"Worauf verlässt du dich?" - Jeremia 17, 5-8

„Im Jahr der Dürre ist er unbekümmert.“ Vor ein paar Wochen bin ich in meiner Bibellese an diesem Satz hängen geblieben. Ich weiß nicht, wie ihr das Jahr 2020 bisher erlebt habt, aber in vielen Bereichen ist es ein Jahr der Dürre. Familien mussten auf ihren Urlaub verzichten, Paare ihre lange geplante Hochzeit absagen, manche sind seit Monaten in Kurzarbeit und haben ihre finanziellen Reserven aufgebraucht, andere sind so überlastet, dass sie keine Kraft mehr haben. In den Gemeinden läuft alles nur gebremst, die Begegnungen sind auf ein Minimum reduziert. Es lässt sich nichts mehr langfristig planen. Es ist ein Jahr der Dürre… Gerade deshalb fordert mich der Satz heraus: „Im Jahr der Dürre ist er unbekümmert.“ Kennt ihr so einen Menschen? Der ruhig bleibt trotz aller Veränderungen, der in der Krise den Humor nicht verliert, der Gelassenheit ausstrahlt und von Herzen das tut, was er kann. Ich wäre gerne so ein Mensch. Gerade in diesem Jahr! Aber was ist der Schlüssel dazu? Darum schaue ich genauer hin, was Gott in seinem Wort dazu sagt und in welchem Zusammenhang dieser Satz steht. „So spricht der Herr: Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut, sich auf Menschenkraft verlässt und dessen Herz vom Herrn weicht! Der ist wie ein Strauch in der Wüste, der vergeblich auf Regen hofft… Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und sein Vertrauen auf den Herrn setzt. Der ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist, seine Wurzeln zum Bach hinstreckt und sich nicht fürchtet, wenn die Hitze kommt. Seine Blätter bleiben grün, im Jahr der Dürre ist er unbekümmert und hört nicht auf, Frucht zu tragen.“ (Jeremia 17,5-8) Auf Menschen vertrauen Diese Worte sagt Gott durch den Propheten Jeremia dem Volk Israel. Die Babylonier waren dabei, ihr Weltreich aufzubauen und rückten immer näher heran. Weil die Israeliten wussten, dass sie dieser Armee nicht gewachsen waren, suchten sie nach Auswegen. Und eine Möglichkeit war, sich mit den Ägyptern zusammen zu tun, um gemeinsam ihre Gebiete zu verteidigen. Und genau davor warnt Jeremia. Er sagt: Wer auf Menschen vertraut und sich davon die entscheidende Hilfe erhofft, wird am Ende enttäuscht. „Der ist wie ein Strauch in der Wüste, der vergeblich auf Regen hofft.“ Jeremia warnt: Vertrau nicht auf Menschen! Aber wir leben mit Menschen zusammen. Und es ist gut, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und helfen. Was wäre das für ein Team, in dem wir uns nicht aufeinander verlassen können! Was würde aus einer Familie, in der wir uns nicht vertrauen? Wie lange kann eine Gemeinde bestehen, ohne zuverlässige und treue Mitarbeiter? Es ist wichtig und gut, den Menschen zu vertrauen. Aber in dem Moment, wo ich meine Hoffnung auf Menschen setze, gerät etwas in Schieflage. Da mache ich mich von ihnen abhängig. „Nur du bist mein Glück! Ohne dich kann ich nicht leben! Nur mit dir kommen wir weiter!“ Jeremia warnt uns davor. Denn wie schnell rutsche ich in diese Denkweise hinein. Wenn einer überzeugend auftritt, denke ich: „Der hat den Durchblick! Der weiß, wie es geht, hat das richtige Konzept und die Antwort auf unsere Probleme. Nur so wird es besser.