"Unvergesslich gut" - Lukas 10, 25-37

unvergesslich gut „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen.“ (Kol 3,16) Mit dieser Aufforderung endet die Gebetswoche, in der es darum ging, Gottes Wort aufmerksam zu hören, es wirken zu lassen und im Alltag zu leben. Wenn jemand bei mir wohnt, werde ich ihm immer wieder begegnen. Ich beschäfti-ge mich mit ihm, lerne ihn kennen und entdecke viel Neues. Also: Lass das, was Jesus sagt, bei dir zu Hause sein. Lies weiter in seinem Wort und lass es in dir wirken. Dann wirst du, wie an einem Büffet, immer neue Leckerbissen genießen und gleichzeitig entdecken, wie wertvoll ein schlichtes Butterbrot ist, wenn du es gründlich kaust. Ich will heute auch das „Wort Christi reichlich unter uns wohnen“ lassen, es wiederholen und ver-tiefen. Das Wort, das uns als Losung durch das Jahr begleitet, heißt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36) Es ist ein Wort von Christus, das wir so nur im Lukas-Evangelium finden. Lukas beschreibt in seinem Evangelium, wie Menschen Jesus begegnen und er ihr Leben verändert. Und er schreibt Gleichnisse auf, die uns zeigen, wie Gott ist. Lukas hat ein Gespür für Geschichten, die man nicht mehr vergessen kann, wenn man sie einmal gehört hat. Und sie wirken nach, je gründlicher man sich damit beschäftigt. Sie sind unvergesslich gut. So ist das mit der Begegnung von Jesus mit dem Zöllner Zachäus (Kap 19) oder mit seinem Besuch bei Maria und Marta (Kap 10). So ist das mit dem Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Kap 16), vom Pharisäer und Zöllner (Kap 18) oder vom verlorenen Sohn (Kap 15). Und auch das Gleich-nis vom barmherzigen Samariter finden wir nur in diesem Evangelium. Es ist wie die praktische Auslegung und Anwendung der Jahreslosung. (Lukas 10,25-37) „Da stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus auf die Probe zu stellen und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Her-zen, von ganzer Seele, mit all deiner Kraft und deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Jesus sagte: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er wollte sich aber rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und wurde von Räubern überfallen; die zogen ihn aus und schlugen ihn und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig ging ein Priester jenen Weg hinab; und als er ihn sah, ging er an der entgegengesetzten Seite vorüber. Ebenso kam auch ein Levit, der an den Ort gelangte, und er sah ihn und ging an der entgegengesetz-ten Seite vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm. Er hob ihn auf sein Tier, brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sagte: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien war der Nächste für den Mann, der von den Räubern überfal-len wurde? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und mach es genauso!“ Die Grundgedanken aus diesem Gleichnis sind während der Gebetswoche behandelt worden. Da-rum möchte ich es heute nicht auslegen, sondern nur drei Beobachtungen „durchkauen“ und vertie-fen. Das Wissen wird lebendig Ein kluger Mann stellt Jesus eine kluge Frage: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben erer-be?“ Dieser Mann weiß, dass es mehr gibt, als nur das Leben auf dieser Erde. Ein ewiges Leben, das nur in der Verbindung mit dem ewigen Gott möglich ist. Das will er gerne haben und ist bereit, etwas dafür zu tun. Jesus lässt alle Hintergedanken des Mannes beiseite und antwortet mit einer Gegenfrage: „Was steht im Gesetz? Was liest du?“ Damit packt er ihn auf seiner starken Seite. Denn als Gesetzeslehrer kannte er sich hier gut aus und kann sein Wissen präsentieren. Aber gleichzeitig zeigt ihm Jesus damit: Du weißt die Antwort doch schon! Manchmal muss man nur daran erinnert werden. Das Wissen wird lebendig, wenn es mit dem Alltag in Berührung kommt. Der Mann gibt sofort die korrekte Antwort. Er kennt das wichtigste Gebot und kann es zusammen-fassen. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all dei-ner Kraft und deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Dieser Satz wurde ihm von klein auf beigebracht. Dieses Gebot ist unvergleichlich wichtig und unvergesslich gut. Kurz, präzise und klar. Jesus lobt ihn dafür und sagt: „Tu das, dann wirst du leben!“ Jesus macht dem Mann deutlich: Du weißt, worauf es ankommt. Es geht um deine tiefe und vertrau-te Verbindung zu dem Herrn. Bleib in der Gemeinschaft mit ihm. Liebe diesen großartigen und ein-zigartigen Gott. Und liebe die Menschen, die er geschaffen hat. Dann tust du, was Gott will und bist mit ihm für immer in Verbindung. So einfach ist das also… Du weißt es schon, jetzt setz es in die Tat um. In so einem Moment wird Wissen lebendig. Da trifft es auf meinen Alltag: Liebe ich Gott mit ganzem Herzen und ohne Hin-tergedanken? Bin ich wirklich mit aller Kraft für ihn da? Und wie zeigt sich diese Liebe? Es gibt viele Worte aus der Bibel, die wir kennen und die bei „uns wohnen“. Manche hängen jahre-lang an der Wand oder liegen als Karte auf dem Schreibtisch. Einige beten wir in jedem Gottes-dienst, hören sie als Segen oder singen sie. Andere leuchten jeden Tag auf dem Startbildschirm im Smartphone auf. Ich kenne sie. Aber erst, wenn sie im Alltag ankommen, werden sie lebendig. Zum Beispiel der Vers: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Röm 8,28) Dieser Satz ist eine tiefe Weisheit und eine unvergesslich gute Tatsache. Aber er wird schwer, wenn Dinge passieren, die mein Leben durcheinander schütteln. Dann kann ich nur sagen: „Herr, ich verstehe dich nicht, mir gefällt nicht, was gerade passiert, aber ich will dir vertrauen.“ Dieser Vers hat für mich durch eine Geschichte eine neue Perspektive bekommen. Ein Pastor war zu einem Männerfrühstück in einer ländlichen Gegend der amerikanischen Südstaaten eingela-den. Die Gruppe hatte einen älteren Farmer gebeten, das Tischgebet zu sprechen. „Herr, ich hasse Butter-milch!“, begann der Farmer. Der Pastor wurde ein wenig unruhig, aber der Farmer betete weiter: „Herr, ich hasse Schmalz. Und du weißt, dass ich mir nicht besonders viel aus Mehl mache.“ Der Pastor öffnete ein Auge und merkte, dass sich auch viele andere unwohl fühlten. Dann sagte der Farmer: „Aber wenn das alles mitei-nander vermischt und im heißen Ofen gebacken ist, dann liebe ich die warmen, frischen Kekse. Herr, wenn also Dinge passieren, die uns nicht gefallen, wenn das Leben schwer wird, wenn wir nicht verstehen, was du tust, dann hilf uns zu warten, bis du mit dem Mischen und Backen fertig bist. Es wird sicher noch besser sein als Kekse. Amen.“ (Autor unbekannt) So wird das Wissen lebendig. Meine zweite Beobachtung heißt: Die Hilfe wird praktisch Jesus sagt dem Mann: „Wenn dein Leben für immer mit dem ewigen Gott in Verbindung sein soll, dann liebe den Herrn und liebe die Menschen.“ Dem klugen Mann wird dieses Thema wohl zu per-sönlich, darum nutzt er eine beliebte Methode. Wenn etwas unbequem wird, fragt man nach der Definition: „Was genau meinst du damit?“ Der Mann fragt: „Wer ist denn mein Nächster?