dem Tod die Bitterkeit genommen hat, weil er ihn besiegt hat. Er ist nicht mehr das Ende.
Jesus nimmt die Bitterkeit aus meinem Leben, weil er meine Schuld vergeben hat.
Er nimmt meinen Gedanken und Worten das Gift, damit sie verbinden und nicht kaputt machen.
Er macht mir Mut, um Vergebung zu bitten, wo ich an Menschen schuldig geworden bin.
Er hilft mir, mitten im Alltag auf Gott zu vertrauen. Und wo sich Bitterkeit einschleicht (in der Ehe, im Beruf, bei den Kindern, in Gemeinde…), will ich diesen Blick auf das Holz nicht verlieren. Jesus ist da! Darum will ich ihn hineinbringen, damit die Bitterkeit verschwindet.

Wenn Jesus in der Mitte ist, können wir gemeinsam auf dem Weg bleiben. Denn was uns auch in den bitteren und schweren Zeiten zusammenhält, ist der Blick auf diesen Herrn. Auf sein Kreuz, an dem er uns erlöst hat. Darum geht es mir heute wie Paulus, der an die Gemeinde in Korinth schreibt: „Ich hatte mir vorgenommen, eure Aufmerksamkeit einzig und allein auf Christus zu lenken – auf Jesus Christus, den Gekreuzigten.“ (1.Kor 2,2)
Amen