“ Wenn ich mit einer Sache nicht klar komme, versuche ich eine Lösung zu finden, wie ich es mit meinen Möglichkeiten in den Griff bekomme. Dazu gebrauche ich meistens eine „wenn-dann“- Logik. Wenn ich die richtige Technik beherrsche, die passenden Worte finde…, dann bekomme ich das gewünschte Ergebnis. Wenn wir einen anderen Chef, mehr Mitarbeiter… hätten, wäre alles viel leichter. Damit vertraue ich auf Menschen und ihre Fähigkeiten, auf „Menschenkraft“. Ich vertraue auf meine Logik und Erfahrung, auf „Menschenverstand“. Und Jeremia sagt: „Der ist wie ein Strauch in der Wüste, der vergeblich auf Regen hofft.“ Dieses Bild beschreibt es sehr gut. Wir erleben eine Dürre und versuchen, sie selbst zu beheben. Aber wir merken, dass sich dafür äußerliche Umstände verändern müssten, die wir nicht beherrschen. Wenn ich erstmal Arbeit habe…., wieder gesund bin…, das Haus fertig ist…, dann geht es mit unserer Ehe aufwärts…, wäre das Leben wieder schön…, setze ich mich wieder in der Gemeinde ein. Wenn Corona endlich vorbei ist…, wir wieder singen können…, uns ohne Masken treffen…, dann wäre wieder Leben in der Gemeinde. Aber glaube ich das wirklich? Ein Regenschauer löst meine Probleme nicht. Er tut gut, aber wenn er vorbei ist, warte ich auf den nächsten. Wer auf Menschen und ihre Kraft vertraut, der ist wie ein Strauch in der Wüste. Und es trifft mich, wie oft ich mich in diesen Gedanken wieder finde. Die Diagnose von Jeremia ist knallhart: Wer auf Menschen vertraut, verlässt den Herrn! Er schreibt: „dessen Herz vom Herrn weicht“. Du willst zu ihm gehören und weichst doch von ihm ab. Du willst ihn bei dir haben, aber du löst dich von ihm. Du hast deinen Weg selbst ausgesucht und hoffst trotzdem, dass Gott seinen Segen wie einen Regenschauer dazu gibt. Hier lag Israels Schuld. Sie erwarteten die Hilfe von den Ägyptern und hofften, dass Gott dann noch seinen Segenregen schickt, damit das Problem gelöst wird. Aber sie wollten seine Worte nicht hören und ihm nicht gehorchen. Jeremia sagt es deutlich: Euer „Herz weicht vom Herrn“. Und er wird noch härter: So ein Mensch ist „verflucht“. Wer verflucht ist, lebt unter einer negativen Ankündigung. Da ist ein Urteil gesprochen und eine Trennung vollzogen. Verflucht bedeutet: dem Untergang geweiht, nicht mehr zu retten. Gott verflucht keinen Menschen, sondern er stellt uns vor die Entscheidung: Wollt ihr mit mir oder ohne mich leben? Mir vertrauen oder alles selber regeln? Wählt ihr den Segen oder den Fluch (5.M 11,26)? Der Fluch ist die Folge der Sünde, wenn Gott nicht mehr an erster Stelle und über allem steht. An dieser Entscheidung hängt oft ein längerer Prozess. Es beginnt ganz klein, ist aber nicht mehr aufzuhalten. Denn Gott trennt sich nicht einfach von uns, sondern wir lösen uns von ihm. Unser „Herz weicht“ von ihm. Es ist wie bei einem Aufkleber. Solange er mit der ganzen Fläche an etwas klebt, ist alles gut. Aber sobald eine Ecke abgelöst ist, sammelt sich dahinter Staub und Schmutz. Diese Ecke klebt nicht mehr. Dadurch löst sich der Aufkleber nach und nach immer weiter ab. Er ist nicht mehr zu retten und wird abfallen. Das bedeutet „verflucht“. Es sieht erst harmlos aus, aber das Ende steht fest. Wie schnell löst sich bei mir eine Ecke in meinem Vertrauen zu Gott. Ich sage, singe und bekenne: „Ich halte mich an dich, Herr!“ Aber innerlich melden sich manche Fragen: Warum dauert es so lange, bis du etwas veränderst? Warum muss der Mensch so leiden, der mir am Herzen liegt? Warum kommt so wenig heraus, obwohl ich mich so für dich einsetze? Warum fühle und erlebe ich so wenig von deiner Gegenwart? All das macht mich unruhig. Und mein „Herz weicht vom Herrn“. Nach und nach löst sich etwas in mir ab. Ich bin wie ein Strauch in der Wüste, der auf Regen hofft und leide unter der Hitze… Und dann fällt mir wieder dieser Satz ein, an dem ich hängengeblieben bin: „Im Jahr der Dürre ist er unbekümmert.