"Wie man glauben lernt" - Lukas 17,5+6

Wir brauchen Vorbilder. Menschen, von denen wir lernen können, wie wir im Leben besser zurechtkommen. Die sich auskennen und uns weiterhelfen. Und am besten sind Vorbilder, die noch leben und die wir fragen können. Die Jünger hatten damals Jesus als Vorbild. Sie sahen, wie Jesus lebte, wie er betete, wie er seinem himmlischen Vater in allen Dingen vertraute. Darum haben sie ihn gefragt. Sie haben ihn gebeten: „Herr, lehre uns beten!" (Lk 11,1) und Jesus hat sie das Vaterunser gelehrt. Sie haben gebeten: „Zeige uns den Vater!“ und Jesus sagte ihnen: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ (Joh 14,8+9).
Aber eine Bitte sticht für mich heraus: „Stärke uns den Glauben!“ (Lk 17,5) Es ist eine gute Bitte und sie spricht mir aus dem Herzen. Aber was steckt dahinter? Und wie hat Jesus darauf geantwortet? Über diese Fragen möchte ich mit euch heute nachdenken. Wie man glauben lernt.

Groß und stark
„Stärke uns den Glauben!“ Ein starker Glaube ist gut. Mit einem starken Glauben bin ich sicher und weiß, was zu tun ist. Eine Krise wirft mich nicht um, mein Leben wird nicht von der Angst bestimmt und die Sorgen machen mich nicht mehr fertig. Mit einem starken Glauben stehe ich fest verwurzelt wie ein gesunder Baum.
Die Jünger bitten Jesus: „Stärke uns den Glauben!“ Diese Bitte ist gut, sie ist demütig und ehrlich. Denn es geht den Jüngern wie mir: Mein Glaube ist nicht stark. Ich glaube an Gott und vertraue ihm, aber es könnte mehr sein. Immer wieder melden sich die Zweifel. Ich mache mir Gedanken, was andere Menschen von mir halten und bin unsicher in so vielen Entscheidungen. Darum möchte ich, dass mein Glaube stärker wird. Größer, widerstandsfähig und belastbar. Denn das Leben ist voller Herausforderungen. Auch den Jüngern hatte Jesus gerade vorher gesagt: Ihr seid immer in Gefahr. Ihr könnt schnell verführt und von Gott weggezogen werden. Und ihr könnt selber auch andere verführen. Darum passt auf, woran ihr euch haltet und wem ihr euch anvertraut (V.1-3)!
Und daraufhin wenden die Jünger sich an Jesus: „Stärke uns den Glauben!“ Hilf uns, dass der Glaube immer tiefer verwurzelt und weiter wächst. Mach ihn groß und stark, damit wir sicher sind!
Ich weiß, wie man einen Baum stark machen kann: Er braucht gute Erde, genug Wasser, Licht und Luft. Aber wie macht man den Glauben stark? Was erwarten die Jünger? Soll Jesus ein Stärkungs-Seminar halten, mit ihnen einen Vertrauens-Workshop durchführen oder ein paar Glaubens-Übungen machen. Wie stärkt man den Glauben? Wie würdet ihr das tun?
Und wen würdet ihr bitten, euren Glauben zu stärken?
Ich würde mich nur an jemanden wenden, der selber einen starken Glauben hat! Die Jünger bitten Jesus. Da sind sie an der richtigen Adresse. Denn sein Vertrauen auf Gott ist groß. Und sie haben das als seine Jünger schon oft miterlebt.

Aber da fällt mir auf, dass hier gar nicht von „Jüngern“ die Rede ist, sondern von „Aposteln“. Über 30 Mal werden die Menschen, die Jesus nachfolgen im Lukas-Evangelium „Jünger“ genannt. Und das bedeutet „Schüler“. Und nur 5 Mal steht „Apostel“, also „Gesandte“. So hatte Jesus sie genannt (Lk 6,13). Diese Apostel sendet er in Israel und später in die ganze Welt aus. Er gibt ihnen Aufgaben. Sie sind in seinem Namen unterwegs. „Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!“ Sie bitten nicht als Schüler, sondern als Gesandte.