“ Die Liebe zu Gott scheint für ihn nicht das Problem zu sein. Aber das mit der Nächstenliebe und Barm-herzigkeit geht ihm zu weit. Wen muss ich denn lieben und wen nicht? Wo ist die Grenze? Jesus antwortet mit einem unvergesslichen Gleichnis: Ein Mann wird von Räubern überfallen, ausge-raubt und schwer verletzt liegen gelassen. Drei Männer kommen vorbei. Alle gehen auf derselben Straße und sehen den verletzten Mann. Der erste ist ein Priester und der zweite ein Levit, ein Diener am Tempel. Sie sind Menschen, die Gott dienen, die wissen, was er will. Sie sind Gott nah und zei-gen ihm ihre Liebe durch ihren Dienst. Aber von beiden heißt es, dass sie bewusst weit an dem Ver-letzten vorbei gehen (wörtlich „auf der anderen Seite“). Jesus nennt keinen Grund und verurteilt sie auch nicht. Aber es wird deutlich: Sie tun nicht, was sie sollten. Ganz anders handelt der dritte Mann, ein Samaritaner. Der sieht den Verletzten, wird „innerlich bewegt“ und geht zu ihm. Hier zeigen sich die Kernpunkte der Barmherzigkeit: Ich sehe deine Armut. Ich versetze mich in deine Lage. Ich kann was dagegen tun. Mich hat ein Detail in diesem Gleichnis beschäftigt: Der Mann war „unter die Räuber“ gefallen und sie hatten ihm alles genommen. Er hatte keine Kleidung mehr und keinen Besitz. Man sah ihm nicht mehr an, ob er ein reicher Kaufmann war, ein Gelehrter, ein einfacher Handwerker oder ein Verbre-cher. Man konnte nicht erkennen, zu welchem Volk er gehörte. Weil er vermutlich ohnmächtig war, konnte er nicht um Hilfe rufen oder erklären, was passiert war. Es war einfach ein Mensch mit einem verletzten Körper. Auch heute fallen Menschen „unter die Räuber“. Und das verändert sie. - Zeitdruck, Stress und Sorgen im Alltag sind solche Räuber. Sie machen einen Menschen unruhig und nervös. Sie rauben ihm die Gelassenheit und den sachlichen Blick und dann ist er oft nicht mehr richtig bei der Sache. Und die Begegnungen mit ihm werden anstrengend. - Ein anderer Räuber zeigt sich, wenn ein Mensch falsche Entscheidungen getroffen hat. Er hat leeren Versprechen geglaubt, wurde ausgenutzt oder betrogen und steht jetzt vor einem Haufen Scherben und Schulden. Das führt dazu, dass ein Mann, der großzügig, hilfsbereit und selbst-bewusst war, sich zurückzieht, misstrauisch und abweisend wird. - Manchmal ist eine Krankheit wie ein Räuber. Sie nimmt die Kraft und die äußerliche Schönheit, sie verändert die Persönlichkeit. Und wenn du einen Kranken eine Zeitlang nicht gesehen hast, erkennst ihn fast nicht wieder! - Jede Sucht ist ein Räuber. Sie nimmt die Freiheit, sie raubt das Vertrauen, weil man immer mehr verstecken und verheimlichen muss. Sie raubt die Achtung vor anderen Menschen und vor mir selbst. Wenn einer in der Falle von Alkohol, Wetten, Pornographie oder Kritiksucht sitzt, kann man oft nur sagen: Ich erkenne dich nicht mehr wieder! Sehe ich diese Armut? Lasse ich sie an mich heran? Bin ich bereit zu helfen, auch wenn der andere sich verändert hat? Ich kann seine Erfahrungen nicht rückgängig machen, aber ich kann jetzt etwas für ihn tun. Der Samariter hätte viele Gründe gehabt, sich nicht um den Verletzten zu kümmern. Aber er schaut hin und tut, was er kann. Er ist bereit zu lieben. Er sieht, dass ein Mensch seine Hilfe braucht und zeigt: Du bist es mir wert! Und wo er es alleine nicht schafft, lässt er andere mit ran. Diese Liebe kostet ihn viel: Seine Zeit, weil er seine Reise unterbrechen muss. Seine Kraft, weil er den Verletzten stützen muss. Seine Vorräte, weil er damit die Wunden versorgt Sein Geld, um die weitere Pflege zu bezahlen. „Wer liebt, muss sich immer aus seinen Plänen und Vorhaben herausreißen lassen. Ich muss bereit sein, mich durch Aufgaben überraschen zu lassen, die Gott mir heute stellt. Gott zwingt mich immer zur Improvisation. Denn Gottes Aufgaben haben stets etwas Überraschendes, und der gefangene, verwundete und geängstete Mensch … liegt ganz bestimmt dann an meinem Weg, wenn ich gerade etwas anderes vorhabe und mit ganz anderen Pflichten beschäftigt bin. Gott ist immer ein Gott der Überraschungen: nicht nur in der Art, wie er mir hilft,… sondern auch in der Art, wie er mir Aufgaben stellt und Menschen über den Weg schickt.