“ Darum will ich unbedingt weiterlesen. Wie komme ich dahin? Auf den Herrn verlassen „Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und sein Vertrauen auf den Herrn setzt. Der ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und seine Wurzeln zum Bach hinstreckt.“ Das sind völlig andere Lebensbedingungen. Da steht kein „Strauch in der Wüste“, sondern ein „Baum am Wasser“. Und alles hängt an meiner Entscheidung, auf wen ich mich verlassen will und woran mein Herz hängt. Zwei Tatsachen stehen für mich dabei im Zentrum: 1. Ich bin hier mit dir! Der Baum ist „gepflanzt“. Das bedeutet: Gott hat diesen Platz für mich ausgesucht, darum will ich diesen Ort akzeptieren und schätzen lernen. Er hat mich jetzt hierhin gestellt, in diese Familie, in diese Zeit, in diese Situation. Manche Dinge können wir uns nicht aussuchen. Aber wir stehen jetzt gemeinsam hier. Für andere Dinge habe ich mich selbst entschieden. Für meinen Partner, diese Gemeinde, meinen Beruf, unser Haus. Aber in allem gilt: „Ich bin hier mit dir!“ Mit meinem Herrn. Ich bin ein „Baum, der am Wasser gepflanzt“ ist. Und die zweite Tatsache heißt: 2. Dein Wasser ist da! Ich muss nicht auf Regen warten, sondern ich stehe am Wasser. Ich brauche meine Wurzeln nur zum Bach hinstrecken. Ich bin hier gesegnet, versorgt und beschenkt. Ich brauche nicht darauf warten, dass Gott segnet. Ich muss nicht darauf hoffen, dass die Umstände sich verändern, damit ich frei und glücklicher bin. Sondern ich habe alles jetzt und hier. Ich muss mich nicht auf meine Kraft, meinen Glauben und mein Bekenntnis verlassen, sondern auf Gottes Zusagen und seine Treue. Und die gelten zu jeder Zeit. „Ich bin hier mit dir! Und dein Wasser ist da! Ich brauche nicht die Lösung meiner Probleme, um glücklich zu sein, sondern dich und deine Nähe!“ Das trägt auch in den schweren Zeiten. Denn keiner bleibt davon verschont. Es gibt Streit in der Familie, Krisen in der Arbeit, Schmerzen und Sorgen, die mich nicht schlafen lassen, finanzielle Engpässe, Kämpfe in der Gemeinde, Einschränkungen, die mir nicht gefallen… Manche haben wir selbst zu verantworten, andere können wir nicht verhindern. Aber ich verlasse mich auf dich! Ich strecke meine Wurzeln hin zum Wasser. Mir gefällt diese Beschreibung: „er fürchtet sich nicht, wenn die Hitze kommt.“ Auch für einen Baum am Wasser kommen schwere und dürre Zeiten, aber er geht daran nicht kaputt. Denn das Entscheidende kann er nicht verlieren. „Ich bin hier mit dir! Und dein Wasser ist da!“ Mein Herr hält mich fest. Oder wie es ein Pastor gebetet hat: „Herr, ich vertraue darauf, dass du etwas Besonderes mit mir vorhast, wenn du mich in die Stille führst.“ Dieses Vertrauen wird an drei Merkmalen deutlich: - „Die Blätter bleiben grün.