"Von der Buße" - Lukas 5,32

Warum ist Jesus auf diese Erde gekommen? Mir fallen da viele richtige Antworten ein: Er kam, um uns Gottes Liebe zu zeigen. Er kam, „um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45), um „zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“ (Lk 19,10). Er kam, um für unsere Sünde zu sterben, den Tod zu besiegen und uns den Weg zu Gott zu bahnen. All diese Antworten betonen das Gute, das Jesus uns tut. Aber Jesus hatte auch einen Auftrag, den ich oft übersehe. Er sagt: „Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.“ (Lk 5,32) So antwortete er den Pharisäern. Sie hatten sich darüber aufgeregt, dass er mit Menschen Gemeinschaft hat, die offensichtlich gegen Gottes Willen handeln. Mit Zöllnern und anderen Sündern. Und Jesus sagt: „Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen.“ Damit stellt er klar: Ich finde nicht gut, was diese Menschen tun. Ich bringe nicht einfach alles für sie in Ordnung, sondern ich rufe sie zur Buße. Da muss sich was in ihrem Leben verändern.
Aber was ist Buße überhaupt? Wir kennen Buße heute oft nur als Androhung einer Strafe. Da sagt man: „Das sollst du mir büßen!“ Es gibt das Bußgeld, die Lückenbüßer, die niemand wirklich schätzt oder die Einbußen, die ein Geschäftsmann in Kauf nehmen muss. Buße klingt für uns negativ und wir verbinden damit, dass jemand eine Strafe ableisten muss, auch wenn er nicht einsieht, was er falsch gemacht hat. Er braucht es nicht verstehen oder gut finden, er muss es nur zahlen!
Aber wir müssen genau hinschauen. Jesus kommt nicht, um eine Buße aufzuerlegen, sondern um „zur Buße zu rufen“. Er verurteilt die Menschen nicht zu einer Strafe, sondern stellt sie vor eine Entscheidung. Darum heißt die erste Tatsache der Buße:

Ohne Buße keine Vergebung
Wenn in der Bibel von Buße die Rede ist, steht sie immer im Zusammenhang mit Sünde.
Im Alten Testament gibt es zwei Begriffe dafür. Der erste (hebr. „nacham“) bedeutet, „über etwas Leid zu empfinden“. Ich habe eingesehen, was falsch war. Es hat mein Herz getroffen, ich bereue es und es tut mir weh. Der zweite Begriff  (hebr. „schub“) bedeutet „umdrehen und zurückkehren“. Da ziehe ich die Konsequenzen. Es soll so nicht weitergehen, sondern anders werden. Diese beiden Seiten gehören immer zur Buße: Reue und Umkehr. Ich sehe etwas ein und ändere meine Richtung.
Im Neuen Testament gibt es für Buße nur einen Begriff, der beide Gedanken zusammenfasst (griech. „metanoia“). Er bedeutet „Sinnesänderung, Umkehr des Denkens“. Ich sehe die Dinge anders und ziehe daraus meine Konsequenzen. Wenn ich es vorher normal fand, über andere herzuziehen und mich über sie lustig zu machen, weiß ich jetzt, dass es falsch ist. Wenn ich vorher lügen und stehlen konnte, ohne mir Gedanken zu machen, schlägt jetzt mein Gewissen. Wenn ich bisher vieles verheimlichen und vertuschen musste, damit es keiner mitbekommt, kann ich jetzt dazu stehen. Buße bedeutet, dass meine Gedanken und meine Lebensrichtung sich geändert haben. Ich habe etwas als falsch erkannt und bin bereit, es zu ändern.
Aber wie kommt jemand dazu? Jesus sagt: „Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen.“ Da geht es um eine grundlegende Entscheidung. Denn unser Leben ist von Natur aus von der Sünde beherrscht. Es ist ein Leben ohne Gott, wo sich alles um mich dreht, um mein Glück, mein Ansehen, meinen Erfolg. Dieser Weg ist anstrengend, weil es immer bergauf geht und ich alles selber tun muss. Im Bild gesprochen: Ich steige auf den „ICH-Berg“. Auf diesem Weg kann ich keine Rücksicht nehmen und muss mich durchsetzen, damit ich nicht zu kurz komme. Darum ziehe ich auf diesem Weg eine riesige Harke hinter mir her, in der sich Steine, Dreck und Müll ansammelt. Und je länger ich unterwegs bin, desto mehr kommt da zusammen.
Ohne Buße geht es auf diesem Weg immer weiter. Ich werde die Last meines Lebens nicht los und schleppe mich daran kaputt. Und am Ende wartet auf mich nur das Gericht und der ewige Tod. Ich bin verloren! Genau das hat Petrus auch zu Pfingsten gepredigt. Und das ging den Menschen „durch‘s Herz“. Darum fragten sie ihn: „Was sollen wir tun?“ Und er antwortete ihnen: „Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden.“ (Apg 2,37+38) Darum schreibt Petrus später in einem Brief: „Gott will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.“ (2.Petr 3,9)
Darum ruft Jesus die Sünder zur Buße. Er tut das z.B. in den Gleichnissen über das verlorene Schaf und den verlorenen Groschen. Dort sagt Jesus: „So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“ (Lk 15,7) „So wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“ (Lk 15,10)
Er möchte ihnen helfen, ihren falschen Weg zu erkennen und umzukehren. Aber dafür muss er das Herz erreichen. Zuerst muss eine echte Reue da sein. Jesus hat zwei Möglichkeiten.
Die erste ist: Er zeigt uns, wo der Weg ohne Gott endet. So hat er es bei den Pharisäern getan. „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“ (Lk 13,3+5) Er führt uns an die Grenzen und lässt uns unseren selbstgewählten Weg zu Ende gehen. Und dann bricht das zusammen, worauf wir uns verlassen haben und so stolz waren. Wie oft komme ich erst in der Krise zur Besinnung. Manchmal muss es erst wehtun, bevor wir den falschen Weg einsehen. So wie in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der kam erst zu Einsicht, als alles am Ende war und er bei den Schweinen saß.