Mir ist dabei im Moment ein Gedanke wichtig: Glaube wächst nicht in der Schule, sondern nur im Einsatz. In einer Schule kann ich zuschauen, was andere machen und selber etwas ausprobieren. Da lerne ich die Zusammenhänge kennen. Mein Glaube bekommt die Basis. Aber in der sicheren und geschützten Umgebung einer Schule wird mein Glaube nicht größer und stärker. Dort lerne ich die Theorie.

Wir werden bald unser neues Klettergerüst einweihen, das vor dem Gemeinschaftshaus aufgebaut wird. Vier Meter hoch wird diese Kletterspinne sein, mit jeder Menge Seilen.
Wir können jetzt Seminare anbieten über die Statik, damit jeder weiß, wie tief die Fundamente sein müssen und wie lange die Männer dafür gegraben haben. Wir können geometrisch betrachten, wie die Seile befestigt werden müssen, und Videos zeigen, wie man richtig darauf klettert. Aber selbst, wenn ich alles über unsere Kletterspinne (Seilzirkus) weiß, kann ich eines noch nicht: Klettern!
Dafür muss ich drauf steigen. Ich muss testen, wie meine Hände und Füße den besten Halt finden. Ich muss erleben, wie die Seile mich tragen, auch wenn es schwankt und viele andere mit darauf sind. Ich muss spüren, wie es sich anfühlt und welche Aussicht ich von da oben habe. Erst das hilft mir, mich immer sicherer darauf zu bewegen. Glaube wächst nicht in der Theorie, sondern im Einsatz.

Hans Peter Royer berichtet in seinem letzten Buch davon, dass er sich einmal bewusst wurde, wie revolutionär es ist, was er mit dem Evangelium verkündigt. Dass Jesus von den Toten auferstanden ist, dass Menschen durch ihn von ihrer Schuld frei werden können und ein ewiges Ziel haben, das ihr Leben für immer verändert. Er hatte die Sorge: Wenn die Sache mit Jesus nicht stimmt, dann bin ich ein Verführer und Lügner.
„In meinen Zweifeln – und die hatte ich oft – dachte ich manchmal: Ich kann das nicht mehr tun! Manchmal konnte ich nicht einmal selbst glauben, was ich predigte…. Ich habe mir überlegt, dass das nicht ehrlich ist und dass ich mit dem Predigen aufhören müsste. Genau da fand ich einen Zettel in der Post, auf dem stand: „Wenn du nicht mehr an das Evangelium glauben kannst, dann geh auf die Straße und predige es.“ Dieser Satz hat etwas in mir ausgelöst. Zuerst dachte ich: So ein Blödsinn! Das ist ja ein Widerspruch! Dann habe ich aber tiefer darüber nachgedacht – das schadet ja nie -, und mir fiel ein, dass Jesus gesagt hat: „Die Wahrheit macht euch frei.“ Jesus hat nicht gesagt: „Deine Überzeugung macht frei“, sondern die Wahrheit. Ob du überzeugt bist davon oder nicht, ist ziemlich egal. Predige die Wahrheit, und die Menschen werden frei!“  (Hans Peter Royer „Wofür mein Herz schlägt“ SCM-Verlag, S.103)

Genauso ging es mir letztes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt. Wir haben uns entschieden, einen Stand zu machen, in dem wir den Menschen anbieten, für sie zu beten. Mir fällt es nicht leicht, mit fremden Menschen ein persönliches Gespräch über den Glauben anzufangen. Ich bin lieber vorbereitet und weiß, was mich erwartet. Und doch habe ich mich bewusst für einige Stunden in die Liste eingetragen. Ich wollte dabei sein, es probieren. Und ich war hinterher ganz erfüllt von den Begegnungen und Gesprächen. Es fällt mir immer noch nicht leicht, aber ich habe für dieses Jahr mehr Mut. Der Glaube wächst unterwegs und nicht zu Hause! Er wird stark im Einsatz. Darum lass dich von Jesus gebrauchen und senden. „Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!“

Echt und reif
Wer Jesus bittet, muss immer auch mit der Antwort leben. Sie ist oft nicht so, wie wir es erwarten. Aber immer voller Weisheit. Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17,6)
Die Jünger sagen: „Wir glauben, aber wir geben zu: es könnte mehr sein!“ Und Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben hättet…!“ Ihr habt eine falsche Vorstellung vom Glauben. Glauben kann man nicht mit groß oder klein beschreiben. Er ist nicht stark oder schwach. Es ist wie mit der Treue. Es gibt keine große und kleine Treue. Ich kann nicht ein wenig, gelegentlich oder ab und zu treu sein. Entweder bin ich treu oder nicht. Entweder glaube ich oder nicht. Ich kann nicht ein bisschen vertrauen oder mich teilweise auf jemanden verlassen.