“ (Helmut Thielicke „Das Bilderbuch Gottes“, Quell Verlag Stuttgart, S.243) Der Samariter lässt sich unterbrechen. Und in dieser Liebe zu einem Menschen zeigt sich seine Liebe zu Gott. „Wer die Güter dieser Welt hat, seinen Bruder Not leiden sieht und sein Herz vor ihm ver-schließt — wie kann die Liebe Gottes in ihm bleiben?“ (1.Joh 3,17) Die Liebe wird persönlich Gott gibt mir eine Aufgabe. Oft, wenn ich gar nicht damit rechne. Und der Auftrag von Jesus heißt: „Sei ein Nächster! Nutz die Gelegenheiten, die Gott dir gibt.“ Aber wie kann ich das tun? Welche „Güter dieser Welt“ habe ich denn, um anderen Menschen zu helfen? Was kann ich bei der Frau tun, die im Alltag überfordert ist, bei dem Mann, der verletzt und enttäuscht wurde? Wie gehe ich richtig mit dem um, der in seiner Sucht gefangen ist und unter der Krankheit leidet? Auch hier ist der Samariter ein gutes Vorbild. Er gießt Öl und Wein auf die Wunden und verbindet sie. Das war die erste Hilfe, um durch das Öl die Schmerzen zu lindern und mit dem Wein die Wunden zu desinfizieren. Das sind die Güter, die ich auch habe. Öl bedeutet: Bring etwas Gutes in die Situation. Lindere die Schmerzen, hilf in der konkreten Not. Sei einfach da und lass ihn deine Nähe spüren. Wein bedeutet: Entferne das, was schädlich ist. Bring Liebe und Wahrheit mit hinein. Sprich das an, was nicht in Ordnung ist, sorge für Reinigung und Vergebung. Und der Verband bedeutet: Gib ihm Zeit, damit die Wunden heilen können. Das sind meine Güter dieser Welt: Ich kann etwas Gutes in deine Not hineinbringen, ich kann dir mit ehrlicher Liebe begegnen und ich kann dir Zeit geben. Diese Liebe hinterlässt Spuren. Denn so eine Hilfe ist unvergesslich gut. Der verletzte Mann wird den Samariter sein Leben lang nicht mehr vergessen. Wer dir einmal aus einer verzweifelten Lage geholfen hat, mit dem verbindet dich etwas. Ich kann nicht vergessen, wie mein Schwager uns in einer schwierigen finanziellen Situation sagte: „Ich habe eine Steuer-Rückzahlung erhalten und wollte zehn Prozent davon für eine Sache spenden, die Gott mir aufs Herz legt. Und das seid ihr!“ Ich denke an einen Mitschüler, der mich jeden Tag mit seinem Auto zur Schule gefahren hat, als ich wochenlang einen Gips am Bein tragen musste. Ich bin dankbar für den Freund, der gemerkt hat, wie unruhig und unsicher ich vor einer Bibelwo-che war und zu mir kam, um für mich zu beten. Und ich kann nicht vergessen, was Jesus für mich getan hat. Er ist der wahre barmherzige Samariter. Er sieht, dass mein Leben „unter die Räuber“ gefallen ist. Er lässt sich durch nichts abhalten, son-dern kommt zu mir, kümmert sich um meine Wunden, hebt mich auf und sorgt dafür, dass ich heil werde. Und dafür trägt er alle Kosten. Er setzt sein Leben ein, damit ich leben kann. Das ist unver-gesslich gut! Diese Barmherzigkeit verändert mich. Deshalb will ich die Menschen, zu denen Gott mich führt, nicht nur äußerlich versorgen und ihnen helfen. Ich möchte sie mit Jesus in Verbindung bringen! Darum gehört zur echten Barmherzigkeit immer das Gebet. Ich bete für diesen Menschen und wo immer es möglich ist, auch mit ihm. Jesus ist mein größtes „Gut“ in dieser Welt. Er ist das Beste, was ich den Menschen geben kann. Denn er ist das „Öl“. Er ist der Gesalbte, der uns durch Gottes Geist segnet und mit allem Guten versorgt (Lk 4,18f, Joh 1,41). Jesus ist der „Wein“. Er ist der Erlöser, der sein Leben gegeben hat. Sein Blut reinigt von aller Sün-de (Mt 26,28; Eph 1,7). Und er ist der „Verband“. Er ist der Heiland, der wie ein guter Hirte dafür sorgt, dass mein Leben heil wird (Joh 10,27f; 1.Joh 4,14). Durch ihn wird mein Wissen lebendig, die Hilfe praktisch und die Liebe persönlich. Mit welchem Menschen überrascht Gott mich heute wohl? Wen kann ich mit Jesus in Verbindung bringen? Amen