Aber Jesus hat noch eine zweite Möglichkeit. Stell dir vor, dass dein kleines Kind mit einer alten, rostigen Blechdose spielt. Was musst du tun, damit es diese Dose loslässt? Du musst dem Kind etwas Besseres zeigen! Was sein Interesse weckt und ihn die alte Büchse vergessen lässt. So macht Jesus das bei den Sündern auch. Er droht nicht mit den Folgen, sondern zeigt, was besser ist.
Genau das ist die wörtliche Bedeutung von Buße. Es kommt von „besser“ und bedeutet „Nutzen, Vorteil“. Die Buße ist zu meinem Besten. Sie ist nicht nur Abkehr von der Sünde und dem ICH-Berg, sondern immer auch Hinkehr zu Gott. Es ist nicht nur eine kleine Kurskorrektur, sondern eine ganze Umkehr. Das Leben wird völlig anders und bekommt eine neue Richtung.
So wie bei dem verlorenen Sohn. Er erkennt in seiner Krise, dass es etwas viel besseres gibt. Einen Ort, wo er zu Hause war. Einen Ort, wo er geliebt wurde. Diese Liebe trifft ihn im Herzen. Ihm wird bewusst, was ihm ohne seinen Vater fehlt. Darum kehrt er um und tut Buße. Ohne diese Umkehr hätte er nie erfahren, dass sein Vater ihm vergeben will. So lädt Jesus die Sünder ein. Er zeigt ihnen die Liebe, mit der Gott sie sucht. Paulus schreibt es einmal so: „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Röm 2,4)

Dadurch bekommt das Leben eine neue Richtung, aber auch eine neue Ordnung. Denn wenn ich mich Gott zuwende, ordne ich mich ihm unter und vertraue mich ihm an. Ich gebe zu: Ich bin unfähig, das in Ordnung zu bringen, was ich angerichtet habe. Ich habe keinen Anspruch darauf, dass du mich annimmst, aber ich will weg von meinem alten Leben. Es zählt nicht mehr, was ich leiste, sondern was du schenkst!

Buße bedeutet: Ich lasse das Alte los und stehe mit leeren Händen vor Gott! Und im Himmel herrscht Freude über einen Sünder der Buße tut! Über jeden, der seine Sünde bekennt und dieses Geschenk der Vergebung annimmt. Wenn ein Mensch diese Entscheidung für Jesus trifft, dann gibt es viel Grund zum Jubeln – im Himmel und auch in der Gemeinde!
Darum ist Jesus gekommen: „Die Sünder zur Buße zu rufen.“ Er sagt: Du darfst bei Gott zu Hause sein. Er nimmt dich als sein Kind an. Ohne Buße gibt es keine Vergebung. Das ist die erste Tatsache. Und die zweite heißt:

Ohne Buße keine gute Veränderung
Jesus sagt: „Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.“ Gibt es Menschen, die keine Buße mehr brauchen, bei denen alles stimmt?
Jeder braucht in seinem Leben diese grundlegende Umkehr. Die Abkehr vom ICH-Berg und die Hinkehr zum Vater-Haus. Dort bin ich als sein Kind zu Hause. Ich bin ein Gerechter, weil er mein Leben in Ordnung gebracht hat.
Aber weil ich weiter als Mensch in dieser Welt lebe, brauche ich seine Vergebung jeden Tag neu. Denn obwohl ich weiß, wie gut ich es bei ihm habe, zieht es mich immer wieder von Gott weg. Ich kann den ICH-Berg nicht vergessen. Er lockt mich immer wieder. Mir sind das Geld, meine Gefühle und die Meinungen der Menschen immer noch wichtig. Ich strenge mich an, um gut dazustehen. Darum bin ich oft stolz, gereizt oder überlastet. Und ich muss Buße tun. Alles loslassen, was ich selber habe und mich mit leeren Händen vor Gott stellen. Denn ich bin ein Sünder und brauche seine Vergebung.
Aber mein Leben soll stabiler, fester und gradliniger werden. Ich möchte im Glauben wachsen und mich immer weniger von dem Vaterhaus ablenken lassen. Ohne Buße gibt es keine dauerhafte und gute Veränderung. Denn nur was mir leidtut, werde ich auch vermeiden. Nur was mich im Herzen getroffen hat, wird mein Leben prägen. Eine große Hilfe ist es, die Dinge nicht nur vor Gott zu bekennen, sondern auch vor anderen Menschen. Was ich vor anderen zugegeben und ausgesprochen habe, werde ich nicht mehr so leicht tun.
Wenn du Probleme mit der Sexualität oder mit der Ehrlichkeit hast und das in der Seelsorge bekannt hast, dann ist die Hemmschwelle höher, dich beim nächsten Mal wieder einfach so treiben lassen. Denn der andere wird dich wieder fragen.
Wenn du mit deinen Worten immer wieder Menschen verletzt, die du liebst, dann bitte sie konkret dafür um Vergebung. Jedes Mal! Das kostet viel Überwindung. Aber so wirst du mehr auf deine Worte und deinen Tonfall achten.
Jesus sagte einigen Menschen: „Sündige hinfort nicht mehr!“ (Joh 5,14; 8,11) Das werden sie nicht ihr Leben lang geschafft haben. Aber in dem Bereich, wo sie Buße getan haben, war ihr Gewissen sensibler. Darauf haben sie viel mehr geachtet. Darum will ich die Buße konkret machen, damit mein Leben zum Guten verändert wird.
Aber wo soll ich anfangen? Ich merke oft, wenn etwas in meinem Leben nicht stimmt. Dann bin ich unsicher und unruhig, ungeduldig und unzufrieden. Aber ich weiß oft nicht, woran es liegt. Wo genau muss ich denn umkehren? Was muss sich ändern?
Es gab einmal einen genialen deutschen Ingenieur (Charles P.Steinmetz, 1865-1923), der in Amerika arbeitete. Als im Autowerk von Ford ein großer Generator nicht mehr funktionierte und man den Fehler nicht fand, bat Henry Ford diesen Mann, sich das anzuschauen. Er ging einige Minuten um die Maschine herum, hörte sich die Geräusche an, machte sich Notizen, nahm dann ein Stück Kreide und machte ein Kreuz auf einen bestimmten Teil einer Maschine. Als man diesen Teil auseinandernahm, fand man genau hier die Ursache für den Ausfall. Ein paar Tage später bekam Henry Ford die Rechnung des Ingenieurs über 10.000 Dollar. Das erschien ihm übertrieben hoch, darum bat er, diese Summe genauer zu erklären. Darauf bekam er eine Rechnung, auf der stand:
„Ein Kreuz anzeichnen: 1 Dollar.
Wissen, wo das Kreuz anzuzeichnen ist: 9.999 Dollar.“
(aus: John Ortberg „Das Leben nach dem du dich sehnst“, Projektion J, S. 129f)
Es ist unbezahlbar, jemanden zu haben, der weiß, wo das Kreuz anzuzeichnen ist. Der seinen Finger auf die Stelle legt, wo das Problem liegt. Das tut Gott durch seinen Heiligen Geist. Er deckt auf, wo mein Leben in eine falsche Richtung läuft. Damit stellt er mich vor die Entscheidung, ob ich umkehren will.

Die Menschen, mit denen Jesus zusammensaß, mussten sich entscheiden, ob sie ihr Leben weiter ohne Gott führen wollten. Die Pharisäer mussten sich fragen lassen, ob sie wirklich so gerecht waren, dass sie keine Buße mehr brauchten. Und ich muss mich entscheiden, ob ich auf den ICH-Berg oder auf das Vater-Haus zusteuern möchte. Jeder muss die Richtung für sein Leben festlegen.
Ich weiß nicht, worauf Gott in deinem Leben sein Kreuz macht. Vielleicht an deine Ehe, deinen Umgang mit dem Geld oder mit der Zeit. Vielleicht hat er sein Kreuz an die alten Wunden gemacht, die du nicht loslassen willst, an dein Hobby, das dich so besetzt, an deinen Wunsch, die Dinge im Griff und unter Kontrolle zu haben. 
Wir lernen am meisten durch das, woran wir leiden. Weil Gott weiß, was für mein Leben am besten ist, will ich ihn sein Kreuz in meinem Leben machen lassen. Auch wenn es weh tut. Darum wünsche ich uns den Mut zur Buße. Dass wir alles Eigene loslassen und mit leeren Händen vor ihm stehen. Weg vom ICH-Berg und hin zum Vater-Haus. Denn nur dann entdecken wir, wie gern er uns vergeben will und wie diese Liebe uns verändert. Deshalb ist Jesus „gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.“
Amen