Jesus gibt den Jüngern einen neuen Blickwinkel: Es geht nicht darum, dass ich eurem Glauben noch etwas hinzufüge. Er muss nicht größer und stärker werden. Er muss viel mehr echt sein und reif werden.
Ich stelle mir dabei einen Abgrund vor, über den ein Seil gespannt ist. An diesem Seil hängt ein Mensch und sagt: „Ich glaube an das Seil. Es ist der Weg über den Abgrund. Es wird mich halten. Ich muss mich nur hinüberhangeln. Darum, Herr, stärke mir den Glauben! Gib mir die Kraft, dieses Seil nicht loszulassen!“

Ein anderer Mensch steht mit einer Balancierstange auf dem Seil und sagt: „Ich verlasse mich auf das Seil. Es wird mich tragen und ich werde über den Abgrund kommen. Ich darf nur nicht aus dem Gleichgewicht kommen! Darum, Herr, stärke mir den Glauben! Gib mir die Balance und die Ausgeglichenheit, damit ich das Gleichgewicht nicht verliere!“
In all dem geht es immer um eine Leistung. Ich muss durchhalten. Ohne Glaube stürze ich ab. Ich kann verführt werden. Ich kann vielleicht sogar andere mit in den Abgrund reißen. Es ist anstrengend. Das war die Sicht der Jünger.
Aber Jesus sagt: Wenn ihr Glauben hättet, dann würdet ihr euch in die Gondel setzen, die an dem Seil hängt. Ihr würdet alles loslassen und euch ganz von der Gondel abhängig machen. Denn wenn ihr glaubt, geht es nicht um das, was ihr schafft, sondern um Gottes Kraft.

Wer glaubt, schaut auf Gott und sagt: „Du bist stark! Und das reicht für mich.“
Jesus sagt seinen Jüngern: Ihr schaut zuviel auf euch selbst. Ihr wollt euch mit eurem Glauben festhalten. Aber das funktioniert nicht. Glaube muss nicht groß und stark sein, sondern echt und reif. Darum genügt es, wenn der Glaube wie ein Senfkorn ist, wie das kleinste Samenkorn, das kaum sichtbar ist. Dann wirst du Dinge erleben, die du dir nicht vorstellen kannst. Weil Gott sie tut.

In der Bibel wird als Veranschaulichung an dieser Stelle oft der Berg genannt, der ins Meer stürzt (Mt 17,20; 21,21; 1.Kor 13,2). Daher kommt auch der Satz: Glaube versetzt Berge. Und es ist auch ein starkes Bild: Die Berge von Problemen verschwinden, wenn Gott sich darum kümmert. Die ganze Last der Sünde wird durch Jesus ins Meer versenkt. Ich muss es nur im Glauben annehmen.

Aber Jesus nimmt hier als Beispiel einen Maulbeerbaum, der wohl gerade in der Nähe stand und sagt: Wenn ihr glaubt, dann kann dieser Baum ins Meer verpflanzt werden. Dann ist es möglich, dass er in einer Umgebung steht und Wurzeln schlägt, wo ihr euch das überhaupt nicht vorstellen könnt. Ihr sagt es, und es geschieht. Ihr schafft ihn nicht aus dem Weg, sondern erlebt, wie er neu verwurzelt und Halt findet. Dieser Baum ist ein Bild für euer Leben. Wenn ihr Gott vertraut, rechnet ihr mit seinen Möglichkeiten und nicht mit euren. Wenn ihr an ihn glaubt, findet ihr in jeder Situation einen Halt. Du kannst hier erleben, dass Gott stark ist und dich hält. Selbst mitten im Meer, wo du eigentlich nicht stehen kannst.
Solch ein Glaube ist echt. Und er wird reif. Bei Reife denken wir daran, dass etwas ausgewachsen ist, vollständig und fertig. So, wie es sein soll. Aber Reife bedeutet: fertig, um gebraucht zu werden. Der Glaube soll reif werden für die Anwendung.
Wenn ich weiß, dass Gott stark ist und dass er mich hält, dann kann ich mich für ihn einsetzen. Hier, wo ich jetzt bin. In der Nachtwache, im Wartezimmer, auf dem Weihnachtsmarkt.
Der Glaube reift zur Anwendung und er wächst im Einsatz