“ Das ist ein Zeichen für Dankbarkeit. Wer sich auf den Herrn verlässt, bleibt dankbar. Er sieht das Gute, das er hat, den Segen, den Gott schenkt, die Menschen, denen er vertrauen kann, die Beziehungen, die gewachsen sind. Mir sind viele unserer älteren Geschwister ein Vorbild, die trotz aller Einschränkungen dankbar sind für jeden Gruß, jeden Anruf, jede Möglichkeit, eine Predigt zu lesen. Sie fragen nicht: Worauf müssen wir jetzt alles verzichten? Sondern: Was haben wir trotz allem behalten! Dieses dankbare Herz hält frisch und gesund. Wofür kannst du heute danken? Was hat sich für dich im letzten halben Jahr verändert? Was hast du neu schätzen gelernt? Erst aus der Dankbarkeit wächst das zweite Merkmal. - „Im Jahr der Dürre ist er unbekümmert“. Hier geht es um Ruhe und Gelassenheit. Alles, was um mich herum geschieht, kann mir das Wesentliche nicht nehmen. „Ich bin hier mit dir!“ Oft helfen schwierige Zeiten sogar, den Blick auf das Wichtige zu konzentrieren. Ich sehe in der momentanen Situation auch einen äußerlichen Stillstand, der uns als Gemeinde dazu bringt, die Quelle neu zu entdecken und unsere Wurzeln bewusst zum Bach hinzustrecken. Wir spüren deutlicher, was wir vermissen (sichtbare Gemeinschaft, Austausch über Gottes Wort, gemeinsamer Einsatz und Gebet). Diese besondere Zeit deckt bei uns aber auch die Schwächen auf, an die wir uns im Alltag gewöhnt haben. (was hält uns zusammen? Wie tragfähig sind unsere Beziehungen? Hängt mein Herz an Jesus oder an Formen, Musik, Veranstaltungen oder Menschen?) Unsere Aufgabe ist nicht, die Umstände zu verändern, das Virus zu besiegen oder das Ende der Pandemie herbeizusehnen, sondern unsere Wurzeln wieder neu zum Bach hinzustrecken. „Wir sind hier mit dir! Dein Wasser ist da.“ Die Zeit der Dürre hilft uns, die Wahrheit zu erkennen. Darum will ich nicht ständig fragen: „Was kommt am Ende heraus?“ Sondern ich will heute hören, was Gott mir und uns zu sagen hat. Und das führt zum dritten Merkmal: - „Hört nicht auf, Frucht zu tragen“: Frucht bedeutet, ein Segen für andere zu sein. Das ist unsere Aufgabe als Kinder Gottes und Gemeinde von Jesus Christus. Und die endet nicht in schwierigen Zeiten. Für mich heißt das: Gerade in diesen Zeiten will ich aufmerksam bleiben und den Blick für die anderen nicht verlieren. „Wir sind hier mit dir! Und dein Wasser ist da!“ Das wollen wir weiter sagen. Auch wenn wir uns nur wenig begegnen und viele den Gottesdienst nicht besuchen können: Wir bringen Frucht! Vielleicht sogar mehr, als vorher. Durch die technischen Möglichkeiten, durch Briefe, Anrufe und die Verbindung untereinander. Wir sind gesegnet! Gerade jetzt. Auch in der Dürrezeit tragen wir Frucht. Als meine Frau und ich vorletzte Woche in Quarantäne mussten, war mein Gebet: „Herr, lass unsere Liebe in dieser Zeit weiterwachsen!“ Und es war eine gute Zeit für uns. Wenn du mit deinem Bauprojekt ausgelastet bist und wenig Zeit hast, dich in der Gemeinde einzusetzen, dann überleg mal wieviel Zeit du auf Baustelle mit Menschen verbringst, mit denen du reden kannst! Wenn du viel Zeit mit Therapien oder in Kliniken verbringen musst: Du triffst Menschen, denen du sonst nicht begegnet wärst. Sei einfach aufmerksam! Wenn deine Kinder dich viel Kraft kosten und dein Leben sich so eingeschränkt anfühlt: Gerade durch die Kinder hast du immer ein Thema durch das du mit anderen Menschen ins Gespräch kommen kannst. „Ich bin hier mit dir! Dein Wasser ist da!“ Wer diese beiden Tatsachen beherzigt, bleibt aufmerksam kann zur richtigen Zeit helfen, zuhören, Mut machen oder einfach da sein. Der hört nicht auf, Frucht zu tragen. Wer sich auf den Herrn verlässt, der bleibt dankbar, gelassen und aufmerksam. Darum bete ich dafür, dass man uns das abspürt: „Im Jahr der Dürre ist er unbekümmert“. Denn wir sind hier mit unserem Herrn. Und sein Wasser ist da! Amen