Mehr und mehr
Die Apostel haben Jesus gebeten: „Stärke uns den Glauben!“ Wörtlich steht da: „Teile uns den Glauben zu, vergrößere ihn Stück für Stück!“ In einigen Übersetzungen heißt diese Bitte: „Mehre uns den Glauben!“ Der Glaube soll sich vermehren, sich ausbreiten. Mein Glaube wächst, indem ich in jeder Lage mit Gottes Kraft rechne. Schritt für Schritt lerne ich: Hier kann ich Gott vertrauen, hier gebraucht er mich.
Die Kapitel 17-19 sind bei Lukas wie eine Glaubensschulung, ein Praxis-Seminar, das Jesus seinen Jüngern gibt.
Die erste Begegnung ist mit den zehn Aussätzigen, die Jesus heilt. Aber nur einer kommt zurück, um ihm zu danken. Jesus sagt seinen Jüngern: „Nur er gibt Gott die Ehre“. Und dem Geheilten sagt er: „Dein Glaube hat dir geholfen“ (Lk 17,19). Glaube bedeutet: Gott ehren und ihm danken
Dann erzählt Jesus das Gleichnis von der bittenden Witwe, durch das er den Jüngern erklärt, „dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten“ (Lk 18,1). Bleibt dran, auch wenn ihr Gott nicht versteht
Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, die im Tempel beten, beschreibt Jesus die richtige Haltung vor Gott. Denn der Zöllner betet nur: „Gott sei mir Sünder gnädig“ (Lk 18,13). Das reicht. Denn wer Gott glaubt, wird immer seine Gnade brauchen.
Jesus nutzt die Begegnungen mit den Kindern, um den Jüngern zu zeigen, dass sie das Reich Gottes „wie ein Kind“ empfangen müssen (Lk 18,17), und die Begegnung mit dem reichen Jüngling, um ihnen zu sagen: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ (Lk 19,27). Du stehst immer mit leeren Händen vor dem Herrn.
Der Kreis schließt sich bei der Heilung eines Blinden bei Jericho. Er blieb dran und rief nach Jesus, obwohl ihn alle zum Schweigen bringen wollten. Jesus fragte ihn: „Was soll ich für dich tun?“ Und er antwortete: „Dass ich sehen kann!“ Diesem Mann sagt Jesus: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ (Lk 18, 42). Glaube heißt, auch in dunklen Zeiten auf Gottes Kraft vertrauen.

Aber der Höhepunkt findet in Jericho selber statt. Dort sitzt ein Mann auf einem Maulbeerbaum, dessen Leben völlig anders wird, weil er Jesus begegnet. Denn Jesus sagt ihm: „Ich muss heute in dein Haus einkehren.“ (Lk 19,5). Jesus sieht in diesem Mann auf dem Baum mehr, als die anderen Menschen. Bei dem Zöllner Zachäus hätte keiner damit gerechnet, dass aus dem knallharten Egoisten  ein ehrlicher Wohltäter werden kann. Aber Gott lässt Zachäus in einer völlig neuen Umgebung „Wurzeln“ schlagen.

Die Jünger bitten Jesus „Mehre uns den Glauben!“ Und Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.“
Dieser Maulbeerbaum ist nicht nur ein Bild für mein Leben, sondern auch für meinen Auftrag. Wenn ich Jesus glaube, bin ich sein Gesandter. Sehe ich noch, wer auf dem Baum sitzt? Wer auf die Palme gebracht worden ist, wen alle schon abgeschrieben haben? Genau da schickt er mich hin, damit ich diesen Menschen Gottes Liebe zeige. Wenn mein Glaube wachsen soll, brauche ich diesen offenen Blick: „Ich muss heute in dein Haus einkehren!“.  Denn der Glaube wächst nur im Einsatz.

Ich werde nicht alle Zweifel verlieren, aber ich werde in jeder Lage wissen:
Mein Herr ist stark – immer!
Er hält mich fest – gerade jetzt!
Und er gebraucht mich – gerade hier!
Amen